Sie besuchen eine archivierte Seite!

Philosophisches Lesen > Heidegger > Sein und Zeit

Martin Heidegger: Sein und Zeit

Übersicht Stil der Untersuchung Die Destruktion der Geschichte der Ontologie Die Frage nach dem Sinn von Sein Gegenwärtige Vorurteile, die die Seinsfrage verhüllen Dasein als Ausgangspunkt der Untersuchung Phänomenologie Der phänomenologische Fortgang Phänomenologische Ontologie Vorbereitende Daseinsanalyse Wahrheitsbegriff Traditionelle Ontologie Descartes Sprachstil Begriffsbenennung Gesprächlichkeit Anlass der Veröffentlichung

Sein-und-Zeit-Lexikon Lexikon mit über 600 Stichworten zur Auseinandersetzung mit dem Werk "Sein und Zeit". Mein Lexikon steht auf BoD und Lulu.com als Buch bzw. PDF zur Verfügung.

Übersicht

Das Werk stellt den ersten Schritt einer Untersuchung des Seins dar, einer phänomenologischen Untersuchung, die einen neuen ontologischen Weg einschlagen soll gegenüber dem falschen Ansatz, der die Ontologie seit der Antike bis in die Gegenwart prägt. Es stellt die Zeitlichkeit als Bedingung der Möglichkeit des Seins heraus.

Stil der Untersuchung

Das Werk ist von einer analytisch-formalen Denkweise — mit einem leichten mathematischen Anklang — stark geprägt. Die entfaltete Begrifflichkeit, die sehr reif und präzis ist, muss erst einmal strukturell deutlich verstanden werden, bevor man sie auf die angesprochenen Phänomene anwenden kann. Das Verstehen wird allerdings dadurch erschwert, dass zum Teil nicht viel Wert auf die technische Exaktheit der Definitionen gelegt wird (s. u. Gesprächlichkeit). Das formale Verständnis ist hier zwar eine Hilfe, aber keinesfalls ausreichend. Das Wichtigste im Werke ist nicht das Methodische selbst, sondern das, was mit dessen Hilfe erreicht werden kann. (Siehe auch formale Anzeige und Sprachstil)

Die Destruktion der Geschichte der Ontologie

Ursprünglich wurde ein 2. Teil des Werkes geplant, der einige Stationen der traditionellen Ontologie kritisieren sollte, nicht um sie „zu vernichten“, sondern deswegen, weil es entscheidend für die Zukunft ist, dass man sich der eigenen Vergangenheit richtig aneignet. Dieser 2. Teil, dem der § 6 gewidmet wird, sollte 1. die Kantische Lehre des Schematismus und der Zeit, 2. das „cogito sum“ des Descartes, und 3. die Abhandlung des Aristoteles über die Zeit behandeln (§ 8, S. 40) (s. dazu Leseecke).
Die Tradition macht die Geschichte der Seinsfrage undurchsichtig. Es bedarf einer Destruktion des überlieferten Bestandes der antiken Ontologie, um das durch die Tradition Verdeckte wieder ins Tageslicht zu bringen. Dank derer holen wir die in der Antike gewonnenen Bestimmungen des Seins wieder (§ 6, S. 22).
Über diesen 2. Teil schrieb der Autor in der Vorbemerkung zur siebten Auflage 1953: „Die in den bisherigen Auflagen angebrachte Kennzeichnung »Erste Hälfte« ist gestrichen. Die zweite Hälfte läßt sich nach einem Vierteljahrhundert nicht mehr anschließen, ohne daß die erste neu dargestellt würde. Deren Weg bleibt indessen auch heute noch ein notwendiger, wenn die Frage nach dem Sein unser Dasein bewegen soll.“ (S. VII)

Die Frage nach dem Sinn von Sein

Worum geht es in der so genannten Seinsfrage? Sie ist eine Frage nach einem Wort, dem Verb „sein“. Wir sagen: „Der Himmel ist blau“, „ich bin froh“ (S. 4). Wir sagen ständig: Dies und jenes ist so und so. Doch: Was heißt eigentlich ist? Heute müssen wir uns aktiv darum bemühen, unsere Vorurteile zu überwinden, wenn wir uns diese Frage unvoreingenommen nähern wollen. Dieses und jenes sind Seiende. Was macht sie denn aus als das, was sie sind? Was sind sie? Allgemein formuliert: Was ist das Sein der Seienden? Anders ausgedrückt: Was macht etwas, das (so und so) ist, seiend? Die zwei Kapitel der Einleitung (§§ 1-8) widmen sich ganz dieser Frage und erörtern sowohl deren Bedeutung als auch den einzig möglichen Ausgangspunkt (das Dasein) und die nötige (phänomenologische) Herangehensweise.
Auffallend ist hier, dass die Seinsfrage in Sein und Zeit zwar erörtert aber ohne Vorgeschichte aufgeworfen wird, während sie in Prol. Zeit aus inneren phänomenologischen Notwendigkeit entsteht, nämlich aus der Kritik der ersten Ausbildung der Phänomenologie bei Husserl und Scheler. (Prol. Zeit., S. 123-183)

Gegenwärtige Vorurteile, die die Seinsfrage verhüllen

Die Seinsfrage ist heute vom Vorurteil verdeckt, das „Sein“ sei der gattungsmäßig allgemeinste Begriff und deshalb undefinierbar, und vom Vorurteil, das „Sein“ sei der selbstverständlichste Begriff und bedürfe keiner Auslegung (§ 1, S. 2-4).

Dasein als Ausgangspunkt der Untersuchung

Wenn wir nach dem Sein des Seienden suchen, ist das, was wir suchen, selbst kein Seiendes. Darum ähnelt unserer Untersuchung keine andere, die nach einem Seienden sucht. „Sein als das Gefragte fordert daher eine eigene Aufweisungsart, die sich von der Entdeckung des Seienden wesenhaft unterscheidet. Sonach wird auch das Erfragte, der Sinn von Sein, eine eigene Begrifflichkeit verlangen, die sich wieder wesenhaft abhebt gegen die Begriffe, in denen Seiendes seine bedeutungsmäßige Bestimmtheit erreicht.“ (§ 2, S. 6)
Da wir Untersuchenden je ein Mensch sind, erweist sich das Dasein (das sich selbst und die Welt wahrnehmende, das Seiende verstehende, am eigenen Sein interessierte Phänomen, das jeweils ich bin) als Ursprung der Untersuchung (§§ 1-4).

Phänomenologie

Die Phänomenologie ist die Methode der Untersuchung. Sie schließt an die Arbeiten Husserls an (s. Hintergrund). Die phänomenologische Vorgehensweise, die im § 7 ausführlich behandelt wird, zeichnet sich formal dadurch aus, dass der Untersuchende sich möglichst zurückzieht, um dem Untersuchten möglichst vorurteilsfrei zu begegnen. Ferner aber ist die Phänomenologie nicht irgendeine Untersuchung eines beliebigen Feldes, sondern die Suche nach dem, was jedes Phänomen erst ermöglicht, nach seinem Sein überhaupt. Phänomenologie ist also Ontologie (S. 37). Ziel der Phänomenologie ist, die Sachen selbst zu erfassen. Dass diese Erkenntnis unmittelbar ist, bedeutet nicht, dass die phänomenologische Forschung einfach ist. Im Gegenteil: Das Elementarste zu erfassen bedarf der größten Anstrengung. Die Sachen werden nämlich durch Vorurteile verbaut. Der Phänomenologiebegriff bestimmt den Lauf der phänomenologischen Untersuchungen.

Der phänomenologische Fortgang

Der Begriff der Phänomenologie und der Wahrheitsbegriff sind miteinander fest verbunden. Entsprechend dem Wahrheitsbegriff ist es nicht so, dass eine phänomenologische Untersuchung stückchenweise vorankommt, indem sie nach und nach neue Kenntnisse erwirbt, die sich den alten Kenntnissen hinzufügen. Der phänomenologische Fortschritt kommt dagegen dadurch zustande, dass man im Ganzen etwas besser durchblickt. Die Untersuchung läuft also in mehreren Durchgängen. In jedem Durchgang werden die Begriffe verbessert, verfeinert oder in engere Zusammenhänge gebracht. Das gesamte Bild wird immer schärfer, unser Verständnis tiefer, unsere Orientierung nimmt immer zu. Im Einklang damit hat eine phänomenologische Untersuchung auch keinen Anfang. Der Untersuchende selbst hat immer schon gewisse Vorkenntnisse über das Untersuchte. Mit den vulgären Einsichten, die zwar in der Entwicklung verkehrt sind, aber einen Keim des Verständnisses enthalten, fängt der phänomenologische Weg an. Diese Vorgehensweise bestimmt durchgehend den Vorgehen im Werk.

Phänomenologische Ontologie

Die Phänomenologische — im Gegensatz zu der Traditionellen — Ontologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie neben den Kategorien die so genannten Existenzialien definiert. Sie ist die Philosophie überhaupt und erforscht die Seinsfrage.
Die Phänomenologie beginnt mit einer vorbereitenden Daseinsanalyse. Ihr Wortschatz ist im Einklang mit ihrem Inhalt gegenüber der philosophischen Tradition innovativ.

Vorbereitende Daseinsanalyse

Die Grundstruktur des Daseins ist das In-der-Welt-sein.
Die ontologische Analyse der Weltlichkeit der Welt bedarf besonderer Vorkehrungen. Sie ist von der überlieferten Ontologie verfehlt worden. Das Dasein im Modus des Welterkennens überspringt unbedingt das Phänomen. Nur das Dasein im Modus der durchschnittlichen Alltäglichkeit ermöglicht den richtigen Zugang. Also die Analyse der Umwelt, als nächste Welt des alltäglichen Daseins. (§ 14, S. 66)

Wahrheitsbegriff

Im Gegensatz zu den traditionellen Wahrheitsbegriffen wird die Wahrheit als eine Art des Seins aufgefasst. Wenn wir etwas verstehen (genauso wie bei Gefühlen), sind wir auf eine gewisse Weise da. Die Wahrnehmung bestimmt unsere Verfassung selbst. Es gibt also im Voraus kein Subjekt, dem beim Wahrnehmen etwas vorkommt. Das klassische Problem der Erkenntnis wird hiermit aufgelöst.

Traditionelle Ontologie

Die traditionelle Ontologie ist die Ontologie seit Plato und Aristoteles über Descartes bis Kant und Hegel, im Gegensatz zu der Heidegger die phänomenologische Ontologie aufbaut.

Descartes

Descartes hat die traditionelle Ontologie unkritisch angenommen und deren Ausrichtung auf die Naturdinglichkeit vertieft (also: verschlimmert).
Seine verfehlte Analyse der Substanz wird in §§ 19-21 (S. 89-101) behandelt. Die Substanz ist bei Descartes primär Ausdehnung (extensio). Gestalt, Bewegung, Härte, Gewicht und Farbe wären Modi der Ausdehnung. Der Gegensatz res cogitans vs. res corporea spielt bei Descartes eine wichtige Rolle, doch dessen ontologische Fundamente bleiben ungeklärt. Descartes ignoriert die grundsätzliche Frage nach der Substanz überhaupt, weil er eine ontische und eine ontologische Bestimmung von Substanz durcheinander bringt.
Seine Analyse der Zuhandenheit ist auch gescheitert, weil er die Wertbehaftetheit der Dinge auf die Vorhandenheit gründet, wobei das Bewerten selbst ontologisch nicht aufgeklärt wird (§ 21, S. 99).

Sprachstil

Der Sprachstil zeichnet sich durch Originalität, Dichte und Gesprächlichkeit aus, was dem Selbstverständnis des Werkes durchaus entspricht. Das Werk weist eine unkonventionelle Begriffsbenennung auf und verläuft in einer eher mündlichen Form. Alle Mittel der deutschen Grammatik werden bewusst und zielgerecht eingesetzt, um genau bestimmte Gedanken in kompakten Ausdrücken hervorzubringen. Dass der Stil ungewöhnlich ist, führt Heidegger auf die innere Schwierigkeit des untersuchten Gebietes zurück. Beispielsweise sagt er über das Phänomen der Zeit: „Die terminologische Umgrenzung der entsprechenden ursprünglichen und eigentlichen Phänomene kämpft mit derselben Schwierigkeit, der alle ontologische Terminologie verhaftet bleibt. Gewaltsamkeiten sind in diesem Untersuchungsfelde nicht Willkür, sondern sachgegründete Notwendigkeit.“ (S. 327) Siehe auch die „Entschuldigung“ der Ausdrucksweise in der Leseecke.

Begriffsbenennung

Die Begriffsbenennung ist dem Originalitätsanspruch des Werkes entsprechend auffallend unkonventionell:
1. werden die Wörter der philosophischen Tradition ignoriert: Von Vernunft, Seele oder Gott ist nie die Rede, Wörter wie Subjekt und Objekt werden abgelehnt, weil sie einer voreingenommenen Betrachtungsweise entspringen (siehe dazu die Leseecke).
2. gibt es viele Wortschöpfungen.
3. treten Wörter der Alltagsprache zum ersten Mal philosophisch beladen auf, wobei eine radikale Umdeutung gegenüber dem herkömmlichen Sinn stattfindet.

Gesprächlichkeit

Der Textablauf weist mehrere Merkmale der Gesprächlichkeit auf, was kein Zufall ist, sondern ein Aspekt der Heideggerschen Aufassung des Denkens. Es gibt keine langen Sätze. Der Text hat quasi die Form einer (übergroßen) Vorlesung. Der Autor nimmt ausdrücklich Rücksicht auf die Rezeption seiner Worte seitens der Zuhörer. Er bereitet sie vor, bevor er einen Begriff definiert, er kommt deren Vorurteilen und Missverständnissen entgegen. Es ist nicht so, dass der Text etwas beschreibt, das der Autor im Voraus gefunden hat, sondern eher so, dass der Autor über den Gang der eigenen Untersuchung berichtet, dass er, um es mit einem Bild aus der Welt des Sports auszudrücken, den realen Prozess der eigenen Ideenentwicklung live überträgt. Überhaupt gibt es keine fertigen Ergebnisse, sondern Stationen einer immer bewusster werdenden Begrifflichkeit, die mit dem alltäglichen Vorverständnis anfängt, um schrittweise immer tiefer einzudringen. Das Ende der Abhandlung stellt keinen Endpunkt dar, neue Aufgaben werden angedeutet. Überhaupt handelt es sich nicht so sehr um ein geschlossenes Werk, sondern vielmehr um eine fließende Untersuchung, die nur zufällig und materiell einen Anfang und ein Ende hat, nicht aber inhaltlich.
Zum Aspekt der Gesprächlichkeit befindet sich im Brief über den Humanismus (1947) Folgendes: „Diese Fragen Ihres Briefes ließen sich wohl im unmittelbaren Gespräch eher klären. Im Schriftlichen büßt das Denken leicht seine Beweglichkeit ein. Vor allem aber kann es da nur schwer die ihm eigene Mehrdimensionalität seines Bereiches innehalten. Die Strenge des Denkens besteht im Unterschied zu den Wissenschaften nicht bloß in der künstlichen, das heißt technisch-theoretischen Exaktheit der Begriffe. Sie beruht darin, daß das Sagen rein im Element des Seins bleibt und das Einfache seiner mannigfaltigen Dimensionen walten läßt. Aber das Schriftliche bietet andererseits den heilsamen Zwang zur bedachtsamen sprachlichen Fassung.“ (Heidegger, Martin: Über den Humanismus, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1949, S. 7)

Anlass der Veröffentlichung

Die Veröffentlichung von Sein und Zeit wurde durch eine akademische Forderung veranlasst. So erzählt es Heidegger selbst im Aufsatz „Mein Weg in die Phänomenologie“ (In: Zur Sache des Denkens, 2., unveränderte Auflage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1976, S. 87-88):
„»Herr Kollege Heidegger — jetzt müssen Sie etwas veröffentlichen. Haben Sie ein geeignetes Manuskript?« Mit diesen Worten betrat der Dekan der Marburger Philosophischen Fakultät eines Tages im Wintersemester 1925/26 mein Studierzimmer. »Gewiss«, antwortete ich. Worauf der Dekan entgegnete. »Aber es muß rasch gedruckt werden.« Die Fakultät hatte mich nämlich unico loco als Nachfolger von Nicolai Hartmann für das erste philosophische Ordinariat vorgeschlagen. Vom Ministerium in Berlin war inzwischen der Vorschlag mit der Begründung zurückgegeben worden, daß ich seit zehn Jahren nichts mehr veröffentlicht hätte.
Nun galt es, langgehütete Arbeit der Öffentlichkeit zu übergeben. Der Max Niemeyer Verlag war durch Husserls Vermittlung bereit, sofort die ersten fünfzehn Bogen der Arbeit zu drucken, die in Husserls »Jahrbuch« erscheinen sollte. Alsbald wurden zwei Exemplare der Aushängebogen dem Ministerium durch die Fakultät zugeleitet. Nach geraumer Zeit kamen sie jedoch an die Fakultät zurück mit dem Vermerk: »Unzureichend.« Im Februar des folgenden Jahres (1927) erschien dann der vollständige Text von »Sein und Zeit« im achten Band des »Jahrbuches« und als Sonderdruck. Daraufhin hat das Ministerium nach einem halben Jahr sein ablehnendes Urteil zurückgenommen und die Berufung vollzogen.“


↑ oben

Diese Rubrik wurde zuletzt am 19. 3. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala