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Philosophisches Lesen > Heidegger > Sein und Zeit

Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927)

Im Folgenden liegt eine Zusammenfassung des Werkes vor. Es handelt sich um eine rückblickende Zusammenfassung — sie dient nicht dazu, jemandem vor der Lektüre darüber zu informieren, was er da finden wird, sondern sollte dabei behilflich sein, nach der Lektüre das Verständnis des Textes zu befestigen.
Die Zusammenfassung erfolgt in drei Durchgängen: nach Abschnitten (unten), Kapiteln und Paragraphen.

Zusammenfassung nach Abschnitten

Einleitung

Die Exposition der Frage nach dem Sinn von Sein (§§ 1-8)

Die Abhandlung arbeitet die Frage nach dem Sinn von Sein aus, eine Frage, die heute nicht mehr ohne weiteres verstanden wird. Die Frage nach dem Sinn von Sein ist die philosophische Frage überhaupt. Da sie durch die Geschichte der Ontologie in Vergessenheit geraten ist, müssen wir uns zunächst darum bemühen, sie als Frage wiederzugewinnen. Wir wollen phänomenologisch vorgehen, also uns selbstkritisch und vorurteilslos den Sachen selbst nähern. Da wir Untersuchenden je ein Mensch sind, erweist sich das Dasein — das sich selbst und die Welt wahrnehmende, das Seiende verstehende, am eigenen Sein interessierte Phänomen, das jeweils ich bin — als Ursprung der Untersuchung. Mit der Analytik des Daseins werden wir in die Lage versetzt, eine zweite Untersuchung, die phänomenologische Ontologie, zu unternehmen, die den Sinn von Sein überhaupt hervorbringen soll.

Erster Teil

Die Explikation des Daseins auf die Zeitlichkeit und die Explikation der Zeit als des transzendentalen Horizontes der Frage nach dem Sein (§§ 9-83)

Erster Abschnitt

Die vorbereitende Fundamentalanalyse des Daseins (§§ 9-44)

Die Aufgabe der vorbereitenden Analytik des Daseins ist, das Sein des Daseins zutage zu fördern — ohne den Sinn des Seins zu interpretieren —, indem die Grundstruktur des Daseins, das In-der-Welt-Sein, ausgelegt wird, d. h. indem die Existenzialien — Seinscharaktere des Daseins, im Gegensatz zu den Kategorien, die die Dinge charakterisieren — herausgefunden werden. Das In-der-Welt-Sein besteht aus drei Strukturmomenten: das In-Sein, das Selbst und die Welt. 1. Die Welt ist das, worin sich das Dasein versteht und — durch die Bedeutsamkeit — selbst verweist. Die Verweisungsmannigfaltigkeit wird am Leitfaden des Zeugs — des im Besorgen begegnenden innerweltlichen Seienden — entdeckt. Die Räumlichkeit der Welt basiert auf der des Daseins. 2. Das Selbst wird zusammen mit dem Mitdasein der Anderen erschlossen. Alltäglich sind wir ein uneigentliches Man-Selbst in der Öffentlichkeit, das die Anderen und sich selbst als bloßer Stellvertreter auslegt. 3. Das In-Sein ist das Phänomen des Da, der Erschlossenheit des Daseins. Die Erschlossenheit wird durch Befindlichkeit, Verstehen und Rede konstituiert. Die alltägliche Erschlossenheit wird durch Gerede, Neugier und Zweideutigkeit charakterisiert und weist die Bewegtheit des Verfallens auf. So weit zu den Strukturmomenten des In-der-Welt-Seins im Einzelnen. Die ganze Struktur In-der-Welt-Sein als Einheit zeigt das Phänomen der Angst. Durch sie erweist sich das Sein des Daseins ontologisch als Sorge: das Sich-vorweg-schon-Sein-in-(der Welt) als Sein-bei-(innerweltlich begegnendem Seienden). Die Sorge charakterisiert die Einheit von Existenzialität, Faktizität und Verfallen.

Im Laufe der Analyse wird anhand des jeweils Gewonnenen die traditionelle Ontologie kritisiert. Ob die Beziehung Subjekt-Objekt als Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie, ob die Ausrichtung auf die Naturdinglichkeit bei Descartes, ob die Stellungnahme von Idealismus, Realismus und Skeptizismus: Diese traditionellen Ansätze leiden darunter, dass sie die Grundstruktur des In-der-Welt-Seins übersehen haben. Sie haben sich ausschließlich auf die Vorhandenheit orientiert, die kein Grundphänomen, sondern ein abgeleitetes Phänomen ist.

Zweiter Abschnitt

Dasein und Zeitlichkeit (§§ 45-83)

Nachdem die vorbereitende Analyse die einzelnen fundamentalen Existenzialien herausgefunden hat, untersuchen wir in zweitem Durchgang die ursprüngliche Einheit des Daseins. Schlüssel dafür ist das Phänomen des (eigenen) Todes, das als eigenste und unbezügliche Seinsmöglichkeit die Ganzheit des Daseins ermöglicht. Der ontische Nachweis des eigentlichen Seinkönnens des Daseins ist im Gewissen zu finden. Dessen Anrufverstehen führt dem Dasein zur vorlaufenden Entschlossenheit. Mit der vorlaufenden Entschlossenheit als Vorhabe können wir einen zweiten Blick auf die dreifache Struktur der Sorge werfen, womit die Zeitlichkeit, die sich in der Einheit der drei Ekstasen Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart zeitigt, als Sinn der Sorge freigelegt wird. Die Zukunft ermöglicht nämlich das Sich-vorweg-Sein (Existenzialität), das Schon-Sein-in (Faktizität) gründet auf der Gewesenheit, und das Sein-bei (Verfallen) ist nur in einem Gegenwärtigen möglich. Nach der zeitlichen Analyse der Sorge lassen sich die einzelnen Existenzialien auch zeitlich interpretieren. So stellt sich die Zukunft als Grundlage des Verstehens heraus, die Gewesenheit als die der Befindlichkeit und die Gegenwart als die des Verfallens. Die gewonnenen Einsichten über die Zeitlichkeit verdeutlichen, welche Irrtümer sich in den gängigen Auffassungen der Zeit und der Geschichte verbergen. Das wesentliche Gewicht der Geschichte liegt nicht im Vergangenen, sondern im eigentlichen, aus der Zukunft stammenden Geschehen der Existenz. Am Schluss des Werkes wird bemerkt, dass wir in der Ausarbeitung der Seinsfrage zwar ein Stück vorangekommen, keineswegs aber schon am Ziel sind. Neue Fragen sind entstanden, und sie sind nun zu verfolgen.


Diese Rubrik 9. 4. 2003 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala