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Philosophisches Lesen > Heidegger > Sein und Zeit

Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927)

1. „Kritik der reinen Vernunft”

Dieses Werk Kants ist in Sein und Zeit allgegenwärtig, und zwar nicht wegen ausdrücklicher Verweise, sondern weil die beiden Werke tiefe Parallelen aufweisen. Heidegger hatte sich offensichtlich ernsthaft mit der Kritik der reinen Vernunft auseinandergesetzt. In Sein und Zeit wird „Phänomenologie" etwas genannt, das als eine Aktualisierung der kritischen Methode angesehen werden kann, und „Ontologie" etwas genannt, das man quasi für eine überarbeitete Fassung der Kantischen Metaphysik halten kann. Diese beiden Unternehmen haben dasselbe Ziel: der Aufbau einer undogmatischen Wissenschaft des Apriori.

2. Phänomenologie bei Husserl

Die Gegenwart der Phänomenologie Husserls, in Sein und Zeit schon etwas abgeschwächt, ist in der zwei Jahre zuvor gehaltenen Vorlesung „Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs" noch deutlich zu spüren, vor allem im Kapitel „Die fundamentalen Entdeckungen der Phänomenologie, ihr Prinzip und die Klärung ihres Namens" (Prol. Zeit^, S. 34-122). Als Errungenschaften der Phänomenologie werden die folgenden dargestellt: die Intentionalität der Erlebnisse, die kategoriale Anschauung und der ursprüngliche Sinn des Apriori (s. diese Stichwörter im Lexikon^). Heidegger nimmt aber zugleich eine kritische Stellung gegenüber dieser, wie er sie nennt, ersten Ausbildung der Phänomenologie. Das ganze dritte Kapitel dieser Vorlesung ist der Kritik gewidmet. Heidegger meint, die primäre Frage Husserls sei die Idee einer absoluten Wissenschaft des Bewusstseins, eine Idee, die die neuzeitliche Philosophie seit Descartes beschäftige und die nicht aus den Sachen selbst, sondern aus der Tradition herausgeholt werde (Prol. Zeit^, S. 147). Die echte phänomenologische Untersuchung könne nicht auf dem Bewusstsein gründen, weil dies zum Versäumnis der Frage nach dem Sein des Intentionalen, des Menschen und nach dem Sinn von Sein selbst führe. Gerade an diesem Punkt setzt die Untersuchung in Sein und Zeit an.

(R. Magritte, The Difficult Crossing, 1926, oil on canvas, Jean Krebs Collection, Brussels)
Das Sinnbild der Phänomenologie — Man zieht sich möglichst zurück, um dem Untersuchten möglichst vorurteilsfrei zu begegnen.

3. Das Mitklingende aus Gemeinsprache, christlicher Dogmatik und Kierkegaard

In Sein und Zeit bemüht sich Heidegger um eine phänomenologische Begrifflichkeit, das heißt, um eine nicht aus der Tradition oder dem Intellekt, sondern möglichst aus den Sachen selbst stammende Begrifflichkeit. Dies hat zur Folge, dass viele Begriffe aus dem Umfeld des Autors in die Abhandlung einfließen, und zwar dann, wenn er in ihnen ein gewisses Vorverständnis eines ursprünglichen Phänomens erkennen kann. Diese Begriffe des Umfeldes werden nicht übernommen, sondern kritisch umgedeutet und assimiliert, doch dadurch, dass ihre Namen beibehalten werden, schwingen sie in Sein und Zeit mit. Dieser Effekt ist vom Autor selbst erwünscht und thematisiert. Was allerdings unklar bleibt, ist, inwieweit die externen Begriffe im Einzelnen für angemessen gehalten werden. Man muss also mit dem Umfang dieser Mitklänge vorsichtig umgehen und darf nicht allzu viel auf sie aufbauen. Dazu zählen Wörter der allgemeinen Sprache (wie Dasein, Welt und Tod), aber auch Lehren der christlichen Dogmatik (der eigene Tod als ein Vorfall, der jederzeit vorkommen kann; der Mensch als ein Wesen, das grundsätzlich schuldig ist), und Auffassungen von Sören Kierkegaard (wie bei Existenz und Angst).


Diese Rubrik 3. 9. 2002 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala