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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation zwischen Februar und September 2003 durchgeführt.

1755 (31) Monographie. 154 S.
Originaltitel: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt. Königsberg und Leipzig, bey Johann Friedrich Petersen, 1755.
[Titel, Vorr., Inh., Titel, 200 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0020 / Warda: 004
Akademie-Ausgabe Bd. I: 215-368 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Theorie über die Entstehung des Weltbaus gegründet auf den Gesetzen Newtons. Mit Betrachtungen über die Milchstraße und das Sonnensystem.

Eine Theorie wird vorgeschlagen, die den Ursprung des Weltbaus ausgehend von mechanischen Grundsätzen erklärt. Außerdem wird die These aufgestellt, die Milchstraße sei ein System von Fixsternen [bekannt waren zu der Zeit die Planetensysteme, nicht die Galaxien]. Laut der Vorrede muss eine solche Untersuchung sich nicht nur gegen die innere Schwierigkeit, sondern auch gegen Vorwürfe aus religiöser Seite behaupten. Kant lehnt die Kritik aus der Religion völlig ab: Mit der Untersuchung hat er sich nicht von Gott abgewandt, sondern sein Glaube hat sich durch sie noch vertieft. Im letzten Teil des Buches mutmaßt Kant über die Bewohner der anderen Planeten des Sonnensystems, von deren Existenz er überzeugt ist. Je weiter entfernt ein Planet von der Sonne ist, desto feiner, flinker und kluger sollen seine Lebewesen sein. Am Schluss deutet Kant die Vorstellung an, die menschliche Seele könne sich nach dem Ableben in Jupiter aufhalten.

Die hier vorgestellte Theorie zur Entstehung des Sonnensystems ist in die Wissenschaft eingegangen und heute noch unter dem Namen Kant-Laplace-Theorie bekannt.

Gliederung (Übersicht) Gliederung (2. Teil) Vorrede Bewohner der Planeten

Gliederung (Übersicht)

Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt176 S.
Zueignung2 S.
Vorrede18 S.
Inhalt des ganzen Werks5 S.
Kurzer Abriß der nötigsten Grundbegriffe der Newtonischen Weltwissenschaft die zu dem Verstande des nachfolgenden erfordert werden7 S.
Erster Teil, Abriß einer systematischen Verfassung unter den Fixsternen, imgleichen von der Vielheit solcher Fixsternsystemen. Von der systematischen Verfassung unter den Fixsternen16 S.
Zweiter Teil, von dem ersten Zustande der Natur, der Bildung der Himmelskörper, den Ursachen ihrer Bewegung, und der systematischen Beziehung derselben, sowohl in dem Planetengebäude insonderheit, als auch in Ansehung der ganzen Schöpfung104 S.
Dritter Teil, Welcher einen Versuch einer auf die Analogien der Natur gegründeten Vergleichung, zwischen den Einwohnern verschiedener Planeten, in sich enthält. Anhang, von den Bewohnern der Gestirne18 S.
Beschluß4 S.
Anhang. Schlußanmerkungen aus Gensichens Auszug aus Kants Naturgeschichte und Theorie des Himmels2 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 1015-1016

Gliederung (2. Teil)

Zweiter Teil, von dem ersten Zustande der Natur, der Bildung der Himmelskörper, den Ursachen ihrer Bewegung, und der systematischen Beziehung derselben, sowohl in dem Planetengebäude insonderheit, als auch in Ansehung der ganzen Schöpfung102 S.
1. Hauptstück, von dem Ursprunge des planetischen Weltbaues überhaupt, und den Ursachen ihrer Bewegungen10 S.
2. Hauptstück, von der Verschiedenen Dichtigkeit der Planeten, und dem Verhältnisse ihrer Massen9 S.
3. Hauptstück, von der Exzentrizität der Planetenkreise, und dem Ursprunge der Kometen7 S.
4. Hauptstück, von dem Ursprunge der Monde, und den Bewegungen der Planeten um ihre Achse8 S.
5. Hauptstück, von dem Ursprunge des Ringes des Saturns, und Berechnung der täglichen Umdrehung dieses Planeten aus den Verhältnissen desselben16 S.
6. Hauptstück, von dem Zodiakallichte3 S.
7. Hauptstück, von der Schöpfung im ganzen Umfange ihrer Unendlichkeit, sowohl dem Raume, als der Zeit nach19 S.
Zugabe zum siebenten Hauptstücke. Allgemeine Theorie und Geschichte der Sonne überhaupt10 S.
8. Hauptstück, Allgemeiner Beweis von der Richtigkeit einer mechanischen Lehrverfassung, der Einrichtung des Weltbaues überhaupt, insonderheit von der Gewißheit der gegenwärtigen20 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 1015-1016

Vorrede

Zitiert nach: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I.

Kant hat sich hier eine Untersuchung vorgenommen, die sich gegen eine innere Schwierigkeit wie auch gegen religiöse Vorwürfe behaupten muss:

Ich sehe alle diese Schwierigkeiten wohl und werde doch nicht kleinmütig. Ich empfinde die ganze Stärke der Hindernisse, die sich entgegen setzen, und verzage doch nicht. Ich habe auf eine geringe Vermutung eine gefährliche Reise gewagt, und erblicke schon die Vorgebürge neuer Länder. (S. 227)

Die Zweckmäßigkeit der Natur soll nicht als Vorsehung gedeutet werden. Denn dies benutzen die Freigeister gegen die Religion im Sinne: da es Naturgesetze gibt, die erklären warum die Natur von alleine das Richtige tut, braucht mein keine Regierung.

Dritter Teil. Anhang, von den Bewohnern der Gestirne

Indessen sind doch die meisten unter den Planeten gewiß bewohnt, und die es nicht sind, werden es dereinst werden. (S. 381)
Der Mensch, welcher unter allen vernünftigen Wesen dasjenige ist, welches wir am deutlichsten kennen, […] (S. 381)
Der Stoff, woraus die Einwohner verschiedener Planeten, ja so gar die Tiere und Gewächse auf denselben, gebildet sein, muß überhaupt um desto leichterer und feinerer Art, und die Elastizität der Fasern, samt der vorteilhaften Anlage ihres Baues, um desto vollkommener sein, nach dem Maße als sie weiter von der Sonne abstehen. (S. 385)
Wenn demnach diese geistige Fähigkeiten eine notwendige Abhängigkeit von dem Stoffe der Maschine haben, welche sie bewohnen: so werden wir mit mehr als wahrscheinlicher Vermutung schließen können: daß die Trefflichkeit der denkenden Naturen, die Hurtigkeit in ihren Vorstellungen, die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit der Begriffe, die sie durch äußerlichen Eindruck bekommen, samt dem Vermögen, sie zusammenzusetzen, endlich auch die Behendigkeit in der wirklichen Ausübung, kurz, der ganze Umfang ihrer Vollkommenheit unter einer gewissen Regel stehen, nach welcher dieselben, nach dem Verhältnis des Abstandes ihrer Wohnplätze von der Sonne, immer trefflicher und vollkommener werden. (S. 386)

Kant hält dieses Werk für eine „physische Abhandlung” (S. 387).

Wir wollen diese Mutmaßungen nicht über die einer physischen Abhandlung vorgezeichnete Grenzen erstrecken, wir bemerken nur nochmals die oben angeführte Analogie: daß die Vollkommenheit der Geisterwelt sowohl, als der materialischen in den Planeten, von dem Merkur an bis zum Saturn, oder vielleicht noch über ihm (woferne noch andere Planeten sein), in einer richtigen Gradenfolge, nach der Proportion ihrer Entfernungen von der Sonne, wachse und fortschreite. (S. 387-388)
Wir haben die bisherige Mutmaßungen treulich an dem Leitfaden der physischen Verhältnisse fortgeführet, welcher sie auf dem Pfade einer vernünftigen Glaubwürdigkeit erhalten hat. Wollen wir uns noch eine Ausschweifung aus diesem Gleise in das Feld der Phantasie erlauben? Wer zeiget uns die Grenze, wo die gegründete Wahrscheinlichkeit aufhöret, und die willkürlichen Erdichtungen anheben? Wer ist so kühn, eine Beantwortung der Frage zu wagen: ob die Sünde ihre Herrschaft auch in den andern Kugeln des Weltbaues ausübe, oder ob die Tugend allein ihr Regiment daselbst aufgeschlagen? (S. 393)

Im letzten Textstück, das den Titel Beschluss trägt, spielt Kant mit dem Gedanken, ob nach dem irdischen Leben unsere Seele sich in Jupiter aufhält (S. 395) [vgl. die 11 Jahre spätere Schrift Träume eines Geistersehers]:

Sollte die unsterbliche Seele wohl in der ganzen Unendlichkeit ihrer künftigen Dauer, die das Grab selber nicht unterbricht, sondern nur verändert, an diesen Punkt des Weltraumes, an unsere Erde jederzeit geheftet bleiben? Sollte sie niemals von den übrigen Wundern der Schöpfung eines näheren Anschauens teilhaftig werden? Wer weiß, ist es ihr nicht zugedacht, daß sie dereinst jene entfernte Kugeln des Weltgebäudes, und die Trefflichkeit ihrer Anstalten, die schon von weitem ihre Neugierde so reizen, von nahem soll kennen lernen? Vielleicht bilden sich darum noch einige Kugeln des Planetensystems aus, um nach vollendetem Ablaufe der Zeit, die unserem Aufenthalte allhier vorgeschrieben ist, uns in andern Himmeln neue Wohnplätze zu bereiten. Wer weiß, laufen nicht jene Trabanten um den Jupiter, um uns dereinst zu leuchten? Es ist erlaubt, es ist anständig, sich mit dergleichen Vorstellungen zu belustigen; allein niemand wird die Hoffnung des Künftigen auf so unsichern Bildern der Einbildungskraft gründen. (S. 395)

Zu den Einwohnern anderer Planeten siehe das Folgende, das Kant 1784 in der Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (Anmerkung zum 6. Satz) schrieb:

Die Rolle des Menschen ist also sehr künstlich. Wie es mit den Einwohnern anderer Planeten und ihrer Natur beschaffen sei, wissen wir nicht; wenn wir aber diesen Auftrag der Natur gut ausrichten, so können wir uns wohl schmeicheln, daß wir unter unseren Nachbaren im Weltgebäude einen nicht geringen Rang behaupten dürften. Vielleicht mag bei diesen ein jedes Individuum seine Bestimmung in seinem Leben völlig erreichen. Bei uns ist es anders; nur die Gattung kann dieses hoffen.

Gliederung (Übersicht) Gliederung (2. Teil) Vorrede Bewohner der Planeten

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala