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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren (1762) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2003 durchgeführt.

1762 (38) Broschüre. 17 S.
Originaltitel: Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren erwiesen von M. Immanuel Kant. [Zierstück] Königsberg, bey Johann Jacob Kanter.
[35 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0032 / Warda: 021
Akademie-Ausgabe Bd. II: 045-061 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Kritik der traditionellen Syllogismen.

Die vier, aus der mittelalterlichen Tradition stammenden Syllogismen werden als redundant abgelehnt: Man kommt mit dem ersten allein zurecht, die anderen sind keine reine, sondern vermischte Vernunftschlüssen (d. h., sie lassen sich aus anderen ableiten). Das Fortbestehen der vier Figuren kritisiert Kant als „scheinbare Gelehrsamkeit”, „ehrwürdiger Rost des Altertums” und „Athletik der Gelehrten”. In der Schlussbetrachtung werden Verstand (Vermögen, deutlich zu erkennen) und Vernunft (Vermögen, Vernunftschlüsse zu machen) auf einer einzigen Grundfähigkeit der vernünftigen Wesen zurückgeführt (dem Vermögen, zu urteilen).

Gliederung

Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren17 S.
§ 1. Allgemeiner Begriff von der Natur der Vernunftschlüsse2 S.
§ 2. Von den obersten Regeln aller Vernunftschlüsse1 S.
§ 3. Von reinen und vermischten Vernunftschlüssen1 S.
§ 4. In der so genannten ersten Figur sind einzig und allein reine Vernunftschlüsse möglich, in den drei übrigen lediglich vermischte5 S.
In der zweiten Figur sind keine andre als vermischte Vernunftschlüsse möglich1 S.
In der dritten Figur sind keine andre als vermischte Vernunftschlüsse möglich1 S.
In der vierten Figur sind keine andre als vermischte Vernunftschlüsse möglich2 S.
§ 5. Die logische Einteilung der vier syllogistischen Figuren ist eine falsche Spitzfindigkeit3 S.
§ 6. Schlußbetrachtung5 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 586-615

Aus dem Buch

Zitiert nach: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I.

In der Tat wo jemals auf eine gänzlich unnütze Sache viel Scharfsinnigkeit verwandt, und viel scheinbare Gelehrsamkeit verschwendet worden ist, so ist diese. Die so genannte Modi, die in jeder Figur möglich sind, durch seltsame Wörter angedeutet, die zugleich mit viel geheimer Kunst Buchstaben enthalten, welche die Verwandlung in die erste erleichtern, werden künftighin eine schätzbare Seltenheit von der Denkungsart des menschlichen Verstandes enthalten, wenn dereinst der ehrwürdige Rost des Altertums einer besser unterwiesnen Nachkommenschaft die emsige und vergebliche Bemühungen ihrer Vorfahren an diesen Überbleibseln wird bewundern und bedauren lehren. (S. 609)

Ich würde mir zu sehr schmeicheln, wenn ich glaubte, daß die Arbeit von einigen Stunden vermögend sein werde, den Kolossen umzustürzen, der sein Haupt in die Wolken des Altertums verbirgt, und dessen Füße von Ton sind. Meine Absicht ist nur, Rechenschaft zu geben, weswegen ich in dem logischen Vortrage, in welchem ich nicht alles meiner Einsicht gemäß einrichten kann, sondern manches dem herrschenden Geschmack zu Gefallen tun muß, in diesen Materien nur kurz sein werde, um die Zeit, die ich dabei gewinne, zur wirklichen Erweiterung nützlicher Einsichten zu verwenden.

Es gibt noch eine gewisse andere Brauchbarkeit der Syllogistik, nämlich vermittelst ihrer in einem gelehrten Wortwechsel dem Unbehutsamen den Rang abzulaufen. Da dieses aber zur Athletik der Gelehrten gehört, einer Kunst, die sonsten wohl sehr nützlich sein mag, nur daß sie nicht viel zum Vorteil der Wahrheit beiträgt, so übergehe ich sie hier mit Stillschweigen. (S. 610-611)

Zweitens eben so augenscheinlich wie es ist, daß zum vollständigen Begriffe keine andere Grundkraft der Seele erfordert werde, wie zum deutlichen […]: eben so leicht fällt es auch in die Augen, daß Verstand und Vernunft, d. i. das Vermögen, deutlich zu erkennen, und dasjenige, Vernunftschlüsse zu machen, keine verschiedene Grundfähigkeiten sein. Beide bestehen im Vermögen zu urteilen; wenn man aber mittelbar urteilt, so schließt man. (S. 612)
Alle Urteile, die unmittelbar unter den Sätzen der Einstimmung oder des Widerspruchs stehen, das ist, bei denen weder die Identität noch der Widerstreit durch ein Zwischenmerkmal (mithin nicht vermittelst der Zergliederung der Begriffe), sondern unmittelbar eingesehen wird, sind unerweisliche Urteile, diejenige, wo sie mittelbar erkannt werden kann, sind erweislich. Die menschliche Erkenntnis ist voll solcher unerweislicher Urteile. (S. 614)

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala