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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes (1763,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation zwischen Januar und Juli 2004 durchgeführt.

1763 (39) Monographie. 101 S.
Originaltitel: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyns Gottes, von M. Immanuel Kant. [Vignette: I.I. K. Libri]
[14 S., 1 Bl., 205 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0033 / Warda: 023
Akademie-Ausgabe Bd. II: 063-163 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Neben dem einzig zwingenden Beweis gibt es den wirkungsvolleren: den pysikotheologischen.

Ausgehend von den Verstandesbegriffen des Möglichen ist nur der ontologische Beweis schlüssig, der aus der inneren Möglichkeit der Dinge auf die Notwendigkeit Gottes schließt. Ausgehend von den in der Welt wahrgenommenen Dingen ist nur der seit langem bekannte kosmologische Beweis zulässig. Dieser könnte durch eine wohl verstandene Physikotheologie, die nicht gegen die Wissenschaften ist, sondern die Einheit in der Ordnung der Natur herauszustellen sucht, vertieft werden. Kein dritter Beweis ist möglich. Allein der ontologische kann mathematische Gewissheit erreichen. Diesem Beweis ist jedoch der kosmologische vorzuziehen, weil es erbaulich ist und wirkungsvoll die Menschen zum wichtigsten aller Erkenntnisse führt: dass Gott existiert.

Gliederung (Übersicht) Gliederung (Betrachtungen) Gliederung (Detail) Aus dem Buch

Gliederung (Übersicht)

Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes118 S.
Vorrede8 S.Die wichtigste aller unserer Erkenntnisse, „es ist ein Gott”, ist zwar für den gemeinen, nicht durch falsche Kunst verwirrten Verstand unmittelbar einzusehen, doch Metaphysisch nicht einfach zu beweisen. Eine solche Demonstration, die hier nur in Grundzügen skizziert wird und nicht formal perfekt und völlig ausgebaut aufgeführt wird, könnte zur begrifflichen Aufklärung jener Erkenntnis beitragen.
Erste Abteilung, Worin der Beweisgrund zur Demonstration des Daseins Gottes geliefert wird26 S.Ein Beweis des Daseins Gottes völlig a priori könnte auf dem Begriff des notwendigen Wesens basieren. Aus ihm ergibt sich zunächst die Existenz eines notwendigen Wesens, das außerdem einig, einfach, unveränderlich und ewig sein muss, die höchste Realität enthalten, Verstand und Willen haben und daher ein Geist, ferner Gott sein. Dieser Begriff ergibt sich aus Überlegungen über die innere Möglichkeit des Daseins und ihre logische und Realgründe.
Zweite Abteilung von dem weitläuftigen Nutzen der dieser Beweisart besonders eigen ist74 S.Die herkömmliche Physikotheologie ist zwar verkehrt und hemmt die Wissenschaft, eine gut verstandene physikotheologische Methode kann jedoch ausgehend von der in der Welt wahrgenommenen Einheit und Ordnung der Natur und durch philosophische Überlegung zum Dasein Gottes führen. Diese Methode fördert die Wissenschaften und erschließt den erhabensten Gedanken überhaupt, den der göttlichen Allgenugsamkeit.
Dritte Abteilung. Worin dargetan wird: daß außer dem ausgeführten Beweisgrunde kein anderer zu einer Demonstration vom Dasein Gottes möglich ist10 S.Ausgehend von den Verstandesbegriffen des Möglichen ist nur der oben eingeführte ontologische Beweis (nicht der Ansatz des Descartes) schlüssig. Ausgehend von den in der Welt wahrgenommenen Dingen ist nur der seit langem bekannte kosmologische Beweis (nicht der der wolffschen Schule) zulässig. Kein dritter Beweis ist möglich. Allein der ontologische kann mathematische Gewissheit erreichen. Diesem Beweis ist jedoch der kosmologische vorzuziehen, weil es erbaulich und wirkungsvoller ist.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 621-738. Inhaltsangabe ist unsere.

Gliederung (Betrachtungen)

Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes118 S.
Vorrede8 S.
Erste Abteilung, Worin der Beweisgrund zur Demonstration des Daseins Gottes geliefert wird26 S.
1. Betrachtung. Vom Dasein überhaupt8 S.Bevor wir die Frage des Daseins Gottes eingehen, möchten wir einige Züge des Wortes Dasein freilegen (eine vollständige Definition brauchen wir nicht). Wenn wir Dinge charakterisieren und sie Prädikaten oder Determinationen zuordnen, so setzen wir diese in Bezug auf das Ding (relative Setzung) und berühren die Frage der eigentlichen Existenz (absolute Setzung) nicht. Existenz ist kein Prädikat: Einem Ding mit all seinen Bestimmungen kommt Existenz zu (oder auch nicht).
2. Betrachtung. Von der innern Möglichkeit in so fern sie ein Dasein voraussetzt5 S.Etwas ist möglich, wenn es denkbar ist. Der logische Grund der Möglichkeit ist der Satz des Widerspruchs: Innere Möglichkeit setzt voraus, dass es keinen logischen Widerspruch gibt. Der reale Grund der Möglichkeit ist die Realität: Innere Möglichkeit setzt etwas Wirkliches voraus, von dem die Möglichkeit entweder Bestimmung oder Folge ist. Es ist unmöglich, dass gar nicht existiere.
3. Betrachtung. Von dem schlechterdings notwendigen Dasein7 S.Da Existenz kein Prädikat ist, ist sie logisch nicht zu widersprechen: Etwas ist dann absolut notwendig, wenn sein Nichtsein die Existenz aller Materie widerspricht. Aus der Erklärung der 2. Betrachtung ergibt sich: 1. Da alle Möglichkeit etwas Wirkliches voraussetzt, gibt es eine gewisse Wirklichkeit, deren Aufhebung alle Möglichkeit aufheben würde, die also schlechterdings Notwendig ist. 2. Das notwendige Wesen ist einig, einfach, unveränderlich und ewig. Dies ergibt sich daraus, dass es Grund seiner eigenen Möglichkeit ist und daher weder Ganz noch Teilweise aufgehoben werden kann. 3. Das notwendige Wesen enthält die höchste Realität, denn alle Realität ist entweder als Bestimmung oder als Folge in ihm einbegriffen.
4. Betrachtung. Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes6 S.Daraus, dass das notwendige Wesen eine einfache Substanz ist, ergibt sich, dass es Verstand und Willen hat und daher, dass es ein Geist ist. Anhand des bereits Gesagten (es gibt ein schlechterdings notwendiges Wesen, das einig, einfache Substanz, ein Geist, ewig und unveränderlich ist) sollte es nahe liegen, dass es ein Gott ist. Der Beweisgrund ist a priori, völlig unabhängig von jeder Erfahrung. Ein Prozess a posteriori könnte aber zu demselben Prinzip des schlechterdings notwendigen Wesen führen.
Zweite Abteilung von dem weitläuftigen Nutzen der dieser Beweisart besonders eigen ist74 S.
1. Betrachtung. Worin aus der wahrgenommenen Einheit in den Wesen der Dinge auf das Dasein Gottes a posteriori geschlossen wird8 S.Hinter der Mannigfaltigkeit der Formen im Raum verbirgt sich, wie die Geometrie zeigt, eine Einheit. Gleichfalls gibt es eine innere Einheit unter den Gesetzen der Materie, z. B. die der Bewegung. Dies deutet auf ein einziges Prinzip hin, das der Grund aller Dinge ist. Denn es ist nicht zu glauben, ohne ein Prinzip könnte alles so gut zusammen stimmen.
2. Betrachtung. Unterscheidung der Abhängigkeit aller Dinge von Gott in die moralische und unmoralische4 S.Von allem, was es gibt, ist das Zufällige (=das Moralische) von Gott so gewollt, wie es ist. Das Notwendige (=das Unmoralische) —wie die Möglichkeit der Dinge— hängt nicht vom Willen Gottes ab.
3. Betrachtung. Von der Abhängigkeit der Dinge der Welt von Gott vermittelst der Ordnung der Natur, oder ohne dieselbe5 S.Ein jedes Ding ist entweder übernatürlich oder natürlich (=steht unter der Ordnung der Natur, =aus Kräfte der Natur und durch Gesetze der Natur). Jedes natürliche Ding ist zufällig. Die Einheit zwischen Naturgesetzen ist entweder zufällig oder notwendig.
4. Betrachtung. Gebrauch unseres Beweisgrundes in Beurteilung der Vollkommenheit einer Welt nach dem Laufe der Natur10 S.Die Ordnung der Natur ist nur deshalb von größer Vollkommenheit fähig, weil (s. Beweisgrund) Gott der einheitliche Grund der Möglichkeit aller Dinge ist. Die Naturordnung erklärt Vieles, doch nicht alles. Denn Pflanzen und Tiere sind aus bloßen mechanischen Naturgesetzen nicht zu erklären und erfordern die unmittelbare göttliche Handlung.
5. Betrachtung. Worin die Unzulänglichkeit der gewöhnlichen Methode der Physikotheologie gewiesen wird8 S.Die physikotheologische Methode besteht darin, das Dasein Gottes aus dessen Wirkungen zu beweisen. Sie basiert entweder auf der zufälligen Ordnung der Natur (die große Kunst, Macht und Güte bezeugt) oder auf der notwendigen Einheit in der Natur (Prinzip der Vollkommenheit). Diese Methode ist vortrefflich, hat aber auch Fehler: Dadurch, dass sie die unmittelbare Hand Gottes in der Naturordnung sieht, wertet sie die Natur selbst ab, womit sie Naturforschung und Philosophie hemmt; außerdem kann sie nicht beweisen, dass die Materie selbst und den Ursprung des Universums Gottes Schöpfung sind.
6. Betrachtung. Verbesserte Methode der Physikotheologie17 S.Daraus, dass es Naturgesetze gibt, und dass sie eine notwendige Einheit bilden, lässt sich philosophisch auf einen Urheber schließen, der ein weises Wesen ist. Die verbesserte Methode der Physikotheologie besteht darin, die Ursache der Ordnung in notwendigen, möglichst einheitlichen, möglichst allgemeinen Gesetzen zu suchen.
7. Betrachtung. Kosmogonie. Eine Hypothese mechanischer Erklärungsart des Ursprungs der Weltkörper und der Ursachen ihrer Bewegungen, gemäß denen vorher erwiesenen Regeln16 S.Man findet große Ordnung in den Himmelskörper, die sich in Planeten- und Sonnensystemen gruppieren, eine Ordnung die man allein aus dem Gravitationsgesetz erklären kann. Solche Beobachtungen und Hypothesen verstärken noch die Religion, da sie dazu leiten, nach dem Grund für alle Einheit und Notwendigkeit zu suchen.
8. Betrachtung. Von der göttlichen Allgenugsamkeit6 S.Die physiktheologischen Betrachtungen führen zum erhabensten Gedanken überhaupt, dem der göttlichen Allgenugsamkeit: Gott ist der Grund für alles Wirkliche oder Mögliche. Dass Gott Grund aller Möglichkeit ist, ist das Entscheidendste und erfüllt den Menschen mit unauslöschlicher Bewunderung. Allgenugsamkeit ist eine genauere Charakterisierung Gottes als Unendlichkeit (die einen unzulässigen Vergleich zwischen Gott und Weltlichem andeutet).
Dritte Abteilung. Worin dargetan wird: daß außer dem ausgeführten Beweisgrunde kein anderer zu einer Demonstration vom Dasein Gottes möglich ist10 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 621-738. Inhaltsangabe ist unsere.

Gliederung (Detail)

Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes118 S.
Vorrede8 S.
Erste Abteilung, Worin der Beweisgrund zur Demonstration des Daseins Gottes geliefert wird26 S.
1. Betrachtung. Vom Dasein überhaupt8 S.
1. Das Dasein ist gar kein Prädikat oder Determination von irgend einem Dinge2 S.Einem Ding mit allen seinen Bestimmungen kommt Existenz zu (oder auch nicht). Die Existenz ist keine Eigenschaft der Dinge, sondern unserer Vorstellungen (sie sind Erfahrungsbegriffe oder nicht).
2. Das Dasein ist die absolute Position eines Dinges und unterscheidet sich dadurch auch von jeglichem Prädikate, welches als ein solches jederzeit bloß beziehungsweise auf ein ander Ding gesetzt wird2 S.Der Begriff der Existenz ist so einfach, dass man es nicht weiter ausführen kann. Die Beziehungen aller Prädikate zu ihren Subjekten bezeichnen nicht etwas Existierendes. Das Dasein ist kein Prädikat, weil es das Ding samt allen Prädikaten schlechthin setzt.
3. Kann ich wohl sagen, daß im Dasein mehr als in der bloßen Möglichkeit sei?3 S.Was gesetzt ist, ist im Dasein genauso wie in der Möglichkeit. Das wie ist jedoch unterschiedlich. Im Dasein wird mehr gesetzt als in der Möglichkeit, denn ein Prädikat wird in der Möglichkeit in Beziehung auf ein anderes, im Dasein dagegen absolut gesetzt.
2. Betrachtung. Von der innern Möglichkeit in so fern sie ein Dasein voraussetzt5 S.
1. Nötige Unterscheidung bei dem Begriffe der Möglichkeit1 S.Innere Möglichkeit = kein logischer Widerspruch. Innere Unmöglichkeit = logischer Widerspruch.
2. Die innere Möglichkeit aller Dinge setzt irgend ein Dasein voraus1 S.Unmöglichkeit entsteht auch, wenn kein Dasein ist (es ist ein Widerspruch, obwohl kein logischer).
3. Es ist schlechterdings unmöglich daß gar nichts existiere‹1 S.Sollte gar nichts existieren, so entstünde nach 2. die völlige Unmöglichkeit. Daher ist es unmöglich, dass gar nichts existiere.
4. Alle Möglichkeit ist in irgend etwas Wirklichen gegeben, entweder in demselben als eine Bestimmung, oder durch dasselbe als eine Folge3 S.Eine Möglichkeit setzt die Wirklichkeit von etwas aus. Entweder etwas ist möglich, weil es selbst wirklich ist, oder als Folge von etwas Wirklichem. Dieses Etwas ist der erste reale Grund der Möglichkeit. Der Satz des Widerspruchs ist der erste logische Grund der Möglichkeit.
3. Betrachtung. Von dem schlechterdings notwendigen Dasein7 S.
1. Begriff der absolut notwendigen Existenz überhaupt1 S.Die absolute Notwendigkeit ist das Gegenteil der absoluten Unmöglichkeit. Unmöglichkeit kann formal (logisch) oder material sein. Da Existenz kein Prädikat ist, ist sie durch Prädikate nicht aufzuheben, d. h. sie ist logisch nicht zu widersprechen. Daher muss die absolute Notwendigkeit, wenn es sie überhaupt gibt, auf der materialen Unmöglichkeit basieren: Etwas ist dann absolut notwendig, wenn sein Nichtsein die Existenz aller Materie widerspricht.
2. Es existiert ein schlechterdings notwendiges Wesen1 S.Alle Möglichkeit setzt etwas Wirkliches voraus. Es gibt daher eine gewisse Wirklichkeit, deren Aufhebung alle Möglichkeit aufheben würde, die also schlechterdings Notwendig ist. Das Dasein ohne welches noch etwas möglich (=zu denken) ist, ist im Realverstande zufällig.
3. Das notwendige Wesen ist einig1 S.Angenommen, es gäbe 2 notwendige Wesen A und B, die Aufhebung von A würde laut Erklärung alles andere Dasein aufheben, B miteinbezogen. B wäre daher kein notwendiges Wesen, die Annahme also absurd, daher gibt es nur 1 notwendiges Wesen.
4. Das notwendige Wesen ist einfach1 S.Angenommen das notwendige Wesen hat Teile. 1) Entweder gibt es einen Teil, der notwendig ist. Wenn Teil A notwendig ist, kann Teil B wegen 3. nicht notwendig sein, aber auch nicht zufällig sein (sonst würde es nicht zum notwendigen Wesen gehören). 2) Oder aber es gibt keinen notwendigen Teil. So könnte das Ganze aber als Aggregat auch nicht notwendig sein. Schluss: die Annahme ist falsch — das notwendige Wesen kann keine Teile haben.
5. Das notwendige Wesen ist unveränderlich und ewig‹1 S.Das notwendige Wesen ist deshalb möglich, weil es existiert. All seine Möglichkeiten existieren, und zwar unveränderlich und ewig.
6. Das notwendige Wesen enthält die höchste Realität3 S.Alle Realität ist entweder als Bestimmung oder als Folge im notwendigen Wesen einbegriffen. Das bedeutet nicht, dass alle Prädikate zu ihm passen! Das realste Wesen ist zwar Grund aller Realität, aber nicht Grund der Mängel. Mangel entsteht immer aus logischem Grund (Negation).
4. Betrachtung. Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes6 S.
1. Das notwendige Wesen ist ein Geist2 S.Daraus, dass das notwendige Wesen eine einfache Substanz ist, ergibt sich, dass es Verstand und Willen hat und daher, dass es ein Geist ist. Den Beweis könnte man wahrscheinlich darauf aufbauen, a) dass der Grund von Verstand und Willen in realen Wesen nur im Verstand und Willen vom notwendigen Wesen (deren Grund) zu finden sind (sonst überträfe die Folge den Grund), oder b) dass die realen Ordnung, Schönheit und Vollkommenheit Verstand und Willen von deren Grund voraussetzen.
2. Es ist ein Gott‹1 S.Der Beweis, dass das notwendige Wesen ein Gott ist, wird hier nicht geliefert, anhand des bereits Gesagten (es gibt ein schlechterdings notwendiges Wesen, das einig, einfache Substanz, ein Geist, ewig und unveränderlich ist) sollte aber es nahe liegen.
3. Anmerkung1 S.Nahe liegend (und vielleicht nicht verkehrt) wäre, den Begriff der Vollkommenheit herbeizuziehen, um den wichtigen Punkt zu beweisen, dass Verstand und Willen auch Bestimmungen des notwendigen Wesens sind und nicht nur dessen Folgen. Darauf wurde aber hier verzichtet, um die Schrift nicht unnötig auszudehnen.
4. Beschluß3 S.Aus dem angegebenen Beweisgrund kann man Folgen ziehen, wie: ich bin kein schlechterdings notwendiges Wesen, oder: die Welt ist kein Akzidens der Gottheit, weil in ihr Mangel anzutreffen ist. Der Beweisgrund ist a priori, völlig unabhängig von jeder Erfahrung. Ein Prozess a posteriori könnte aber zu demselben Prinzip des schlechterdings notwendigen Wesen führen.
Zweite Abteilung von dem weitläuftigen Nutzen der dieser Beweisart besonders eigen ist74 S.
1. Betrachtung. Worin aus der wahrgenommenen Einheit in den Wesen der Dinge auf das Dasein Gottes a posteriori geschlossen wird8 S.
1. Die Einheit in dem Mannigfaltigen der Wesen der Dinge gewiesen an den Eigenschaften des Raums3 S.Anhand zweier Beispiele wird veranschaulicht, dass die Geometrie zeigt, dass hinter der Mannigfaltigkeit der Formen im Raum sich eine Einheit verbirgt. Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen den Formen im Raum, also wahrscheinlich auch eine Einheit vom Grund der Wesen aller Dinge, die die Einheit der Folgen veranlasst.
2. Die Einheit im Mannigfaltigen der Wesen der Dinge, gewiesen an demjenigen, was in den Bewegungsgesetzen notwendig ist5 S.Aus den natürlichen Gesetze der Materie ergibt sich auch, dass es einen Principium geben muss, einen Grund für die Ordnung, die die mannigfaltigen Dinge zeigen. Denn alles in der Welt passt zusammen, alles scheint auf ein Ziel hinauszulaufen, es ist nicht zu glauben, dass alles einfach nur so zustande gekommen ist, wie es ist.
2. Betrachtung. Unterscheidung der Abhängigkeit aller Dinge von Gott in die moralische und unmoralische4 S.
3. Betrachtung. Von der Abhängigkeit der Dinge der Welt von Gott vermittelst der Ordnung der Natur, oder ohne dieselbe5 S.
1. Einteilung der Weltbegebenheiten, in so ferne sie unter der Ordnung der Natur stehen oder nicht3 S.Unter der Ordnung der Natur steht etwas, dessen Dasein oder Veränderung in den Kräften der Natur zureichend gegründet ist. Dabei muss 1. die Kraft der Natur die wirkende Ursache sein und 2. die Art der Hervorbringung in einem Naturgesetz gegründet sein. Das Gegenteil ist etwas Übernatürliches. Materialiter übernatürlich: die wirkende Ursache ist die Kraft Gottes. Formaliter übernatürlich: die Art der Hervorbringung ist in keinem Naturgesetz gegründet.
2. Einteilung der natürlichen Begebenheiten in so fern sie unter der notwendigen oder zufälligen Ordnung der Natur stehen2 S.Alles in der Natur ist zufällig. Es gibt aber Zusammenhänge, die notwendig sind. Es gibt zwischen manchen Naturgesetzen eine notwendige Einheit. Beispiel 1 (zufällig): Die Einheit der Vermögen des Sehens, Hörens, Schmeckens, etc. im Menschen ist zufällig, denn man sieht nicht aus demselben Grund, weswegen man hört, schmeckt usw., sondern jeweils aus einem andern Grund. Beispiel 2 (notwendig): Zwischen der Kugelrundung der Erde, der Entschleunigung der Drehungsbewegung der Erde und der Erhaltung des Mondes im Kreise besteht notwendige Einheit, denn alle ergeben sich allein aus der Schwere.
4. Betrachtung. Gebrauch unseres Beweisgrundes in Beurteilung der Vollkommenheit einer Welt nach dem Laufe der Natur10 S.
1. Was aus unserm Beweisgrunde zum Vorzuge der Ordnung der Natur vor dem Übernatürlichen kann geschlossen werden6 S.Der Beweisgrund besagt, Gott ist der Grund der Möglichkeit der Dinge. Dies erklärt warum die Wunder nur selten nötig sind (hätten die verschiedenen Dinge keinen fremden Grund, so wären Wunder zur Ausbesserung häufiger nötig). Bemerkung: Trotz Freiheit des Einzelnen gibt es Gesetzte für große Mengen wie beispielsweise die Sterblichkeitsrate oder die Zahl der Ehen (also braucht man wegen der Freiheit des Menschen keine Wunder).
2. Was aus unserm Beweisgrunde zum Vorzuge einer oder anderer Naturordnung geschlossen werden kann4 S.Zwar herrscht in der Weltweisheit die (unausgesprochene) Regel der Einheit der Natur, denn man versucht immer, möglichst viele Erscheinungen aus möglichst wenigen Prinzipien zu erklären. Das Übernatürliche ist jedoch nötig, um die Lebewesen (Pflanzen und Tiere) zu erklären, denn sie können aus bloß mechanischen Gründen nicht entstehen. Es bedarf einer unmittelbaren Handlung Gottes (sei es nun einmalig als Schöpfung oder bei der Zeugung jedes Einzelnen).
5. Betrachtung. Worin die Unzulänglichkeit der gewöhnlichen Methode der Physikotheologie gewiesen wird8 S.
1. Von der Physikotheologie überhaupt1 S.Es gibt 3 Arten, das Dasein Gottes aus dessen Wirkungen zu erkennen: 1. durch die Wunder (die die Ordnung der Natur unterbrechen). Der einzige Weg für Menschen, die „völlig verwildert” sind. 2. durch die zufällige Ordnung der Natur (die große Kunst, Macht und Güte bezeugt). Solcher Beweis genügt einer wohlgearteten Seele. 3. durch die notwendige Einheit in der Natur (Prinzip der Vollkommenheit). Solcher Beweis erfordert einen höheren Grad der Weltweisheit. Physikotheologische Methoden sind die Beweise der 2. und der 3. Art.
2. Die Vorteile und auch die Fehler der gewöhnlichen Physikotheologie7 S.Hauptmerkmal der Physikotheologie: die Zufälligkeit der Welt betrachten, dann die Ordnung und Zweckmäßigkeit darin sehen, daraus auf den Urheber schließen. Diese Methode ist vortrefflich, wirksam ohne Gleichen weil sinnlich eindrucksvoll. Sie hat aber auch Fehler, die behoben werden müssen. 1. kann diese Methode die notwendigen Zusammenhänge zwischen den Dingen nicht erklären. 2. führt sie dazu, die Naturordnung als minderwertig anzusehen und hemmt daher Naturforschung und Philosophie. 3. beschränkt sie sich auf die Zusammenfügungen der Dinge und kann weder Materie noch Ursprung des Universums als Gottes Schöpfung zeigen.
6. Betrachtung. Verbesserte Methode der Physikotheologie17 S.
1. Ordnung und Anständigkeit, wenn sie gleich notwendig ist, bezeichnet einen verständigen Urheber2 S.Anständigkeit (=Übereinstimmung mit den Absichten) und Regelmäßigkeit kann nicht von selbst stattfinden, sondern bedarf eines verständigen Grundes.
2. Notwendige Ordnung der Natur bezeichnet selbst einen Urheber der Materie die so geordnet ist1 S.Dass die Regeln der Natur auch noch miteinander in Beziehung stehen und dass unter einigen von ihnen eine notwendige Einheit besteht, ist unbedingt auf einen weisen Urheber zurückzuführen.
3. Regeln der verbesserten Methode der Physikotheologie2 S.Die verbesserte Methode der Physikotheologie soll die Ursache der Ordnung — in der unorganischen und der organischen Natur — in allgemeinen Gesetzen suchen und aus der Wohlgereimtheit von allem auf den Urheber des Universums — inkl. der Materie selbst — als einen weisen Wesen schließen.
4. Erläuterung dieser Regeln12 S.Die wahre Weltweisheit besteht nicht darin, verschiedene Gründe für vereinzelte Wirkungen zu suchen (z. B. für jeden Berg und jeden Fluss), sondern die Gründe für alle Begebenheiten jeweils in notwendigen, möglichst einheitlichen, möglichst allgemeinen Gesetzen zu suchen (etwa der Prozess der Entstehung der Erdfläche im Ganzen philosophisch erklären).
7. Betrachtung. Kosmogonie. Eine Hypothese mechanischer Erklärungsart des Ursprungs der Weltkörper und der Ursachen ihrer Bewegungen, gemäß denen vorher erwiesenen Regeln16 S.
1. Erweiterte Aussicht in den Inbegriff des Universum2 S.Vorgeschlagen wird ein neuer Inbegriff (=Gesamtauffassung) des Universums als eine Reihe von Sonnensystemen, die aus Planetensysteme bestehen und die wiederum vielleicht noch in einer größeren Ordnung teilnehmen. Dieser Ansatz ist für das Glaube wie für die Wissenschaft positiv.
2. Gründe vor einen mechanischen Ursprung unserer Planetenwelt überhaupt3 S.Jeweilige Dichte, Form als Kugel, Bahn als Kreis, Anordnung auf der gemeinsamen Ebene aller Planeten kann durch mechanische Gesetzen (Newton, v. Buffon) erklärt werden. Die Unvollkommenheiten aller Naturerscheinungen verdeutlichen außerdem einen nicht unmittelbar göttlichen Ursprung.
3. Kurzer Abriß der wahrscheinlichsten Art wie ein Planetensystem mechanisch hat gebildet werden können5 S.Die Erklärung wird aufgeführt, wie das Planetensystem sich aus einer ungeordneten, zerstreuten Materie in Ruhezustand einzig durch das Gravitationsgesetz hat bilden können.
4. Anmerkung9 S.Die Entstehung des Planetensystems — wie die des Saturnringes — wurde aus natürlichen Ursachen erklärt. Im Gegensatz etwa zu der auf Zufall basierenden griechischen atomistischen Theorie zeigen solche Hypothesen, dass die im Chaos befindliche, allgemeinen Gesetzen überlassene Natur auf Regelmäßigkeit abzielt. Somit laden diese Theorien dazu ein, nach dem Grund für die Notwendigkeit der Naturordnung zu suchen.
8. Betrachtung. Von der göttlichen Allgenugsamkeit6 S.
Dritte Abteilung. Worin dargetan wird: daß außer dem ausgeführten Beweisgrunde kein anderer zu einer Demonstration vom Dasein Gottes möglich ist10 S.
1. Einteilung aller möglichen Beweisgründe vom Dasein Gottes1 S.Für einen philosophischen Beweis, der den höchsten Grad der mathematischen Gewissheit aufweist, gibt es zwei mögliche Ausgangspunkte: a) die Verstandsbegriffe des bloß Möglichen, b) die Erfahrungsbegriffe des Existierenden.
2. Prüfung der Beweisgründe der ersten Art2 S.Wie in der 1. Abt. gemacht, lässt sich aus der inneren Möglichkeit alles Denklichen als Folge auf das Dasein Gottes als den Grund schließen. Nicht zulässig ist hingegen, aus der Möglichkeit als Grund auf das Dasein als Folge zu schließen (wie Descartes tat), denn Existenz ist kein Prädikat.
3. Prüfung der Beweisgründe der zweiten Art2 S.Ordnung und Zweckmäßigkeit der Natur deuten nachdrücklich auf Gott hin, obwohl dies keinen Beweis im strengen Sinne darstellt. Aus Erfahrungsbegriffen auf Gott zu schließen (wolffsche Schule) ist unzulässig.
4. Es sind überhaupt nur zwei Beweise vom Dasein Gottes möglich3 S.Wie gesehen sind nur der ontologische — aus der inneren Möglichkeit der Dinge — und der kosmologische Beweis — aus dem in der Welt Wahrgenommenen — möglich. Während der ontologische der einzige logisch schlüssig ist, ist ihm der kosmologische vorzuziehen, weil es erbaulich und wirkungsvoller ist.
5. Es ist nicht mehr als eine einzige Demonstration vom Dasein Gottes möglich, wovon der Beweisgrund oben gegeben worden2 S.(ebendies)
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 621-738. Inhaltsangabe ist unsere.

Gliederung (Übersicht) Gliederung (Betrachtungen) Gliederung (Detail) Aus dem Buch

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala