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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen (1763,2) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Dezember 2003 durchgeführt.

1763 (39) Monographie. 40 S.
Originaltitel: Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen von M. Immanuel Kant. [Vignette: I.I. K. Libri] Königsberg, bey Johann Jacob Kanter 1763.
[Titel, Vorr., 72 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0034 / Warda: 026
Akademie-Ausgabe Bd. II: 165-204 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Die negativen Zahlen könnten in der Metaphysik eingesetzt werden.

Man kann versuchen, den Begriff der negativen Größen in die Philosophie zu übertragen, und zwar als den Begriff der realen Entgegensetzung überhaupt im Gegensatz zum Begriff der logischen (auf dem Widerspruch basierenden) Entgegensetzung. Denn überall gibt es Kräfte, die zwar jeweils positiv sind, aber einander aufheben und somit 0 ergeben können, ohne dass sie einzeln genommen 0 wären. So ist beispielsweise Unlust eine negative Lust (kein Mangel an Lust: Wasser zu trinken ist keine Lust, Wermut zu trinken ist eine positive Unlust). Hier geht es nicht um bloße Wortspiele, man wird vielleicht einmal grundsätzliche Metaphysische Regel beweisen können wie etwa: Jede natürliche Ursache +A hat eine Folge –A, oder auch: Die Summe aller natürlichen Ursachen ist 0.

Gliederung

Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen41 S.
Vorrede4 S.Man hat sich einmal viel von der Nachahmung der mathematischen Methode in der Weltweisheit versprochen, doch daraus ist nichts geworden. Viel versprechend ist hingegen etwas, das die Metaphysik bisher versäumt hat, nämlich die Anwendung der mathematischen Sätze auf die philosophischen Gegenstände.
Erster Abschnitt. Erläuterung des Begriffes von den negativen Größen überhaupt8 S.Es lässt sich zwischen der logischen und der realen Entgegensetzung unterscheiden. Die logische erkennt man durch den Widerspruch und findet in der Wirklichkeit nicht statt. Die reale ist dagegen ohne Widerspruch und kommt in der Welt durchaus vor. Mathematisch kennzeichnet man mit + und – real entgegengesetzte Kräfte, wie zum Beispiel das nach Westen und das nach Osten Fahren.
Zweiter Abschnitt, in welchem Beispiele aus der Weltweisheit angeführt werden, darin der Begriff der negativen Größen vorkommt10 S.4 Beispiele. 1) Man kann die Anziehungskraft als positive Anziehung zwischen Körpern sehen und die Kraft der Undurchdringlichkeit als negative Anziehung. 2) In der Seelenlehre kann man die Unlust als negative Lust (im Gegensatz zu Mangel an Lust) definieren (Wasser zu trinken ist keine Lust, aber Wermut zu trinken ist eine positive Unlust). 3) In der praktischen Weltweisheit lässt sich u. a. die Untugend als negative Tugend oder die Nicht-Liebe als negative Liebe ansehen. 4) Man könnte in der Naturwissenschaft die Kälte als negative Wärme begreifen.
Dritter Abschnitt. Enthält einige Betrachtungen, welche zu der Anwendung des gedachten Begriffs auf die Gegenstände der Weltweisheit vorbereiten können19 S.Die oben angeführten Beispiele sind keine fundierte, ausgereifte Erkenntnisse, sondern ein Versuch, die ersten Schritte in einem viel versprechenden Weg zu unternehmen. Vielleicht gelten sogar überhaupt die folgenden Grundsätze: 1) Jede natürliche Ursache +A hat eine Folge –A, 2) Die Summe aller natürlichen Ursachen ist 0.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 777-819. Inhaltsangabe ist unsere.

Aus dem Buch

Zitiert nach: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I.

Vorrede

Zweierlei Gebrauch der Mathematik in der Weltweisheit:

a) Nachahmung der Methode. Am Anfang hat man sich viel davon versprochen, doch es ist nichts daraus geworden. Man hat zwar versucht, der Geometrie entlehnten Nahmen einzusetzen, aber diese haben auch keine Klarheit in den Sachen geschaffen.

b) Anwendung der mathematischen Sätze auf die philosophischen Gegenstände. Sie hat Erfolge erzielt. Die Metaphysik aber, statt sich die mathematischen Begriffe anzueignen, hat sich nur darum bemüht, die Mathematik als bloße, in sich gekehrte Erdichtung anzusehen.

Indem ich es unternehme, der Weltweisheit den Gewinn von einem annoch ungebrauchten, obzwar höchstnötigen Begriffe zu verschaffen, so wünsche ich auch keine andere Richter zu haben, als von der Art, wie derjenige Mann von allgemeiner Einsicht ist, dessen Schriften mir hiezu die Veranlassung geben [Professor Kästner]. Denn was die metaphysische Intelligenzen von vollendeter Einsicht anlangt, so müßte man sehr unerfahren sein, wenn man sich einbildete, daß zu ihrer Weisheit noch etwas könne hinzugetan, oder von ihrem Wahne etwas könnte hinweg genommen werden. (S. 782)

Erster Abschnitt. Erläuterung des Begriffes von den negativen Größen überhaupt

Es gibt zwei Arten Opposition, die logische (durch den Widerspruch, kann nicht vorkommen) und die reale (ohne Widerspruch, kommt durchaus vor). Das logische Nichts ist nihil negativum, irrepraesentabile; das reale Nichts ist nihil privativum, repraesentabile und wir nennen es Zero=0. (S. 783)

Der Mathematiker zeichnet die Größen mit + und -. Es gibt keine überhaupt negative Größe: eine – ist negativ in Bezug auf eine + und umgekehrt. Eine – ist in Bezug auf – wieder positiv (-3-4 ergibt –7). Mit – und + lassen sich Kräfte kennzeichnen, deren Wirkung sich gegenseitig aufhebt. So zum Beispiel das nach Westen und das nach Osten Fahren. Auf dieser Weise kann nicht aus Mangel, sondern aus Beraubung eine 0 entstehen.

Zweiter Abschnitt, in welchem Beispiele aus der Weltweisheit angeführt werden, darin der Begriff der negativen Größen vorkommt

1. Beispiel. Anziehungskraft als positive Anziehung zwischen Körpern, die Kraft der Undurchdringlichkeit als negative Anziehung. (S. 791-792)

2. Beispiel, aus der Seelenlehre. Die Unlust ist negative Lust und nicht Mangel an Lust (Wasser zu trinken ist keine Lust, aber Wermut zu trinken ist eine positive Unlust). So ist es zwischen Gleichgültigkeit (keine Lust, keine Unlust) und Gleichgewicht (so viel Lust wie Unlust, insgesamt 0) zu unterscheiden. (S. 792-795)

Nachdem einige Fälle von negativen Größen aufgeführt wurden (Irrthum als negative Wahrheit, Widerlegung als negativer Beweis):

[…]; allein ich besorge, mich hiebei zu lange aufzuhalten. Es ist meine Absicht nur, diese Begriffe in den Gang zu bringen, der Nutze wird sich durch den Gebrauch finden und ich werde davon im dritten Abschnitt einige Aussichten geben. (S. 795)

3. Beispiel, aus der praktischen Weltweisheit. Untugend als negative Tugend, Nicht-Liebe als negative Liebe (nur im Grad etwas anderes als Hass), Verbote sind negative Gebote, Strafe negative Belohnungen. (S. 795-797)

Ich bemerke wohl: daß Lesern von aufgeklärter Einsicht die bisherige Erläuterung weitläufiger vorkommen werde als nötig ist. Allein man wird mich entschuldigen, so bald man bedenkt, daß es sonsten noch ein sehr ungelehriges Geschlecht von Beurteilern gebe, welche, indem sie ihr Leben nur mit einem einzigen Buche zubringen, nichts verstehen, als was darin enthalten ist, und in Ansehung deren die äußerste Weitläufigkeit nicht überflüssig ist. (S. 797)

4. Beispiel, aus der Naturwissenschaft. Wahrscheinlich ist die Kälte eine negative Wärme. Ferner dürfte es in Zukunft möglich sein, ein natürliches Phänomen zu finden, das die eine mit der anderen grundsätzlich verbindet, ähnlich wie die 2 magnetischen-elektrischen Polen. (S. 797-801)

Es ist z. E. eine berühmte Frage, ob die Kälte eine positive Ursache erheische, oder ob sie, als ein Mangel schlechthin, der Abwesenheit der Ursache der Wärme beizumessen sei. (S. 797)
Die schiefe Fläche des Galilei, der Perpendikel des Huygens, die Quecksilberröhre des Torricelli, die Luftpumpe des Otto Guericke, und das gläserne Prisma des Newton haben uns den Schlüssel zu großen Naturgeheimnissen gegeben. Die negative und positive Wirksamkeit der Materien, vornehmlich bei der Elektrizität, verbergen allem Ansehen nach wichtige Einsichten und eine glücklichere Nachkommenschaft, in deren schöne Tage wir hinaussehen, wird hoffentlich davon allgemeine Gesetze erkennen, was uns vorjetzt in einer noch zweideutigen Zusammenstimmung erscheint. (S. 801)

Dritter Abschnitt. Enthält einige Betrachtungen, welche zu der Anwendung des gedachten Begriffs auf die Gegenstände der Weltweisheit vorbereiten können

Was ich bisdaher vorgetragen habe, sind nur die erste Blicke, die ich auf einen Gegenstand von Wichtigkeit, aber nicht minderer Schwierigkeit werfe. (S. 801-802)

Die oben angeführten Beispiele sind keine fundierte, ausgereifte Erkenntnisse, sondern ein Versuch, die ersten Schritte in einem viel versprechenden Weg zu unternehmen. (S. 801-802)

1. Betrachtung. Die Aufhebung einer jeden Bewegung der Seele kommt durch eine negative Kraft (nicht durch Mangel an einer positiven) zustande (S. 802-803). So wie die Materie nur durch eine äußere Ursache den Zustand ändern kann, kann der Geist den Zustand nur durch eine innere Ursache ändern (S. 805).

2. Betrachtung. Die reale Entgegensetzung kann a) wirklich oder b) möglich sein. Die mögliche Entgegensetzung gibt es zum Beispiel zwischen Kräften, die zwei Körpern zukommen (kämen sie ein und demselben Körper zu, wäre sie eine wirkliche Entgegensetzung).

Die Sätze, die ich in dieser Nummer vorzutragen gedenke, scheinen mir von der äußersten Wichtigkeit zu sein. (S. 806)

1. Satz. Jede natürliche Ursache +A hat eine Folge –A, so dass die Summe = 0 (die Einschränkung dieser Regel auf die Körperwelt steht als mechanische Regel schon lange fest):

In allen natürlichen Veränderungen der Welt wird die Summe des Positiven, in so ferne sie dadurch geschätzt wird, daß einstimmige (nicht entgegengesetzte) Positionen addiert und real entgegengesetzte von einander abgezogen werden, weder vermehrt noch vermindert. (S. 808)

So sind z. B. die Gründe der Begierde von etwas zugleich die Gründe der (wirklichen oder potentialen) Verabscheuung seines Gegenteils.

Um des willen mußte der stoische Weise alle dergleichen Triebe, die ein Gefühl großer sinnlicher Lust enthalten, ausrotten, weil man mit ihnen zugleich Gründe großer Unzufriedenheit und Mißvergnügens pflanzet, die nach dem abwechselnden Spiel des Weltlaufs den ganzen Wert der erstern aufheben können. (S. 810)

2. Satz. Die Summe aller natürlichen Ursachen ist 0:

Alle Realgründe des Universum, wenn man diejenige summiert welche einstimmig sein und die von einander abzieht die einander entgegengesetzt sein, geben ein Fazit, das dem Zero gleich ist. (S. 811)

Anmerkung zu 2. Der erste Satz sagt nicht aus, a) die Realität der Welt könne sich weder vermehren noch vermindern (denn die Bewegungen können potential sein), und auch nicht, b) die Vollkommenheit der Welt könne nicht wachsen. (S. 812-813)

Ich habe diese zwei Sätze in der Absicht vorgetragen, um den Leser zum Nachdenken über diesen Gegenstand einzuladen. Ich gestehe auch, daß sie vor mich selbst nicht licht genug, noch mit genugsamer Augenscheinlichkeit aus ihren Gründen einzusehen sind. (S. 806)

3. Betrachtung. Wie in der materialen Welt entsteht das Zero in moralischen Dingen mal aus Mangel, mal aus Entgegensetzung, wobei es im Einzelfall nicht leicht zu erkennen ist, was vorliegt. (S. 814-815)

Um des Willen ist es Menschen unmöglich, den Grad der tugendhaften Gesinnung anderen aus ihren Handlungen sicher zu schließen, und es hat auch derjenige das Richten sich allein vorbehalten, der in das Innerste der Herzen sieht. (S. 815)

4. Betrachtung. Diese Sätze lassen sich nicht auf Gott anwenden. (S. 815-816)

Allgemeine Anmerkung. Parallel zur Unterscheidung zwischen logischen und realen Entgegensetzung lässt sich zwischen logischen und Realgrund unterscheiden. Der logische Grund ergibt sich rein logisch aus den bloßen Begriffen. Der Realgrund ist davon völlig verschieden. (S. 816-819)

Eine künftige Darlegung der Natur unseres Erkenntnisses in Ansehung unserer Urteile von Gründen und Folgen wird angekündigt. (S. 819)

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala