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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral (1764,0) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2003 durchgeführt.

1764 (40) Monographie. 29 S.
Originaltitel: Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral Zur Beantwortung der Frage welche die Königl. Academie der Wissenschaften zu Berlin auf das Jahr 1763. aufgegeben hat. Verum animo satis haec vestigia parva sagaci Sunt, per quae possis cognoscere caetera tute. [in: Dissertation qui a remporté le prix proposé par l'Academie Royale des Sciences et Belles Lettres de Prusse, sur la nature, les especes, et les degrés de l'évidence. Avec les pieces qui ont concurru,  Berlin, chez Haude et Spener, libraires du Roi & de l'Académie. S. 67 ff.]
Katalog-Nr. Adickes: 0035 / Warda: 039
Akademie-Ausgabe Bd. II: 273-301 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Unterschied zwischen mathematischer und philosophischer Evidenz.

Diese Abhandlung behandelt die philosophischen Erkenntnisse überhaupt und die moralischen Grundsätze insbesondere. Die Evidenz in den Grundsätzen der Moral ist zwar grundsätzlich möglich, doch wir sind wegen mangelnder begrifflicher Klarheit noch weit davon entfernt. Zusammenfassung: Nachdem Kant den Unterschied zwischen der Mathematik und der Philosophie (hier auch Weltweisheit genannt) dargelegt und die Möglichkeit, in Metaphysik Gewissheit zu erlangen, untersucht hat, formuliert er (versuchsweise) den ersten moralischen Grundsatz: Formell soll man die Vollkommenheit anstreben, materiell dem Willen Gottes folgen.

Gliederung

Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral30 S.
Einleitung1 S.
Erste Betrachtung. Allgemeine Vergleichung der Art, zur Gewissheit im mathematischen Erkenntnisse zu gelangen, mit der im philosophischen8 S.
§1. Die Mathematik gelangt zu allen ihren Definitionen synthetisch, die Philosophie aber analytisch2 S.
§2. Die Mathematik betrachtet in ihren Auflösungen, Beweisen und Folgerungen das Allgemeine unter den Zeichen in Concreto, die Weltweisheit das Allgemeine durch die Zeichen in Abstracto2 S.
§3. In der Mathematik sind nur wenig unauflösliche Begriffe und unermessliche Sätze, in der Philosophie aber unzählige3 S.
§4. Das Objekt der Mathematik ist leicht und einfältig, der Philosophie aber schwer und verwickelt1 S.
Zweite Betrachtung. Die einzige Methode, zur höchstmöglichen Gewissheit in der Metaphysik zu gelangen9 S.
Beispiel der einzig sichern Methode der Metaphysik, an der Erkenntnis der Natur der Körper5 S.
Dritte Betrachtung. Von der Natur der metaphysischen Gewissheit7 S.
§1. Die philosophische Gewissheit ist überhaupt von anderer Natur als die mathematische2 S.
§2. Die Metaphysik ist einer Gewissheit, die zur Überzeugung hinreicht, fähig1 S.
§3. Die Gewissheit der ersten Grundwahrheiten in der Metaphysik ist von keiner andern Art, als in jeder andern vernünftigen Erkenntnis ausser der Mathematik4 S.
Vierte Betrachtung. Von der Deutlichkeit und Gewissheit, deren die erste Gründe der Natürlichen Gottesgelahrtheit und Moral fähig sind5 S.
§1. Die erste Gründe der natürlichen Gottesgelahrtheit sind der grössten philosophischen Evidenz fähig2 S.
§2. Die ersten Gründe der Moral sind nach ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit noch nicht aller erforderlichen Evidenz fähig3 S.
Nachschrift‹1 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I, S. 739-773

Der Autor über das Buch

Kant schrieb am 28. Juni 1763 in einem Brief an Johann Heinrich Samuel Formey über diese Schrift:

Ich bin vor dieses günstige Urtheil [2. Platz im Wettbewerb der Akademie der Wissenschaften] um desto empfindlicher, je weniger diese Piece dazu durch die Sorgfalt der Einkleidung und der Verzierungen hat beytragen können, indem eine etwas zu lange Verzögerung mir kaum so viel Zeit übrig lies, einige der beträchtlichsten Gründe ohne sonderliche Ordnung über einen Gegenstand vorzutragen, welcher schon seit einigen Jahren mein Nachdencken beschäftigt hat und womit ich anjetzo mir schmeichle dem Ziele sehr nahe zu seyn.
[…] Ohne allen Bewegungsgrund der Eitelkeit, scheinet es mir [die Veröffentlichung dieser Schrift zusammen mit der Preisschrift der Akademie] das beste Mittel zu seyn, die Aufmerksamkeit der Gelehrten zu der Prüfung einer Methode rege zu machen, von welcher allein (wie ich überzeugt bin) ein glücklicher Ausgang vor die Abstrakte Philosophie zu erwarten stehet, wenn sie gewißermaaßen durch das Ansehen einer hochberühmten Gelehrten Gesellschaft zur Untersuchung empfohlen wird.

Aus dem Buch

Zitiert nach: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. I.

Einleitung

Die vorgelegte Frage ist von der Art, daß, wenn sie gehörig aufgelöset wird, die höhere Philosophie dadurch eine bestimmte Gestalt bekommen muß. (S. 743)

Erste Betrachtung

§1. Die Mathematik gelangt zu allen ihren Definitionen synthetisch, die Philosophie aber analytisch

Synthetisch: Der Begriff entsteht durch seine Definition.

Analytisch: Der Begriff ist immer schon vorgegeben, er muss aber zergliedert und bestimmt werden. (S. 744)

§2. Die Mathematik betrachtet in ihren Auflösungen, Beweisen und Folgerungen das Allgemeine unter den Zeichen in Concreto, die Weltweisheit das Allgemeine durch die Zeichen in Abstracto

Zweierlei mathematische Beweise: mit schriftlicher Notation, mit geometrischen Figuren. In beiden verlässt man sich auf die Zeichen, die den Begriff konkret darstellen. Man behandelt die Begriffe dadurch, dass man die Zeichen verarbeitet.

In der Philosophie dagegen sind die Zeichen Wörter. In ihnen kann man kein Anzeichen von den Begriffen sehen. Man behandelt die Begriffe unmittelbar, indem man an sie denkt, die Zeichen taugen nicht als Stellvertreter der Ideen selbst, sondern bleiben abstrakt. (S. 746-748)

§3. In der Mathematik sind nur wenig unauflösliche Begriffe und unermessliche Sätze, in der Philosophie aber unzählige

§4. Das Objekt der Mathematik ist leicht und einfältig, der Philosophie aber schwer und verwickelt

Das Objekt der Mathematik ist die Quantität. Das Objekt der Philosophie sind die Qualitäten (und sie sind unendlich vielerlei).

Die Metaphysik ist ohne Zweifel die schwerste unter allen menschlichen Einsichten; allein es ist noch niemals eine geschrieben worden. (S. 752)

Zweite Betrachtung

Erste Regel: nicht mit einer Definition anfangen, sondern suchen, was im Gegenstand unmittelbar gewiss ist.

Zweite Regel: unmittelbare Urteile über den Gegenstand aufzeichnen (die sich nicht aus der 1. Regel ergeben). (S. 755-756)

Die echte Methode der Metaphysik ist mit derjenigen im Grunde einerlei, die Newton in die Naturwissenschaft einführte, und die daselbst von so nutzbaren Folgen war. (S. 756)

Beispiel der einzig sichern Methode der Metaphysik, an der Erkenntnis der Natur der Körper

Ein Körper besteht aus einfachen Substanzen und nimmt einen Raum ein. Was ist Raum einnehmen? Die Kraft der Undurchdringlichkeit haben. Die Substanz ist nicht ausgedehnt, weil sie als schlechterdings einfaches Element ohne Verknüpfung mit anderen keinen Raum einnimmt. Die Substanz nimmt erst im Körper, „in nexu cum aliis“, einen Raum ein. (S. 756-758)

Kritik der Philosophen „aller Schulen“, die die Mathematik nachahmend mit Definitionen anfangen, statt „den natürlichen Weg der gesunden Vernunft“ einzuschlagen, dadurch dass man an dem Bekannten ansetzt. (S. 759-760)

Dritte Betrachtung

§1. Die philosophische Gewissheit ist überhaupt von anderer Natur als die mathematische

Der erste Unterschied kommt aus den Definitionen her, die in der Philosophie analytisch und in der Mathematik synthetisch (genauer) sind. Der zweite Unterschied entsteht daraus, dass die mathematischen Zeichen den Begriff in concreto veranschaulichen und die mathematische Gewissheit daher subjektiv anschaulicherer ist. (S. 761-763)

§2. Die Metaphysik ist einer Gewissheit, die zur Überzeugung hinreicht, fähig

Durch Vernunftgründe kann bekanntlich völlige Gewissheit erreicht werden. Die Irrtümer entstehen, weil man urteilt ohne alles Nötige zu kennen.

§3. Die Gewissheit der ersten Grundwahrheiten in der Metaphysik ist von keiner andern Art, als in jeder andern vernünftigen Erkenntnis ausser der Mathematik

Kritik des „berühmten“ Herrn. Crusius.

Vierte Betrachtung

§1. Die erste Gründe der natürlichen Gottesgelahrtheit sind der grössten philosophischen Evidenz fähig

Obwohl die metaphysische Erkenntnis von Gott gewiss sein kann, lässt sich nicht über seine freie Handlungen und die Vorsehung urteilen, weil man zu wenig über diese Begriffe weißt. (D. 768-770)

§2. Die ersten Gründe der Moral sind nach ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit noch nicht aller erforderlichen Evidenz fähig

Das Soll der Moral sucht ja nicht nach einem Mittel zum Zweck, sondern nach einem Selbstzweck. Die Rolle des Selbstzweckes findet Kant formell in der Vollkommenheit und materiell im Willen Gottes. (S. 771-772)

Die Evidenz in den Grundsätzen der Moral ist zwar grundsätzlich möglich, doch wir sind wegen mangelnder begrifflicher Klarheit noch weit davon entfernt. (S. 773)

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala