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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis (1770,2) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation zwischen Juli und August 2004 durchgeführt.

1770 (46) Dissertation (ordentliche Professur der Logik und Metaphysik). 35 S.
Originaltitel: De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis. Dissertatio pro loco professionis log. et metaph. ordinariae rite sibi vindicando. quam, exigentibus statutis academicis, publice tuebitur Immanuel Kant. Respondentis munere fungetur Marcus Hertz, Berolinensis, gente iudaeus, medicinae et philosophiae cultor. contra opponentes Georgium Wilhelmum Schreiber, Reg. Bor. art. stud. Iohannem Augustum Stein, Reg. bor. I.U.C. et Georgium Danielem Schroeter, Elbing. S.S. theol. C. In auditorio maximo horis matutinis et pomeridianis consuetis Die XXI. Aug. A. MDCC LXX. Regiomonti, stanno regiae aulicae et academiae typographiae.
[Titel, 38 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0042 / Warda: 047
Akademie-Ausgabe Bd. II: 385-419 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Disputationen
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Prüfende metaphysische Untersuchung. Raum und Zeit als subjektiver Grund des Sinnlichen.

Unsere Erkenntnisse teilen sich nach der Entstehung in (nur als Phänomen erkennbare, Physik und Psychologie gründende) sinnliche und (an sich erkennbare, Metaphysik und Mathematik gründende) intellektuelle. Die sehr ursprünglichen subjektiven formalen Gründe der Welt als Phaenomenon sind Zeit und Raum, jeweils eine einzelne reine Anschauung. Die Metaphysik bedarf einer prüfenden Erörterung.

Gliederung (Abschnitte) Gliederung (Paragraphen) Der Autor über das Buch Aus dem Buch

Gliederung (Abschnitte)

Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen47 S.
Erster Abschnitt. Vom Weltbegriff überhaupt8 S.Die Welt ist das Ganze, das kein Teil ist, und besteht aus Substanzen, die unveränderlich sind. Unterordnung und Einfluss zwischen Substanzen gehört zum Zustand der Welt und hat den Grund in der Form, der Natur der Welt. Wir folgen dem Verstandesbegriff des Ganzen, nicht der Anschauung, die hier Probleme aufwirft.
Zweiter Abschnitt. Vom Unterschied des Sensiblen und Intelligiblen überhaupt8 S.Nach der Entstehung gibt es zweierlei Erkenntnisse: sinnlich und intellektuell. Die sinnlichen Erkenntnisse sind nur Phaenomena der Anschauung. Sie sind zwar subjektbezogen, aber man kann darauf Wissenschaft (Physik und Psychologie) aufbauen. Die intellektuellen Erkenntnisse erfassen Noumena so, wie sie sind. Diese ermöglichen Metaphysik (reine Verstandesbegriffe) und Mathematik (Sinnliches ohne Empfindung).
Dritter Abschnitt. Von den Gründen der Form der Sinnenwelt13 S.Die subjektiven formalen Gründe der Welt als Phaenomenon sind Zeit und Raum. Sie sind jeweils eine einzelne reine Anschauung. Sie stammen nicht aus den Sinnen, sondern aus einem angeborenen Gesetzt der Erkenntniskraft, obwohl sie selbst erworben sind. Zeit ist Grund aller stetigen Veränderung und sehr ursprünglich. Raum ermöglicht die geometrische Evidenz.
Vierter Abschnitt. Von dem Grund der Form der Verstandeswelt5 S.Alle zufälligen Substanzen bilden über die Ursache-Wirkungs-Verhältnisse und räumlichen Beziehungen hinaus eine Gemeinschaft. Grund dieser Gemeinschaft ist Gott als Ursache der Welt. Kant ist der Überzeugung, die allgemeine Gemeinschaft der Substanzen werde durch physischen Einfluss hervorgebracht und die Welt sei daher ein reales und kein ideales Ganzes (vorherbestimmte Harmonie, Okkasionalismus).
Fünfter Abschnitt. Von der Methode in Bezug auf das Sinnliche und das Intellektuelle im Felde der Metaphysik13 S.Der metaphysische reale Gebrauch der Vernunft bedarf einer prüfenden Erörterung. Die erste Fehlerquelle liegt darin, Sinnliches mittelbar oder unmittelbar in Verstandesbegriffe einzumischen. So entstehen durch Teilnahme von Zeit und Raum in objektive Aussagen die erschlichenen Axiome und viele sinnlose Fragestellungen. Die zweite Quelle liegt darin, richtige Grundsätze des Verstandes uneingeschränkt anzuwenden.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III, S. 13-107. Inhaltsangabe ist unsere.

Gliederung (Paragraphen)

Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen47 S.
Erster Abschnitt. Vom Weltbegriff überhaupt8 S.
§ 1 [Die Welt ist das Ganze, das kein Teil ist]3 S.Die Welt ist das Ganze, das kein Teil ist. (Es ist zwar durch Anschauung unmöglich, sich das Unendliche als Ganzes konkret vorzustellen. Es ist jedoch durch den abstrakten Verstandesbegriff der Zusammensetzung möglich, das Ganze aufzufassen. Das sinnliche und das intellektuelle Vermögen stimmen nicht überein: unvorstellbar ist nicht mit unmöglich zu verwechseln!)
§ 2 [Die Natur der Welt ist Grund der Wechselwirkung zwischen den Substanzen]5 S.Bemerkungen zur Definition von Welt: Die Substanzen (Stoff der Welt) sind unveränderlich und real, objektiv beigeordnet. Unterordnung und Einfluss zwischen Substanzen gehört zum Zustand der Welt und hat den Grund in der Form, der Natur der Welt. Zum Verstandesbegriff der Gesamtheit gehört nicht die zeitliche Folge, die problematisch ist.
Zweiter Abschnitt. Vom Unterschied des Sensiblen und Intelligiblen überhaupt8 S.
§ 3 [Sinnliche Empfänglichkeit und rationale Verstandesausstattung]‹1 S.Ein sensibler Gegenstand affiziert durch die Sinnlichkeit den Vorstellungszustand. Durch die Verstandes- oder Vernunftsausstattung kann man sich einen intelligiblen (nicht sinnlichen) Gegenstand vorstellen. Die Schulen der Alten nannten diese Gegenstände Phaenomenon bzw. Noumenon. Die Erkenntnis nennt sich sinnlich bzw. intellektuell oder rational.
§ 4 [Sinnliches als gesetzmäßige Erscheinung]1 S.Die sinnlichen Vorstellungen haben Stoff (Empfindung) und Form. Die Gestalt entsteht durch einen Gesetz des Gemüts, der der mannigfaltigen Empfindung Einheit gibt. Der Stoff hängt vom Subjekt ab. Deshalb können wir uns sinnliche Gegenstände nur so vorstellen, wie sie uns erscheinen. Intellektuelles hingegen stellen wir uns vor, wie es ist.
§ 5 [Realer und logischer Gebrauch des Verstandes]2 S.Zweierlei Gebrauch des Verstandes: real (durch gegebene Begriffe) und logisch (die Begriffe werden nur aufeinander bezogen). Sinnlich ist die aus einer Sinnesempfindung entstandene Erkenntnis, wie weit auch immer sie aus der unmittelbaren Erscheinung durch logischen Gebrauch des Verstandes auf Erfahrung hinauf gestiegen ist. Die allgemeinsten empirischen Gesetze sind auch Sinnesgesetze.
§ 6 [Ein Vorstellungsbegriff ist eine reine Vorstellung]‹1 S.Beim Intellektuellen setzt der reale Gebrauch des Verstandes Begriffe ein, die allein durch die Natur des Verstandes gegeben sind und keine sinnliche Erkenntnis enthalten. Ein Vorstellungsbegriff ist eine reine (abgesonderte) Vorstellung, die von allem Sinnlichen abstrahiert. Ein empirischer Begriff dagegen kommt nur vermischt mit Sinnlichem vor und ist abstrakt (abgezogen).
§ 7 [Wolffs Irrtum, sinnlich für verworren und intelligibel für deutlich zu halten]1 S.Wolff hielt Sinnliches für verworren und Intellektuelles für deutlich erkannt. Das Sinnliche kann jedoch deutlich (z. B. Geometrie) und das Intellektuelle verworren (z. B. Metaphysik) sein. Mit diesem Irrtum richtete er der Philosophie großen Schaden zu, indem er von der antiken Frage nach Phaenomena und Noumena auf belanglose logische Fragen ablenkte.
§ 8 [Die Metaphysik besteht aus erworbenen Verstandesbegriffe]1 S.Die Metaphysik enthält die ersten Prinzipien des reinen Verstandes und besteht ausschließlich aus Verstandesbegriffen (wie Möglichkeit, Dasein, Notwendigkeit, Substanz, Ursache). Diese Begriffe sind nicht angeboren, sondern erworben ausgehend von den Gesetzen, die der Erkenntniskraft eingepflanzt sind. Zur Vorübung der Metaphysik dient die Wissenschaft, die den Unterschied zwischen sinnlicher und Verstandeserkenntnis lehrt.
§ 9 [Zweifacher Zweck der reinen Philosophie]1 S.Die Verstandeserkenntnisse haben hauptsächlich zwei Zwecke: 1. (elenktisch) Irrtümer in der Wissenschaft vermeiden. 2. (dogmatisch) das erfassen, worauf die Grundsätze des Verstandes hinauslaufen, nämlich die Vollkommenheit als Noumenon, sei sie theoretisch (Gott) oder praktisch (Moral). Moralphilosophie ist also reine Philosophie. Gott ist Grund des Erkennens wie des Entstehens aller Vollkommenheit.
§ 10 [Beim Menschen ist die Anschauung sinnlich, der Verstand symbolisch]1 S.Beim Menschen ist die Anschauung sinnlich und leidend, weil deren formaler Grund die Bedingung dafür ist, dass etwas Gegenstand der Sinne sein kann. Die Verstandestätigkeit ist durch allgemeine Begriffe in abstracto, keine in concreto und erzielt nur symbolische Erkenntnis. Die göttliche Anschauung ist dagegen Grund der Gegenstände und vollkommen intellektuell.
§ 11 [Die Erkenntnis der Phaenomena ist wahr]‹1 S.Dass die Phaenomena nur Abbilder der Dinge sind, hindert uns nicht daran, wahre Erkenntnis der Phaenomena zu erlangen. Denn bei einem Urteil über Phaenomena beziehen sich sowohl die Vorstellungen des Subjekts als auch die Prädikate auf Sinnliches. Beide stimmen überein und das Urteil ist somit wahr.
§ 12 [Physik, Psychologie und reine Mathematik]1 S.Die Physik untersucht die Phaenomena der äußeren Sinne, die Psychologie die des inneren Sinns. Die reine Mathematik erörtert Sinnliches ohne Empfindung: reine Anschauung. Diese ist ein einzelner Begriff, der sowohl den Raumbegriff (daher die Geometrie) als auch den Zeitbegriff (daher die Mechanik) enthält. Der Zahlbegriff (Arithmetik) basiert auf Raum- und Zeitbegriff.
Dritter Abschnitt. Von den Gründen der Form der Sinnenwelt13 S.
§ 13 [Der subjektive formale Grund der Welt als Phaenomenon]1 S.Der Grund der Form der Sinneswelt ist der subjektive Grund der Verknüpfung aller Phaenomena, im Gegensatz zum Grund der Verknüpfung des an sich Daseienden (objektivem Grund der Verstandeswelt) und der Substanzen (Grund des Alls). Er umfasst weder unstoffliche Substanzen noch Weltursache und besteht in schlechthin allgemeinen Schemata und Bedingungen alles Sinnlichen.
§ 14 Von der Zeit5 S.Die Vorstellung der Zeit stammt nicht aus den Sinnen, sondern aus einem inneren Gesetz der Erkenntniskraft. Die Zeit ist eine einzelne reine Anschauung. Sie ist nicht objektiv und real. Sie ist Grund aller stetigen Veränderung, noch ursprünglicher als der Satz des Widerspruchs und überhaupt der Grund der Welt als Phaenomenon.
§ 15 Von dem Raume4 S.Der Begriff des Raumes ist eine einzelne Vorstellung, die nicht aus den Sinnen stammt. Der Raum ist reine Anschauung, was die geometrische Evidenz ermöglicht, die Vorbild und Mittel aller wissenschaftlichen Evidenz ist. Der Raum ist subjektiv und ideal (nicht objektiv und real) und doch wahr und Grundlage aller Wahrheit im Sinnlichen.
Zusatz3 S.Die Gründe der sinnlichen Erkenntnis sind reine Anschauungen. Die Vernunft kann die Begriffe von Raum und Zeit nicht begründen; die Zeit ist sogar Voraussetzung für die Erkenntniskraft überhaupt. Zwar ist das Gesetz, alles Empfundene dem Raum und der Zeit zuzuordnen, angeboren. Die Begriffe von Raum und Zeit selbst sind aber erworben.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III, S. 13-107. Inhaltsangaben und in Klammern gesetzte Titel der Paragraphen sind unsere.

Der Autor über das Buch

Im Brief an Johann Heinrich Lambert vom 2. Sept. 1770 sagt Kant, dass er vor hat, ein paar Druckbogen dazu zu schreiben, um einige Fehler der Eilfertigkeit zu verbessern und den Sinn besser zu bestimmen (was allerdings nicht geschah, s. u.).

Der 2., 3. und 5. Abschnitt sind ihm wichtig:

Die erste u. vierte section können als unerheblich übergangen werden, aber in der zweyten dritten und fünften, ob ich solche zwar wegen meiner Unpäslichkeit gar nicht zu meiner Befriedigung ausgearbeitet habe, scheint mir eine Materie zu liegen welche wohl einer sorgfältigern und weitläufigeren Ausführung würdig wäre.

Kant geht es da um eine „blos [sic] negative Wissenschaft (phaenomologia generalis)”, die die Metaphysik vor aller Beimischung des Sinnlichen (darunter Raum, Zeit und all ihrer Axiomen) bewahren soll.

Die Weiterentwicklung dieses Vorhabens ist es, was die Überarbeitung des Buches einige Monate später nicht mehr wünschenswert macht, wie man dem Brief an Marcus Herz vom 7. Juni 1771 entnehmen kann. Da drückt Kant auch die Sorge aus, das Buch könnte unbemerkt bald verschwinden.

HE. Kanter hat meine dissertation an welcher ich nichts habe ändern mögen nachdem ich den Plan zu der vollständigern Ausführung in den Kopf bekommen ziemlich spät und nur in geringer Zahl so gar ohne solche dem Meßcatalogus einzuverleiben auswärtig verschickt. Weil diese der text ist vorüber das Weitere in der folgenden Schrift soll gesagt werden, weil auch manche abgesonderte Gedanken darin vorkommen welche ich schwerlich irgend anzuführen gelegenheit haben dürfte und doch die dissertation mit ihren Fehlern keiner neuen Auflage würdig scheint so verdrießt es mich etwas daß diese Arbeit so geschwinde das Schicksal aller menschlichen Bemühungen nemlich die Vergessenheit erdulden müssen.

Aus dem Buch

Zitiert nach der deutschen Übersetzung von Norbert Hinske in: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III.

Zur Übersetzung: Man hat sich möglichst nah an den Sprachgebrauch Kants gehalten. Die Übersetzung vieler Begriffe stammt aus anderen Schriften Kants. Stil wie Satzkonstruktion wurde möglichst beibehalten. S. das „Nachwort des Herausgebers” a. a. O., S. 681 ff.

Vorsicht! Die Zuordung lateinisches Wort <-> deutsches Wort ist nicht eindeutig. Beispiele:

LateinischDeutsch
repraesentatioVorstellung
ideaVorstellung
ideaUrbild [=Vorlage]
exemplarUrbild [=Vorbild]

Übersetzung des Titels:

Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen. Abhandlung, um die Stelle der Ordentlichen Professur der Logik und Metaphysik rechtmässig sich zu erwerben, die, nach den Bestimmungen der akademischen Satzungen, öffentlich verteidigen wird Immanuel Kant. Das Amt des Respondenten wird ausüben Markus Herz, aus Berlin, jüdischer Herkunft, der Medizin und Philosophie beflissener. Opponenten: Georg Wilhelm Schreiber, aus Königsberg in Preussen, Student der philosophischen Fakultät, Johann August Stein, aus Königsberg in Preussen, Kandidat beider Rechte und Georg Daniel Schröter, aus Elbing, Kandidat der Hl. Theologie. Im grossen Hörsaal zu den gewohnten Vor- und Nachmittagsstunden am 20. August des Jahres 1770.

Erster Abschnitt. Vom Weltbegriff überhaupt

§ 1 [Die Welt ist das Ganze, das kein Teil ist]

Die Welt ist das Ganze, das kein Teil ist. (S. 13)

[Beginn Erörterung]

Die Auffassung des Ganzen entsteht entweder durch den abstrakten Verstandesbegriff der Zusammensetzung oder durch eine konkrete, in der Zeit laufende Anschauung der Verbindung. (S. 13)

Zur Vorstellung einfacher Teile kommt man entweder durch Aufheben des Verstandesbegriffs der Zusammensetzung oder durch in der Zeit laufende Zergliederung. (S. 13-15)

Die anschauliche Vorstellung des Ganzen oder des Einfachen ist nur möglich, wenn die erforderliche Verbindung bzw. Zergliederung in endlicher Zeit durchgeführt werden kann. (S. 15)

So sind einfache Teile einer stetigen Größe und das Unendliche als Ganzes unvorstellbar (denn es würde unendlich viel Zeit dauern, sich dies vorzustellen). Doch unvorstellbar ist nicht mit unmöglich zu verwechseln! (S. 15-17)

Das sinnliche und das intellektuelle Vermögen stimmen nicht überein. Die Erkenntniskraft ist manchmal nicht in der Lage, abstrakte Vorstellungen des Verstandes in konkrete Anschauungen umzuwandeln. (S. 17-19)

[Ende Erörterung]

§ 2 [Die Natur der Welt ist Grund der Wechselwirkung zwischen den Substanzen]

3 Bemerkungen zur Definition der Welt:

I. [Die Substanzen sind die unveränderlichen Teilen der Welt]

Zum Stoff der Welt: Zu den Substanzen (Teilen der Welt) zählen nicht die Akzidenzen, die aufeinanderfolgenden Zustände. (S. 19-21)

II. [Die Form der Welt ist der Grund der Wechselwirkung unter Substanzen]

Zur Form der Welt: Die Welt besteht in der realen, objektiven Beiordnung der Substanzen, nicht in deren Unterordnung. (S. 21-23)

Die Einflüsse zwischen Substanzen gehören zum Zustand der Welt, nicht zu deren Wesen. Die wesentliche, unveränderliche Form der Welt, die Natur der Welt, ist der Grund der möglichen Einflüsse zwischen Substanzen. (S. 23)

III. [Schwierigkeiten des Verstandesbegriffs der Gesamtheit]

Zur Gesamtheit: Genauer betrachtet ist sie schwer zu fassen. Denn sie muss alle Zustände einbeziehen, also eine Ewigkeit, ohne dass es einen letzten Zustand gibt. (S. 26-27)

(Vielleicht gehört die Ordnung in der Zeit nicht zum Verstandesbegriff, sondern zu den Bedingungen der sinnlichen Anschauung.) (S. 27)

Für unsere Zwecke genügt: Der Verstandesbegriff des Ganzen basiert darauf, dass es Beigeordnetes gibt, und fasst alles zu Einem gehörend. (S. 27)

Zweiter Abschnitt. Vom Unterschied des Sensiblen und Intelligiblen überhaupt

§ 3 [Sinnliche Empfänglichkeit und rationale Verstandesausstattung]

S. 29

Sinnlichkeit ist die Empfänglichkeit eines Subjekts, durch die sein Vorstellungszustand von gegenwärtigen Objekten affiziert werden kann.

Verstandes- oder Vernunftausstattung ist das Vermögen eines Subjekts, sich Intelligibles (im Gegensatz zu Sinnlichem) vorzustellen.

Die Schulen der Alten nannten Phaenomenon der Gegenstand der Sinnlichkeit und Noumenon das intelligible Gegenstand.

Die Erkenntnis nennt sich sinnlich bzw. intellektuell oder rational.

§ 4 [Sinnliches als gesetzmäßige Erscheinung]

Die Sinnlichkeit ist je nach Subjekt unterschiedlich, die Erkenntnis hängt nur vom Objekt ab. Also: Durch Sinnlichkeit stellen wir uns Dinge vor, wie sie uns erscheinen. Das Intellektuelle hingegen stellen wir uns so vor, wie es ist.

S. 31

Eine sinnliche Vorstellung hat Stoff (die Empfindung) und Form (die Gestalt). Erst ein Gesetz des Gemüts, als innerer Grund der Erkenntniskraft, gibt dem sinnlichen Gegenstand Einheit und somit Gestalt.

§ 5 [Realer und logischer Gebrauch des Verstandes]

Eine Sinneserkenntnis entsteht, wenn der Stoff, die Sinnesempfindung, gegeben ist.

Eine sinnliche Vorstellung entsteht, wenn die Form, auch ohne Sinnesempfindung, gegeben ist.

Zweierlei Gebrauch des Verstandes (= des oberen Seelenvermögens): realer und logischer Gebrauch. Beim realen Gebrauch werden die Begriffe der Dinge und der Beziehungen gegeben, beim logischen werden diese nur einander untergeordnet und verglichen.

S. 33

Der logische Gebrauch des Verstandes ist allen Wissenschaften gemeinsam. Der reale nicht.

Wie weit sich die Erkenntnis aus der einfachen Sinnesempfindung durch logischen Gebrauch der Vernunft auch entfernt haben mag, so bleibt sie weiterhin sinnliche Erkenntnis. Die allgemeinsten empirischen Gesetze sind auch Sinnesgesetze.

Die Erscheinung ist die unmittelbare sinnliche Erkenntnis. Die sinnliche Erkenntnis durch Überlegung (durch den logischen Gebrauch des Verstandes) heißt Erfahrung.

S. 35

Empirische Begriffe werden durch Überlegung nicht zu Verstandesbegriffen in realem Sinne und bleiben sinnliche Erkenntnis.

§ 6 [Ein Vorstellungsbegriff ist eine reine Vorstellung]

Beim Intellektuellen setzt der reale Gebrauch des Verstandes Begriffe ein, die allein durch die Natur des Verstandes gegeben sind und keine sinnliche Erkenntnis enthalten.

Zweideutigkeit des Worts abstrakt:

§ 7 [Wolffs Irrtum, sinnlich für verworren und intelligibel für deutlich zu halten]

S. 35-37

Es ist ein Irrtum, das Sinnliche für das verworren Erkannte und das Intellektuelle für das deutlich Erkannte zu halten.

S. 37

Dies ist eine logische Vergleichung, die allen Inhalt übersieht.

Das Sinnliche kann deutlich sein: z. B. bei der Geometrie. Das Intellektuelle kann verworren sein: z. B. bei der Metaphysik.

Der richtige Unterschied liegt an den Ursprung der Erkenntnisse.

Wolff machte diesen logischen Unterschied zu großen Schaden der Philosophie. Denn damit lenkte er von der antiken Frage nach Phaenomena und Noumena auf belanglose logische Fragen ab.

§ 8 [Die Metaphysik besteht aus erworbenen Verstandesbegriffe]

Die Metaphysik ist die Philosophie, die „die ersten Prinzipien des Gebrauchs des reinen Verstandes enthält”. {

[Anmerkung des Übersetzers]

Das Wort Prinzipien ist hier als Übersetzung von principia deshalb vorzuziehen, weil Kant neben Grundsätzen auch an Begriffe gedacht hat (s. Korrekturen, S. 686).

[Anmerkung Ende]

[In den Prolegomena (§ 1, 3. Absatz) steht, dass zu den Prinzipien der Metaphysik „nicht bloß ihre Grundsätze, sondern auch Grundbegriffe gehören”.]

}

Zur Vorübung der Metaphysik dient die Wissenschaft, von der hier eine Probe geliefert wird. Sie lehrt den Unterschied zwischen sinnlicher und Verstandeserkenntnis.

S. 37-39

Die Metaphysik besteht aus Verstandesbegriffen.

S. 39

Diese Verstandesbegriffe sind nicht angeboren, sondern erworben ausgehend von den Gesetzen, die der Erkenntniskraft eingepflanzt sind.

Beispiele: Möglichkeit, Dasein, Notwendigkeit, Substanz, Ursache usw.

Diese Begriffe stammen nicht aus Sinnesvorstellungen.

§ 9 [Zweifacher Zweck der reinen Philosophie]

Die Verstandeserkenntnisse haben vor allem 2 Zwecke:

Diese Urbilder sind die Vollkommenheit als Noumenon. Theoretische Vollkommenheit ist Gott als das höchste Wesen. Praktische Vollkommenheit ist die moralische Vollkommenheit.

Die Moralphilosophie gehört zur reinen Philosophie. Epikur irrte, indem er sie auf das Gefühl der Lust und Unlust basierte.

S. 41

Bei jeder Art Größe ist das Größte gemeinsames Maß und Grund des Erkennens.

Gott ist als Ideal der Vollkommenheit der Grund des Erkennens. Gott ist als real existierend der Grund des Entstehens aller Vollkommenheit.

§ 10 [Beim Menschen ist die Anschauung sinnlich, der Verstand symbolisch]

Der Mensch hat des Intellektuellen keine Anschauung, nur symbolische Erkenntnis.

Die Verstandestätigkeit ist durch allgemeine Begriffe in abstracto, keine in concreto.

Der formale Grund der Anschauung (dass etwas als Einzelnes geschaut werden kann) ist die Bedingung dafür, dass etwas Gegenstand unserer Sinne sein kann. Die Anschauung ist immer leidend.

S. 41-43

Die göttliche Anschauung ist dagegen Grund der Gegenstände und vollkommen intellektuell.

§ 11 [Die Erkenntnis der Phaenomena ist wahr]

S. 43

Phaenomena sind Abbilder (keine Urbilder [idea, =Vorlagen]) der Dinge. Sie sind aber wahr. Denn:

  1. Sie bezeugen die Gegenwart eines Gegenstandes.
  2. Die Wahrheit in Urteilen besteht in der Übereinstimmung des Prädikats mit dem Subjekt. Das sinnliche Erkenntnisvermögen erzeugt die Vorstellungen des Subjekts und die Prädikate sind sinnlich wahrnehmbar, also entstehen beide nach gemeinsamen Gesetzen und stimmen überein.

§ 12 [Physik, Psychologie und reine Mathematik]

Aller Gegenstand der Sinne ist Phaenomenon. Was die Form der Sinnlichkeit enthält, ohne die Sinne zu berühren, ist reine Anschauung: zwar sinnlich (nicht intellektuell) aber von Empfindung leer.

Phaenomena der äußeren Sinne untersucht die Physik.

Phaenomena des inneren Sinns untersucht die Psychologie.

Die reine (menschliche) Anschauung ist ein einzelner Begriff, in dem man alles Sensible denkt, der die Begriffe des Raumes und der Zeit enthält.

S. 45

Die reine Mathematik untersucht die reine Anschauung: die Geometrie betrachtet den Raum, die Mechanik die Zeit, die Arithmetik durch den Begriff der Zahl Raum sowohl als Zeit.

Die reine Mathematik erörtert die Form aller unserer sinnlichen Erkenntnis.

Die Gegenstände der Mathematik sind keine formalen Gründe, sondern selbst Anschauungen.

Bei Sinneserkenntnissen gibt es Wissenschaft, die auf Phaenomena basiert und nur logische (nicht reale) Verstandestätigkeit ausübt.

Dritter Abschnitt. Von den Gründen der Form der Sinnenwelt

§ 13 [Der subjektive formale Grund der Welt als Phaenomenon]

Der Grund der Form des Alls ist der Grund der Verknüpfung aller Substanzen, wodurch sie zum Ganzen, der Welt, gehören.

Der Grund der Form der Sinnenwelt ist der Grund der Verknüpfung aller Phaenomena.

Der Grund der Form der Verstandeswelt ist der objektive Grund der Verbindung des an sich Daseienden.

S. 47

Der Grund der Form der Welt als Phaenomenon ist subjektiv. Er ist ein Gesetz des Gemüts, durch das dem Subjekt aller Gegenstand der Sinne notwendig zum selben Ganzen zu gehören scheint.

Der Grund der Form der Sinneswelt umfasst nur das Wirkliche, das in die Sinne fallen kann. Unstoffliche Substanzen sind ausgeschlossen. Die Weltursache [der Sinnenwelt] ist auch ausgeschlossen: Sie kann kein Gegenstand der Sinne sein, weil sie die Erkenntniskraft, die durch die Sinne wirkt, entstehen lässt.

Die formalen Gründe des Alls als Phaenomenon sind schlechthin allgemein. Sie sind Schemata und Bedingungen von allem Sinnlichen. Sie sind zwei: Zeit und Raum.

§ 14 Von der Zeit

1. [Die Vorstellung der Zeit stammt nicht aus den Sinnen]

Die Vorstellung der Zeit wird von den Sinnen vorausgesetzt. Die Erfahrung der Folge im Wirklichen besteht in der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, also setzt sie den Begriff der Zeit voraus und kann ihn nicht begründen.

2. [Die Vorstellung der Zeit ist eine einzelne]

S. 47-49

Die Vorstellung der Zeit ist keine allgemeine. Die Zeit ist kein Merkmal der Vorstellung des Wirklichen. Man stellt sich eine einzige Zeitfolge vor, in die man alles Wirkliche einordnet. Man stellt sich nicht alles als unter einem allgemeinen Begriff (einem gemeinsamen Merkmal) enthalten.

3. [Die Vorstellung der Zeit ist reine Anschauung]

S. 49

Die Vorstellung der Zeit ist deswegen Anschauung. Da sie eine Bedingung alles Sinnlichen vor aller Empfindung ist, ist sie reine Anschauung.

4. [Die Zeit ist eine stetige Größe und Grund aller stetigen Veränderung]

Die Zeit ist eine stetige Größe.

Die Zeit ist der Grund der Gesetze des Stetigen in den Veränderungen des Alls.

Die Zeit ist ein Stetiges, das nicht aus Einfachem besteht. Denn die Zeit ist eine Zusammensetzung von Augenblicken, diese aber sind keine Teile, sondern Grenzen: Wenn man aus der Zeit das Zusammengesetzsein ausnimmt, bleibt gar nichts übrig.

Metaphysisches Gesetz der Stetigkeit: Alle Veränderungen sind stetig oder fließend.

S. 51

[Beginn Bemerkung. Die Abbildung und der Satz in Klammern sind von uns, der Rest der Bemerkung von Kant]

Beweis des Leibnizschen Satzes: die stetige Bewegung von a über b bis c ist unmöglich.

Man bewegt sich durch a-b über den Punkt b im Augenblick t1. Man bewegt sich durch b-c über den Punkt b im Augenblick t2. Da beide Bewegungen unterschiedlich sind und nicht zeitgleich geschehen können, ist t1 ≠ t2. Da im Zeitraum t1 bis t2 das Bewegte sich in demselben Punkt b befindet, bleibt es stehen, also befindet es sich — gegen die Voraussetzung — nicht in stetiger Bewegung.

Daraus ergibt es sich im Allgemeinen, ein Körper in stetiger Bewegung verändert seine Richtung nur gemäß einer krummen Linie. [Ich füge hinzu: oder aber er verändert sie nicht und bewegt sich gerade aus.]

[Ende Bemerkung]

S. 53

5. [Die Zeit ist nicht objektiv und real]

Sondern eine subjektive Bedingung dafür, das Sensible einander beizuordnen. Erst der Begriff der Zeit ermöglicht unserer Erkenntniskraft, die Substanzen und Akzidenzen dem Zugleichsein und Aufeinanderfolgen zuzuordnen.

Ältere Begriffe einer objektiven, realen Zeit:

S. 55

Der Begriff der Zeit beruht auf einem inneren Gesetz der Erkenntniskraft, er ist nicht eine Art angeborener Anschauung [Was bedeutet das Rote? Vorstellung [idea] der Zeit ist Anschauung [intuitio] aber Begriff [conceptus] der Zeit ist keine angeborene Anschauung]. Dies sieht man darin, dass wir die Größe einer Zeit nur in concreto (nur mithilfe der Sinne) schätzen können.

Der Begriff der Zeit ist eine Bedingung selbst für den Satz des Widerspruchs. Nur wenn A und Nicht-A gleichzeitig sind, widersprechen sie einander.

Die Zeit ermöglicht einer jeden Veränderung (nicht anders herum).

6. [Die Zeit ist ein wahrer Begriff]

Auch wenn die Zeit kein real Seiendes ist, ist sie die Bedingung einer jeden anschauenden Vorstellung.

Der Begriff der Zeit enthält die allgemeine Form der Phaenomena.

S. 57

Der Begriff der Zeit ist ein sehr ursprünglicher.

7. [Die Zeit als Grund der Welt als Phaenomenon]

Die Zeit ist der unbedingt erste formale Grund der Sinnenwelt. Alles Sensibel kann nur in der Zeit gedacht werden.

Durch den Begriff der Zeit entsteht die Welt als Phaenomenon, die ein formales Ganzes ist, das nicht Teil eines anderen ist.

§ 15 Von dem Raume

A. [Der Begriff des Raumes entsteht nicht aus den Sinnen]

Die Möglichkeit äußerer Wahrnehmungen setzt den Begriff des Raumes voraus.

B. [Der Begriff des Raumes ist eine einzelne Vorstellung [repraesentatio] ]

Es gibt nur einen Raum, der alles Räumliche enthält.

S. 59

C. [Der Begriff des Raumes ist eine reine Anschauung [intuitius purus] ]

Zusammenfassung (VZ50): Jeder Beweis der Geometrie basiert auf reiner Anschauung. So besteht z. B. zwischen gleichen, inkongruenten Körpern (wie die linke und die rechte Hand) ein Unterschied, der zwar sprachlich nicht ausgedrückt, aber mit größter Evidenz angeschaut werden kann. Die geometrische Evidenz ist sogar Vorbild und Mittel aller wissenschaftlichen Evidenz.

S. „Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume” (1768)

Der Begriff des Raumes entsteht nicht aus den Sinnen und ist ein einzelner. Er ist die Grundform aller äußeren Empfindung. Er ist also eine reine Anschauung.

Die Axiome der Geometrie (z. B. dass der Raum genau drei Abmessungen [Dimensionen] hat, dass zwei Punkte eine Gerade eindeutig bestimmen) entstehen offensichtlich nicht aus irgendwelchem allgemeinen Begriff des Raumes, sondern werden im Raum in concreto geschaut.

Was im Raum auf der einen und was auf der anderen Seite liegt, lässt sich diskursiv oder durch Verstandesmerkmale nicht beschreiben.

Es gibt solide Körper, die gleich aber inkongruent sind, wie die linke und die rechte Hand oder sphärische Dreiecke von zwei entgegengesetzten Halbkugeln. Der Unterschied zwischen ihnen kann sprachlich, mit Merkmalen, nicht ausgedrückt werden.

Deswegen braucht die Geometrie Grundsätze, die nicht diskursiv, sondern anschaulich erfasst werden.

S. 61

Die Evidenz der geometrischen Beweise ist die größte, gar die einzige Evidenz, die es in den reinen Wissenschaften gibt.

Die geometrische Evidenz ist Urbild [exemplar, Vorbild] und Mittel aller Evidenz in anderen Wissenschaften. Denn Klarheit in etwas Wahrgenommenes kann nur durch die Anschauung erlangt werden, und die Geometrie schafft Klarheit in der Anschauung.

Die Beweise der Geometrie sind nicht rationaler (durch einen allgemeinen Begriff denkend), sondern sinnlicher Natur (durch eine einzelne Anschauung vor Augen stellend).

[Beginn Fußnote]

Der Raum muss als stetige Größe vorgestellt werden. Das Einfache im Raum ist kein Teil, sondern eine Grenze.

Ein Raum ohne Grenzen ist solide. Die Grenze des Soliden ist die Fläche. Die Grenze der Fläche ist die Linie. Die Grenze der Linie ist der Punkt.

Es gibt also drei Arten Grenze im Raum, wie drei Abmessungen auch.

Der Begriff Grenze ist gerichtet auf Raum und Zeit und auf keine andere Größe.

[Fußnote Ende]

D. [Der Raum ist subjektiv und ideal]

Der Raum ist nicht objektiv und nicht real.

Der Raum ist subjektiv und ideal. Er entsteht aus der Natur der Erkenntniskraft. Er entsteht nach einem festen Gesetz.

Der Raum ist ein Schema, alles äußerlich Empfundene einander beizuordnen.

S. 61-63

Begriffe des Raums als real:

S. 63

E. [Der Raum ist wahr und Grundlage aller Wahrheit in der äußeren Sinnlichkeit]

Die Gestalt, unter der die Dinge uns erscheinen, entsteht durch das Gemüt, indem es alle Empfindungen nach einem Gesetz einander beiordnet. Dieses Gesetz ist fest und in der Natur des Gemüts eingepflanzt.

Deshalb folgt alles, was den Sinnen gegeben ist, den Axiomen des Raumes und dessen Folgen und stimmt mit ihnen überein.

S. 65

Der Raum ist ein unbedingt erster formaler Grund der Sinnenwelt. Er ist Grund der Gesamtheit (da er ein einiger ist, das alles umfasst).

Zusatz

S. 65-67

Gegensatz bei der Erkenntnis:

S. 67

Punkt und Augenblick können nicht durch sich gedacht werden, sondern nur als Grenze in einem Raum und einer Zeit.

Die angestammten [überlieferten] Eigenschaften der Begriffe von Raum und Zeit können nicht intellektuell entwickelt werden, weil sie außerhalb der Grenzlinien der Vernunft liegen.

Aber sie unterliegen dem Verstande. Der Verstand kann aus dem anschaulich Gegebenen nach logischen Gesetzen mit größtmöglicher Gewissheit Folgen erschließen.

Den Begriff des Raums wendet man auf die Anschauung eines Gegenstandes an. So lässt sich die Zeit selbst bildhaft als Linie vorstellen, deren Punkte für die Augenblicke stehen.

Die Zeit umfasst alles, den Raum selbst, aber auch das, was nicht im Raum steht, wie die Gedanken des Gemüts. Also ähnelt die Zeit eher einem Vernunftbegriff, der allgemein ist.

Die Erkenntniskraft kann ihre Begriffe vergleichen (gemäß den Gesetzen der Vernunft) nur unter der Förderung der Bedingungen, die die Zeit aufstellt.

Konkretion 1. Das Urteilen über Unmögliches setzt Zeit voraus: man muss von demselben Subjekt zu derselben Zeit A und Nicht-A aussagen.

S. 69

Konkretion 2. Die Erfahrung von Ursache und Verursachtem setz Zeit voraus: Ursache findet früher statt. Bei äußeren Gegenständen setzt diese Erfahrung auch Raum voraus.

Konkretion 3. Die Größe des Raumes setzt Zeit voraus: Zählen ist ja, in einer gegebenen Zeit eines zu einem nacheinander hinzutun.

„Schließlich kommt jedem wie von selbst die Frage, ob beide Begriffe [Raum, Zeit] angeboren oder erworben seien. Das letztere scheint zwar durch das Bewiesene schon widerlegt, das erstere aber ebnet einer Philosophie der Faulen den Weg, die jede weitere Nachforschung durch Berufung auf die erste Ursache für unnütz erklärt, und darf daher nicht so aufs Geratewohl zugelassen werden.”

Die Begriffe von Raum und Zeit sind erworben. {

Sie sind nicht von der Sinneswahrnehmung erworben: Die Empfindung gibt den Stoff, nicht die Form der Erkenntnis.

Sie sind durch die Tätigkeit der Erkenntniskraft erworben. Die Erkenntniskraft ordnet das Empfundene einander bei, und zwar nach bleibenden Gesetzen. Daraus zieht die Erkenntniskraft selbst beide Begriffe ab, als ein unveränderliches Bild (anschaulich) zu erkennen.

Angeboren ist nur das Gesetzt des Gemüts.

}

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala