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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation November 2003 u. 2005 durchgeführt.

1775 (51) Vorlesungsprogramm. 17 S.
Originaltitel: Von den verschiedenen Racen der Menschen zur Ankündigung der Vorlesungen der physischen Geographie im Sommerhalbenjahre 1775, [Vignette] von Immanuel Kant der Log. und Met. ordentl. Prof. Königsberg, gedruckt bey G. L. Hartung, Königl. Hof- und Academ. Buchdrucker.
[12 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0044 / Warda: 051
Akademie-Ausgabe Bd. II: 427-443 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Vorlesungsprogramme
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Menschen: 1 Art, 4 Rassen.

Alle Menschen gehören zur selben Tierart, weil sie miteinander fruchtbare Kinder zeugen können, und gehören wahrscheinlich zu einem einzigen Stamm. Rassen sind Verschiedenheiten innerhalb einer Art, die erblich beständig sind, die als Anpassung des Tieres an die Umwelt entstehen, indem das Tier seine ursprüngliche Keime und Anlagen entwickelt. Die Stammgattung ist die Weiße von brünetter Farbe (31. bis 32. Breitengrad in der Alten Welt). Es gibt außerdem 4 Rassen der Menschen nach dem Klima: die Hochblonde (Nordeuropa, feuchte Kälte), die Kupferrote (Amerika, trockene Kälte) die Schwarze (Senegambia, feuchte Hitze) und die Olivengelbe (Indien, trockene Hitze).

Gliederung

Von den verschiedenen Rassen der Menschen20 S.
1) Von der Verschiedenheit der Rassen überhaupt3 S.
2) Einteilung der Menschengattung in ihre verschiedene Rassen3 S.
3) Von den unmittelbaren Ursachen des Ursprungs dieser verschiedenen Rassen11 S.
4) Von den Gelegenheitsursachen der Gründung verschiedener Rassen3 S.
Quelle: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. VI, S. 10-30

Textablauf

Die Vorlesung wird eher nützliche Unterhaltung als mühsame Beschäftigung sein. So auch die folgende Untersuchung.

Die Menschen sind alle einer Tierart, weil sie miteinander fruchtbare Kinder zeugen können. Sie sind (wahrscheinlich) alle von demselben Stamm.

Innerhalb einer Tierart, die zu einem einzigen Stamme gehört, heißen Rassen die Abweichungen, die erblich sind und nach Versetzung der Tiere in andere Regionen fortbestehen, so fern sie mit anderen Rassen halbschlächtige Junge zeugen.

Bei Menschen lassen sich alle erbliche Charaktere in vier Rassen einordnen.

Klima und Umwelt können Änderungen in den Tierarten verursachen, nicht aber direkt durch etwa Luft, Sonne und Nahrung, sondern indem die Keime und Anlagen, die die Natur von Anfang an in die Tierart gesetzt hatte, sich entfalten.

Die ursprüngliche Gestalt der Menschen findet man heute auf der Erde nicht mehr vor, denn in allen Regionen haben sich die Menschen verändert. Am wenigsten dürfte sich der Mensch in der Alten Welt (31. bis 32. Breitengrade) verändert haben, von da aus sind die übrigen Charaktere am nächsten.

Stammgattung Weiße von brunetter Farbe (Alte Welt)
Rassen nach Klima Kalt Heiß
Feucht Hochblonde (Nordeuropa) Schwarze (Senegambia)
Trocken Kupferrote (Amerika) Olivengelbe (Indien)

Aus dem Vorlesungsprogramm

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. VI), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 7 ff.

Die Vorlesung, welche ich ankündige, wird mehr eine nützliche Unterhaltung, als eine mühsame Beschäftigung sein; [...] [S. 11]

S. auch Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse.

Über die physische Geographie

Die physische Geographie, die ich hiedurch ankündige, gehört zu einer Idee, welche ich mir von einem nützlichen akademischen Unterricht mache, den ich: die Vorübung in der Kenntnis der Welt nennen kann. Diese Weltkenntnis ist es, welche dazu dient, allen sonst erworbenen Wissenschaften und Geschicklichkeiten das Pragmatische zu verschaffen, dadurch sie nicht bloß vor die Schule sondern vor das Leben brauchbar werden, und wodurch der fertig gewordene Lehrling auf den Schauplatz seiner Bestimmung nämlich in die Welt eingeführet wird. Hier liegt ein zwiefaches Feld vor ihm, wovon er einen vorläufigen Abriß nötig hat, um alle künftige Erfahrungen darin nach Regeln ordnen zu können: nämlich die Natur und der Mensch. Beide Stücke aber müssen darin kosmologisch erwogen werden, nämlich nicht nach demjenigen, was ihre Gegenstände im einzelnen Merkwürdiges enthalten, (Physik und empirische Seelenlehre), sondern was ihr Verhältnis im Ganzen, worin sie stehen und darin ein jeder selbst seine Stelle einnimmt, uns anzumerken gibt. Die erstere Unterweisung nenne ich physische Geographie und habe sie zur Sommervorlesung bestimmt, die zweite, Anthropologie die ich vor den Winter aufbehalte. [Nur in 1. Auflage, Fußnote S. 26]

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala