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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Kritik der reinen Vernunft (1781) heraus

1781 (57) Monographie. ? S.
Originaltitel: Critik der reinen Vernunft von Immanuel Kant Professor in Königsberg. [Vignette: Blumenkranz] Riga, verlegts Johann Friedrich Hartknoch 1781.
[Titel, Widmung, Vorrede, Inhalt, 856 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0046 / Warda: 059
Akademie-Ausgabe Bd. IV: 001-252 [teilweise] Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

s. Übersicht

Vorrede

Zitiert nach: Immanuel Kant, Die drei Kritiken. Kritik der reinen Vernunft (Sonderausgabe 200. Todestages, seitenidentisch mit Bd. 505 der Philosophischen Bibliothek), Hg. Jens Timmermann, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2003.

Die Vorrede ist 10 Seiten lang.

VZ200: Die Kritik ist die Antwort auf die gegenwärtigen Überdruß und Gleichgültigkeit in der Metaphysik, die Dogmatismus und Skeptizismus verursacht haben und die auch der Ansatz Lockes nicht überwand. Das Problem der einmal gepriesenen Metaphysik liegt daran, dass sie das Feld der Streitigkeiten ist, in denen sich die Vernunft naturgemäß verwickelt. Man will heute auf Scheinwissen verzichten und verlangt nach Selbsterkenntnis der Vernunft. Dies bewerkstelligt die Kritik der reinen Vernunft. Sie ist keine Kritik der Bücher, sondern des Vermögens der reinen Vernunft, und bestimmt aus Prinzipien die Quellen, Umfang und Grenzen der Metaphysik. Zunächst wird das Missverständnis, das die Vernunft entzweit und täuscht, aufgeklärt. Dann stellt sich das einheitliche Prinzip der Vernunft heraus. Danach werden alle metaphysischen Aufgaben nach diesem Prinzip ausführlich aufgelöst. Die Natur der Untersuchung erfordert Vollständigkeit, Ausführlichkeit, apodiktische Gewissheit und logische Deutlichkeit. Nur auf intuitive Deutlichkeit wurde verzichtet, da Beispiele und Erörterungen unwesentlich sind und die Übersicht verhindern. Diese Kritik führt zu einer Metaphysik, die das systematische Inventar unseres Besitzes durch reine Vernunft ist, einer Wissenschaft, die als einzige rasch vollendet werden kann. Vom Leser erwarte ich eine Prüfung der Kritik. Mitmachen kann er beim künftigen System der reinen Vernunft (der Metaphysik der Natur, die alle abgeleiteten Begriffe enthält).

AbsatzInhalt
#1[Selbstüberforderung der Vernunft] Die menschliche Vernunft überfordert sich naturgemäß selbst.
#2[Grund und Folgen der Überforderung] Die Metaphysik ist das Feld der Streitigkeiten, zu denen die Vernunft spontan kommt.
#3[Geringschätzung der Metaphysik] Die einmal gepriesene Metaphysik wird heute verachtet.
#4[Vergangenheit und Gegenwart der Metaphysik] Dogmatismus und Skeptizismus haben (trotz des zunächst viel versprechenden Ansatzes von Locke) zu den heutigen Überdruß und Gleichgültigkeit in den Wissenschaften geführt.
#5[Bedarf an Selbsterkenntnis der Vernunft] Man verzichtet heute nicht auf Gründlichkeit, dafür aber auf Scheinwissen und fordert die Vernunft zu Selbsterkenntnis, der Aufgabe der Kritik, auf.
#6[Inhalt der Kritik] Keine Kritik der Bücher, sondern des Vermögens der reinen Vernunft. Suche nach dem, was unabhängig von der Erfahrung erkennbar ist. Bestimmung aus Prinzipien von Quellen, Umfang und Grenzen der Metaphysik.
#7[Methode der Kritik] Ausgehend von der Aufklärung des Missverständnisses (das die Vernunft entzweit und täuscht und das Fantasievorstellungen hervorbringt) stellt sich das einheitliche Prinzip der Vernunft heraus und werden alle metaphysischen Aufgaben nach diesem Prinzip ausführlich aufgelöst.
#8[Anspruch der Kritik] Die Kritik erhebt keine Ansprüche, die über die Erfahrung hinausgehen (wie etwa: Beweis der einfachen Natur der Seele oder der Notwendigkeit eines Weltanfanges), sondern bleibt immer beim reinen Denken und fragt nach dessen Grenze.
#9[Notwendigkeit der Ausführlichkeit und Vollständigkeit] Die Natur der Erkenntnis erfordert Vollständigkeit und Ausführlichkeit in der Behandlung.
#10[Form der Kritik] 1. Gewissheit. 2. Deutlichkeit.
#11[Notwendigkeit der apodiktischen Gewissheit] Die Art der Untersuchung verbietet jede Meinung oder Hypothese, denn eine Erkenntnis a priori muss unbedingt notwendig sein. Außerdem streben wir nach dem Maßstab aller apodiktischen Gewissheit.
#12[Zusätzliches, nicht apodiktisches Moment] Die Deduktion der reinen Verstandesbegriffe enthält, neben dem (apodiktischen) Beweis der objektiven Möglichkeit der Verstandesbegriffe eine subjektive Deduktion des Grundes des Verstandesvermögens, die vielleicht nicht völlig überzeugt.
#13[Deutlichkeit der Kritik] Der Vortrag ist schulgerecht, nicht gemeinverständlich. Die logische Deutlichkeit ist wesentlich und wurde verschaffen. Da Beispiele und Erörterungen unwesentlich sind und die Übersicht verhindern, wurde auf intuitive Deutlichkeit verzichtet.
#14[Der Kritik entsprechende Metaphysik] Die Kritik führt zu einer Metaphysik, bei deren Aufbau der Leser mitmachen kann, die als einzige Wissenschaft rasch vollendet werden kann, weil sie das systematische Inventar unseres Besitzes durch reine Vernunft ist. Diese Erkenntnisse, die die Vernunft selbst hervorbringt und deshalb auch erkennen kann, können vollständig erkannt werden, weil sie aus einem einzigen Prinzip der Vernunft stammen und, da sie unabhängig von der Erfahrung sind, nicht später erweitert werden können.
#15[Öffentliche Prüfung der Kritik] Vom Leser erwarte ich eine Prüfung der Kritik. Mitmachen kann er beim künftigen System der reinen Vernunft (der Metaphysik der Natur). Dieses System wird inhaltreicher aber kürzer als die Kritik sein, weil die Kritik, bevor sie die Quellen und Bedingungen des Systems aufstellt, mit vielen Irrtümern aufräumen muss. Während die Kritik am Stück eine Synthese macht, erfordert das System eine Analyse aller abgeleiteten Begriffe, eine leichte und unterhaltsame Arbeit, die Zeit erfordert.
#16 Druckfehler. Darstellung der Tafel der Antinomien.

#1 [Selbstüberforderung der Vernunft]

Die menschliche Vernunft stellt naturgemäß Fragen, die ihr Vermögen übersteigen. Avii

#2 [Grund und Folgen der Überforderung]

Die menschliche Vernunft kommt spontan zu Grundsätzen, die alle Erfahrung überschreiten, und die sie zu Dunkelheit und Widersprüchen führen. Dieses Feld der Streitigkeiten ist die Metaphysik. Avii-viii

#3 [Geringschätzung der Metaphysik]

Die einmal gepriesene Metaphysik wird heute verachtet. Aviii-ix

Es war eine Zeit, in welcher sie die Königin aller Wissenschaften genannt wurde und, wenn man den Willen vor die Tat nimmt, so verdiente sie, wegen der vorzüglichen Wichtigkeit ihres Gegenstandes, allerdings diesen Ehrennamen. Jetzt bringt es der Modeton des Zeitalters so mit sich, ihr alle Verachtung zu beweisen und die Matrone klagt, verstoßen und verlassen, wie Hecuba: modo maxima rerum, tot generis natisque potens — nunc trahor exul, inops — Ovid. Metam. [Übersetzung des Herausgebers: »Gerade noch Mittelpunkt von allem und durch so viele Schwiegersöhne und Kinder mächtig […], werde ich jetzt, hilflos, aus meiner Heimat weggeführt.«]

#4 [Vergangenheit und Gegenwart der Metaphysik]

Die Metaphysik stand anfangs unter der Herrschaft des Dogmatismus. Die inneren Streitigkeiten ermöglichten ab und zu den Erfolg der Skeptiker. [Bild: Der Despotismus der Dogmatiker führt durch innere Kriege zur Anarchie. Die Skeptiker als die Zivilisation verabscheuende Nomaden.] Aix

Vor kurzem schien Locke die Streitigkeiten beenden zu können. Doch da der Ansatz auf Erfahrung gründete, verfiel man wieder in den Dogmatismus. [Bild: Die Metaphysik Lockes als Königin, die aus dem Pöbel der gemeinen Erfahrung stammte.] Aix-x

Jetzt herrschen in den Wissenschaften Überdruß und Gleichgültigkeit [Bild: Mutter des Chaos und der Nacht]. Dies ist jedoch der Vorspann der Umgestaltung und Aufklärung der Wissenschaften. Ax

#5 [Bedarf an Selbsterkenntnis der Vernunft]

Gleichgültigkeit in solchen wesentlichen Fragen entsteht nicht aus Leichtsinn, sondern aus Reife.

[Fußnote] {

Axi

#5#1

Man klagt häufig über die gegenwärtige Oberflächlichkeit und den Verfall der Wissenschaft.

Doch ich sehe in gut fundierten Wissenschaften (wie Mathematik, Naturlehre, etc.) einen gründlichen Geist.

Die Gründlichkeit würde anderorts auftreten, hätte man dort feste Grundlagen.

Da die Grundlagen fehlen, sind Gleichgültigkeit und Zweifel eigentlich ein Zeichen von Gründlichkeit.

Wir leben ja im Zeitalter der Kritik.

Die Versuche, sich der Kritik zu entziehen, wie die der Religion durch Heiligkeit, die der Gesetzgebung durch Majestät, lassen nur einen Verdacht entstehen und werden von der Vernunft (die nur eine öffentliche, freie Prüfung als Maßstab anerkennt) nicht angenommen.

}

Man verzichtet auf Scheinwissen und fordert die Vernunft auf, ihre Selbsterkenntnis zu vertiefen und ihre Fähigkeiten herauszufinden [Bild des Gerichtshofes]. Ebendies tut die Kritik der reinen Vernunft. Axi-xii

Axii

#6 [Inhalt der Kritik]

Es handelt sich um eine Kritik des Vernunftvermögens (nicht der Bücher und Systeme). Man findet heraus, was man unabhängig von der Erfahrung erkennen kann, somit ob Metaphysik möglich ist oder nicht. Man bestimmt aus Prinzipien: Quellen, Umfang und Grenzen der Metaphysik.

#7 [Methode der Kritik]

Den für die Entzweiung der Vernunft verantwortliche Fehler habe ich behoben.

Die aufgeworfenen Fragen habe ich nach Prinzipien lückenlos spezifiziert. Ich habe den Grund des Missverständnisses ausfindig gemacht und dann die Fragen vollständig aufgelöst.

Axiii

Die Beantwortung erfolgt nicht auf dogmatischer schwärmender Art. Pflicht der Philosophie war, die aus Missverständnis entstandene Täuschung (so viele hochgeschätzte Fantasievorstellungen auch immer daran hängen mögen) zu überwinden:

Zwar ist die Beantwortung jener Fragen gar nicht so ausgefallen, als dogmatischschwärmende Wißbegierde erwarten mochte; denn die könnte nicht anders als durch Zauberkünste, darauf ich mich nicht verstehe, befriedigt werden. Allein, das war auch wohl nicht die Absicht der Naturbestimmung unserer Vernunft und die Pflicht der Philosophie war: das Blendwerk, das aus Mißdeutung entsprang, aufzuheben, sollte auch noch so viel gepriesener und beliebter Wahn dabei zu nichte gehen.

Mein Interesse galt der Ausführlichkeit. Es sollte überhaupt keine metaphysische Aufgabe geben, die hier nicht aufgelöst (und deren Lösung nicht aufgezeigt) ist.

Dies rührt daher, dass die reine Vernunft eine vollkommene Einheit ist. Ihr Prinzip muss unbedingt alle von ihr aufgeworfenen Fragen aufklären.

#8 [Anspruch der Kritik]

Meine Ansprüche sind viel bescheidener als die von üblichen Vorhaben wie etwa einem Beweis der einfachen Natur der Seele oder einem der Notwendigkeit eines Weltanfanges. Denn diese bieten sich an, die Erkenntnisse über alle Mögliche Erfahrung hinaus zu erweitern. Ich bleibe hingegen bei dem reinen Denken und frage danach, wie weit man mit ihm gehen kann. Axiii-xix

#9 [Notwendigkeit der Ausführlichkeit und Vollständigkeit]

Vollständigkeit und Ausführlichkeit sind also nicht beliebig, sondern werden durch die Natur der Erkenntnis geboten. So weit zum Inhalt unserer Untersuchung. Axiv

Axv

#10 [Form der Kritik]

Die Form unserer Untersuchung betreffend kann man Gewissheit und Deutlichkeit verlangen.

#11 [Notwendigkeit der apodiktischen Gewissheit]

Zur Gewissheit. Die Art der Untersuchung verbietet jede Meinung oder Hypothese. Denn 1. die Erkenntnis a priori ist schlechthin notwendig, 2. wir streben den Maßstab aller apodiktischen Gewissheit an.

Möge der Leser selbst beurteilen, ob ich den Anspruch erfüllt habe.

Axvi

#12 [Zusätzliches, nicht apodiktisches Moment]

Die Deduktion der reinen Verstandesbegriffe hat mich die meiste Mühe gekostet.

1. bezieht sich die (objektive) Deduktion auf die Gegenstände des reinen Verstandes. Die objektive Möglichkeit der Verstandesbegriffe wird bewiesen.

2. bezieht sich die (subjektive) Deduktion auf den reinen Verstand selbst. Die subjektive Möglichkeit des Verstandes wird ausgehend von den grundlegenden Erkenntniskräften erörtert.

Axvii

Während die objektive Deduktion wesentlich zur Untersuchung ist, gehört die subjektive Deduktion streng genommen nicht dazu und mag (anders als die objektive) nicht völlig überzeugend wirken.

#13 [Deutlichkeit der Kritik]

Axvii-xviii

Zur Deutlichkeit. Es gibt zwei Arten Deutlichkeit:

1. diskursive (logische) Deutlichkeit: durch Begriffe. Gehört zum Wesen des Vorhabens und wurde verschaffen.

2. intuitive (ästhetische) Deutlichkeit: durch Anschauungen in concreto (Beispiele, Erläuterungen). Eine mildere aber gerechte Forderung, der ich der diskursiven Deutlichkeit halber nicht entsprochen habe.

Axviii

Ich habe mich nach einigem Zögern für einen trockenen, bloß scholastischen Vortrag entschieden. Die Beispiele und Erläuterungen (die nur in populärer Absicht und nicht für den Kenner der Wissenschaft nötig sind) hätten das Werk viel zu umfangreich gemacht.

Axvix

Sogar hätte sich die Ausführlichkeit als zweckwidrig herausgestellt, da sie die Übersicht über das Ganze und über die systematische Artikulation verbaut.

#14 [Der Kritik entsprechende Metaphysik]

Der vorgelegte Entwurf kann zu einem großen und wichtigen Werk führen, bei dessen Ausführung der Leser mitmachen kann.

Axx

Die hier vorgestellte Metaphysik ist die einzige Wissenschaft, die rasch zur Vollendung gebracht werden kann, so dass in Zukunft nur didaktisch verbessert, aber nicht inhaltlich vermehrt werden kann.

Dies rührt daher, dass diese Metaphysik das systematische Inventar unseres Besitzes durch reine Vernunft ist.

Wenn man über das Prinzip dieser Erkenntnisse verfügt, kann man sie vollständig aufzählen. Denn die Vernunft kann alles, was sie selbst hervorbringt, auch entdecken.

Die Vollständigkeit ist hier nicht nur möglich, sondern auch nötig aufgrund der vollkommenen Einheit dieser Erkenntnisse, die aus reinen Begriffen bestehen und nicht durch eine künftige Erfahrung erweitert werden können, da sie keinerlei Anschauung oder Erfahrung enthalten.

Axxi

#15 [Öffentliche Prüfung der Kritik]

Dieses System wird inhaltreicher aber kürzer als die vorliegende Kritik sein. Denn die Kritik, die die Quellen und Bedingungen des Systems darlegt, muss zuerst mit vielen Irrtümern aufräumen [wörtlich: einen ganz verwachsenen Boden reinigen und ebenen].

Während die Kritik vom Leser geprüft werden muss; muss am System der Leser mitarbeiten:

Hier erwarte ich an meinem Leser die Geduld und Unparteilichkeit eines Richters, dort aber die Willfährigkeit und den Beistand eines Mithelfers; […]

Denn das System muss alle abgeleiteten Begriffe enthalten, und diese können nur nach und nach aufgefunden werden, was eine leichte und unterhaltsame Arbeit der Analyse darstellt. Bei der Kritik dagegen geht es um eine Synthese, die am Stück erschöpft ist.

#16

Axxii

Hinweis auf einen Druckfehler.

These und Antithese der Antinomien wurden der Übersichtlichkeit halber gegenübergestellt.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala