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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Rezension: Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre für alle Menschen (1783,3) heraus

1783 (59) Rezension. Zeitschrift: Raisonnirendes Bücherverzeichnis. 6 S.
Originaltitel: Rez.: Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre für alle Menschen, ohne Unterschied der Religion, nebst einem Anhange von den Todesstrafen, Erster Theil. Berlin, 1783. bey Stahlbaum. 1 fl. 24 gl. [gezeichnet: --t]
Zeitschrift: Raisonnirendes Bücherverzeichnis Zweyten Jahrgangs. Erstes und Zweytes Quartal, No. VII. April 1783, S. 97-100.
Katalog-Nr. Adickes: 0048 / Warda: 081
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 009-014 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Rezensionen
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Interessantes Werk, bringt aber die spekulativen und praktischen Grundsätze durcheinander.

1783,3: Rezension. Schulz: Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre für alle Menschen, ohne Unterschied der Religion, nebst einem Anhange von den Todesstrafen. Erster Theil. Berlin, 1783, bei Stahlbaum.

Dieser 1. Teil stellt die Grundlagen zu einem neuen moralischen System dar. Der Verfasser ist freimütig und selbstdenkend und hat gute Absicht.

Der Rezensent stellt den Gang der Gedanken des Verfassers dar und sein Urteil darüber.

Unter dem Aspekt der Lebenskraft lassen sich alle Lebewesen auf einer Stufenleiter darstellen. Es gibt nichts lebloses, und auch keine Seele als vom Körper unabhängiges Wesen.

So lassen sich auch alle Erkenntnisse auf einer Stufenleiter der Wahrheit darstellen. Es gibt keinen absoluten Irrtum und keine immer währende Wahrheit.

Unter dem Aspekt des Willens gibt es den einzigen Grundtrieb der Selbstliebe. Es gibt keinen freien Willen, sondern strenge Notwendigkeit. Unfreie Handlungen nennt man die, bei denen die Selbstliebe bloß durch Empfindungen und ohne deutliche Vorstellungen bestimmt wird. Deshalb sind alle rächende Strafen, vornehmlich die Todesstrafe, ungerecht.

Der unbefangene und geübte Leser wird bemerkt haben, dass das Werk durch Fatalismus gekennzeichnet ist. Dieses Prinzip führt zwangsläufig zur grobsten Schwärmerei, auch wenn der Verfasser selbst die Vernunft anzuerkennen sucht.

Der praktische Begriff der Freiheit hat mit dem spekulativen gar nichts zu tun.

Selbst der hartnäckigste Sceptiker gesteht, daß, wenn es zum handeln kommt, alle sophistische Bedenklichkeiten wegen eines allgemein-täuschenden Scheins wegfallen müssen. Eben so muß der entschlossenste Fatalist, der es ist, so lange er sich der bloßen Speculation ergiebt, dennoch, so bald es ihm um Weisheit und Pflicht zu thun ist, jederzeit so handeln, als ob er frei wäre, und diese Idee bringt auch wirklich die damit einstimmige That hervor und kann sie auch allein hervorbringen.

Der Verfasser hat unbewusst angenommen, dass der Verstand aus objektiven Gründen urteilt und nicht nach subjektiven Ursachen, dass es also Freiheit im Denken gibt, ohne die es keine Vernunft gäbe. Er hat auch im Grunde Freiheit des Willens im Handeln vorausgesetzt, weil es sonst keine Sitten gäbe.

Der Verfasser hat die spekulativen und die praktischen Grundsätze nicht in Einstimmung bringen können.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala