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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783) heraus

Der transzendentalen Hauptfrage Dritter Teil.
Wie ist Metaphysik überhaupt möglich?

VZ200: Die Metaphysik als Erkenntnis, die über die Erfahrung hinausgeht, ohne Dinge an sich selbst zu bestimmen, ist möglich, weil man den Grenzbereich der reinen Vernunft ausmachen kann, der aus Erkenntnissen über das Verhältnis zwischen Vernunft und Noumena besteht. Neben dem Verstand und dessen Kategorien gibt es die Vernunft und deren Ideen, nämlich die psychologische, kosmologische und theologische Idee. Der dogmatische Gebrauch der reinen Ideen führt zur Dialektik. Die psychologische Idee missleitet zum Paralogismus, der Auffassung eines wesenhaften Subjekts. Die kosmologische Idee missleitet zu den 4 Antinomien, scheinbar gültigen aber widersprüchlichen Aussagen über die Endlichkeit von Raum, Zeit und der Kette Ursache-Wirkung und über die Existenz von Einfachem und Freiheit. Die theologische Idee missleitet zum Ideal der Vernunft, Annahme eines Urwesens. Die Kritik löst den dialektischen Schein auf durch Unterscheidung zwischen Noumena und Erscheinung. So ist es unzulässig, aus der Idee des Ich auf eine Substanz oder die Beharrlichkeit der Seele nach dem Tod zu schließen. So kann man keine Aussage über die Begrenztheit von Zeit, Raum oder Teilung des Zusammengesetzten machen. So gibt es auch keinen Widerspruch zwischen Naturnotwendigkeit und Freiheit oder Gott. Die menschliche Veranlagung zur transzendentalen Ideen könnte einen moralischen Zweck haben: Materialismus, Naturalismus und Fatalismus zu vermeiden.

Zusammenfassung (VZ500)

Der transzendentalen Hauptfrage Dritter Teil.
Wie ist Metaphysik überhaupt möglich?

Reine Vernunftbegriffe (Ideen) sind etwas ganz anderes als reine Verstandesbegriffe (Kategorien). Während die Kategorien immanent eingesetzt werden, ist der Gebrauch der Ideen transzendent und bringt einen missleitenden Schein (Dialektik) hervor, der nur durch wissenschaftliche Kritik zu beheben ist. Der Zusammenhang zwischen Vernunft und Verstand besteht darin, dass die Prinzipien der Vernunft dem Verstandesgebrauch systematische, regulative Einheit geben und die Verstandeserkenntnisse zur Vollständigkeit bringen.

Die Vernunftbegriffe lassen sich systematisch aufzählen. Ausgehend von den Vernunftschlüssen (kategorisch, hypothetisch, disjunktiv) kommt man zu drei Vernunftbegriffen: der psychologischen Idee des vollständigen Subjekts, der kosmologischen Idee der vollständigen Reihe der Bedingungen, und der theologischen Idee der vollständigen Gesamtheit des Möglichen.

Die Dialektik der reinen Vernunft

Die psychologische Idee führt zum Paralogismus der reinen Vernunft: Das Ich als wesenhaftes Subjekt aufzufassen. Die Idee des Ich kann jedoch nur als Bedingung für die Möglichkeit einer Erfahrung bewiesen werden, und führt deshalb weder zu einem substantiellen Ich noch zur Beharrlichkeit der Seele nach dem Tod. Gleichfalls kann die Existenz der Körper als Erscheinungen außer dem Ich bewiesen werden, womit der kartesische Idealismus widerlegt wird.

Die kosmologische Idee entsteht dadurch, dass die Reihe der Bedingungen der vier Kategorien zur Vollständigkeit gebracht wird. So entstehen die vier Antinomien, die eine (dogmatisch nicht aufzulösende, zu Kritik anregende) Entzweiung der Vernunft darstellen:

Name Satz Gegensatz Bewertung Begründung
1. mathematische Antinomien Die Welt hat der Zeit und dem Raum nach einen Anfang Die Welt ist der Zeit und dem Raum nach unendlich Satz und Gegensatz sind falsch Zeit, Raum und Teilung kommen nur den Erscheinungen zu und seine Unbegrenztheit ist so wenig erfahrbar wie seine Grenze
2. Alles in der Welt besteht aus dem Einfachen Es ist nichts Einfaches, sondern alles ist zusammengesetzt
3. dynamische Antinomien Es gibt in der Welt Ursachen durch Freiheit Es ist keine Freiheit, sondern alles ist Natur Satz und Gegensatz sind wahr Es gibt eine (freie, erste) Ursache im Verstandeswesen und eine unendliche Reihe von (notwendigen, zufälligen) Ursachen in der Sinnenwelt
4. In der Reihe der Weltursachen ist irgend ein notwendiges Wesen Es ist in ihr nichts notwendig, sondern in dieser Reihe ist alles zufällig

Die theologische Idee verleitet zum Ideal der reinen Vernunft, einem völligen Abbruch mit der Erfahrung. Da man die subjektive Bedingung unseres Denkens für eine objektive Bedingung der Sachen hält, glaubt man irrtümlich auf ein Urwesen schließen zu können.

Der Zweck der menschlichen Veranlagung zur transzendentalen Ideen könnte daran liegen, einen Raum für die moralischen Ideen zu schaffen und Materialismus, Naturalismus und Fatalismus zu vermeiden, indem sie die Unzulänglichkeit der Erfahrungsbegriffe aufdeckt.

Die Grenze der reinen Vernunft

Die Kritik ermittelt die Grenze der Vernunft nicht als eine Schranke (wie die Beschränkung der Mathematik auf Anschauung und die der Naturwissenschaft auf Erfahrung), sondern als einen nichtleeren Grenzbereich, indem sie das Verhältnis unserer Vernunft zu den Noumena durch Analogie bestimmt. So kann man einige Attribute Gottes als Analogien ausmachen, ohne in einen Anthropomorphismus zu fallen. Durch Analogien ist die Kritik der Vernunft in der Lage, den Mittelweg zwischen dem Dogmatismus und dem Humeschen Skeptizismus genau aus Prinzipien auszumachen.

Gliederung (Paragraphen)

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik die als Wissenschaft wird auftreten können152 S.
Der transzendentalen Hauptfrage Dritter Teil. Wie ist Metaphysik überhaupt möglich?45 S.
§ 40. [Der transzendente Gebrauch der Vernunft]2 S.Die Frage ist aufzuklären, weil die Vernunft anders als der Verstand über die Erfahrung hinausgeht: Während der Gebrauch der Kategorien (Verstandesbegriffe) immanent ist, ist der der Ideen (Vernunftbegriffe) transzendent und trägt einen verleitenden Schein mit sich, der nur durch Selbsterkenntnis der reinen Vernunft (den Kern der Metaphysik) zu beheben ist.
§ 41. [Wichtigkeit der Unterscheidung Ideen vs. Kategorien]‹1 S.Ideen (reine Vernunftbegriffe) sind Erkenntnisse ganz anderer Art, Ursprung und Gebrauch als Kategorien (reine Verstandesbegriffe). Dies zum ersten Mal zu Tage zu fordern, ist ein großes Verdienst der Kritik der reinen Vernunft. Alle vorherigen Versuche, ohne diese grundlegende Unterscheidung im transzendenten Feld der Metaphysik voran zu kommen, waren vergebens.
§ 42. [Schwierigkeit bei der Kritik der Ideen]‹1 S.Während die Verstandesbegriffe und deren Grundsätze in der Erfahrung gründen, sind die Ideen nicht in der Erfahrung gegeben und stützt die Erfahrung die Sätze der transzendenten Vernunfterkenntnisse nicht. Deshalb kann man die einschleichenden Irrtümer nur durch reine Vernunft aufdecken, was aber schwer ist, weil die Vernunft durch Ideen dialektisch wird.
§ 43. [Die 3 Vernunftbegriffe und seine Dialektik]1 S.Formal teilen sich die Vernunftschlüsse in kategorisch, hypothetisch und disjunktiv. Die entsprechenden Vernunftbegriffe sind die Idee des vollständigen Subjekts, die der vollständigen Reihe der Bedingungen und die der vollständigen Gesamtheit des Möglichen. Jede Idee führt zu einer Art Dialektik: Paralogismus, Antinomie bzw. Ideal der reinen Vernunft. Die Aufzählung ist vollständig.
§ 44. [Zusammenhang zwischen Vernunft und Verstand]2 S.Die Vernunftideen (wie: Seele als einfache Substanz, Weltanfang, Ewigkeit der Welt, Wille Gottes als Grund in der Natur) sind da um der Vollständigkeit der Erfahrung willen. Was bei den Ideen zählt, ist nicht das Objekt (das über alle Erfahrung hinaus liegt), sondern das Prinzip, das die Verstandeserkenntnisse zur Vollständigkeit bringt.
§ 45. Vorläufige [=vorhergehende] Bemerkung zur Dialektik der reinen Vernunft1 S.Der Verstand verleitet sich selbst nicht zum transzendenten Gebrauch. Erst die Vernunft lockt ihn dazu an, beispielsweise beim Versuch, die Kette der Bedingungen zu vervollständigen, indem man sie allzu weit von aller Erfahrung erstreckt oder indem man sie im Ganzen durch Noumena begründet. Nur mit Wissenschaft lässt sich dies korrigieren.
I. Psychologische Ideen §§ 46-495 S.
§ 46. [Irrtum: Ich als wesenhaftes Selbst]2 S.Wir können Substanzielles nicht erkennen. Durch den Verstand nicht (als diskursiv kann er die Substanz nie erreichen). Durch das eigene Bewusstsein auch nicht: Man glaubt sich selbst unmittelbar anzuschauen, doch im Ich gibt es keinen Begriff, nur das Gefühl eines Daseins und die Vorstellung dessen, worauf alles Denken sich bezieht.
§ 47. [Beharrlichkeit des Subjekts]‹1 S.Die Beharrlichkeit des Subjekts besteht darin, dass dessen Dasein weder durch die Natur noch durch sich selbst entstehen oder vergehen kann. Dieses (ohne das der Begriff der Seele zwar möglich aber leer und fruchtlos ist) kann nur, wie in der KrV, als Bedingung für die Möglichkeit der Erfahrung bewiesen werden.
§ 48. [Beharrlichkeit der Seele aufs Leben beschränkt]‹1 S.Der Beweis für die Beharrlichkeit der Seele ist auf Erfahrung beschränkt und gilt daher nicht für die Seele nach dem Tode. Die Metaphysik hat schon immer eingesehen, dass die Beharrlichkeit der Seele nicht aus Erfahrung zu beweisen ist, doch man hat bisher sie als Postulat unkritisch angenommen und tiefere Untersuchungen vermieden.
§ 49. [Widerlegung des Kartesischen Idealismus] 2 S.Der formale (oder transzendentale) Idealismus beweist die Existenz der Körper außer uns und hebt den materialen (oder Kartesischen) Idealismus durch Klärung von Bedeutungen auf. Was die Dinge an sich betrifft, lässt sich nichts behaupten. Zweifellos existieren andererseits die Körper als Erscheinung im Raum und das Ich in der Zeit.
II. Kosmologische Ideen §§ 50-5410 S.
§ 50. [Ansporn für die Kritik]1 S.Der Titel kosmologisch kommt daher, dass diese Ideen —obwohl sie nie Gegenstand einer Erfahrung sein können— jeweils das Objekt in der Sinnenwelt haben. Die kosmologischen Ideen, die durch den transzendenten Gebrauch der reinen Vernunft entstehen, stellen ein merkwürdiges Phänomen dar und geben die stärkste Anregung zu einer Kritik der Vernunft.
§ 51. [Antinomie in 4 Sätzen und Gegensätzen]1 S.Jede transzendente Idee ergibt sich unvermeidlich aus der Vernunft, indem die Reihe der Bedingungen einer Kategorie zur Vollständigkeit gedacht wird, was dialektisch zu zwei sich widersprechenden, unwiderlegbaren Behauptungen führt. Die Antinomie betrifft die Endlichkeit von Zeit und Raum und die Existenz von Einfachem, der Freiheit und einer ersten, notwendigen Ursache.
§ 52. [Dogmatische Entzweiung der Vernunft]‹1 S.Ohne unsere Kritik halten wir die Erscheinungen der Sinnenwelt für Dinge an sich selbst, was zu einer Entzweiung der Vernunft führt, die auf dogmatischer Weise nicht beizulegen ist.
§ 52. b [Antinomien als Anregung zur Selbstprüfung]1 S.Mit der Antinomie scheint die Natur die Vernunft zur Selbstprüfung anzuregen. Denn durch verschiedene, in sich stimmige Wege zu widersprüchlichen Ergebnissen zu kommen, deutet auf Widerspruch in den Voraussetzungen hin. Beispiele: Ob die Welt ewig ist oder einen Anfang hat. Ob Materie unendlich teilbar ist oder aus einfachen Teilen besteht.
§ 52. c [Widerspruch in den mathematischen Antinomien]2 S.Den mathematischen Antinomien liegt ein Widerspruch zugrunde. Hier sind These wie Antithese deshalb falsch, weil sie auf einem selbst widersprechenden Begriff basieren, nämlich dem Begriff einer von aller Erfahrung unabhängigen Sinnenwelt. Zeit, Raum und Teilung kommen nur den Erscheinungen zu und seine Unbegrenztheit ist so wenig erfahrbar wie seine Grenze.
§ 53. [Vereinbarkeit in den dynamischen Antinomien]6 S.Freiheit und Natur, die sich scheinbar widersprechen, lassen sich vereinbaren, indem man dem vernünftigen Subjekt an sich selbst Freiheit und den Erscheinungen Naturnotwendigkeit (ob diese nun Naturursache oder aber Prinzip der Vernunft ist) zuspricht. Denn Freiheit ist nichts anderes als die Kausalität der Vernunft durch objektive Gründe aus bloßen Prinzipien.
§ 54. [Aufgabe für den Lesenden]‹1 S.Dargelegt wurden die Antinomien, in denen die Vernunft sich verwickelt, und deren Auflösung durch die Unterscheidung zwischen Ding an sich selbst und Erscheinung. Dies dürfte allerdings den Lesenden so lange nicht überzeugen, bis er sich tiefgründig mit der menschlichen Vernunft beschäftigt und die Deduktion der Erkenntnisse a priori selbst vornimmt.
§§ 55-60
Textgrundlage: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III, S. 109-264. Inhaltsangabe VZ50 ist unsere.

Textfluss

Der transzendentalen Hauptfrage Dritter Teil. Wie ist Metaphysik überhaupt möglich?

§ 40. [Der transzendente Gebrauch der Vernunft]

S. 197

#1 Die Sicherheit der Mathematik entsteht aus ihrer eigenen Evidenz, die der Naturwissenschaft aus der Bestätigung durch Erfahrung. Die Sicherheit dieser Wissenschaften basiert nicht auf der vorgelegten Deduktion. Sie begründet die Sicherheit der Metaphysik.

#2

Die Metaphysik hat deshalb eine solche Deduktion nötig, weil sie in ihrem Kern 1. Begriffe einsetzt, deren objektive Realität nicht erfahrbar ist, und 2. Behauptungen aufstellt, die keine Erfahrung bestätigen kann.

Die dritte Frage betrifft den Kern der Metaphysik: die Beschäftigung der Vernunft mit sich selbst. Sie betrifft auch das vermeintliche Vermögen der Vernunft, Objekte allein dadurch zu erkennen, dass sie sich mit sich selbst beschäftigt.

[Anmerkung] {

Wir fragen uns, wie Metaphysik objektiv möglich ist.

Dass Metaphysik subjektiv wirklich ist, steht schon fest. Denn die Vernunft, über die alle Menschen verfügen, führt diesen häufig dazu, sich in ihr (obwohl mangelhaft) zu versuchen.

}

S. 198

#3

Die Vernunft braucht die Aufklärung dieser Frage, weil sie anders als der Verstand über die Erfahrung hinausgeht.

Der Gebrauch der Verstandesbegriffe ist immanent: Er geht auf Erfahrung. Der Gebrauch der Vernunftbegriffe ist transzendent: Er geht auf die Vollständigkeit (die kollektive Einheit der ganzen möglichen Erfahrung).

#4 Was die Kategorien für den Verstand sind, sind Ideen für die Vernunft: notwendige Begriffe mit unerfahrbarem Gegenstand. Die Kategorien liegen in der Natur des Verstandes, die Ideen in der Natur der Vernunft. Die Ideen tragen einen verleitenden (aber vermeidbaren) Schein mit sich.

#5 Der Schein besteht immer darin, der subjektive Grund eines Urteils für objektiv zu halten. Nur die Selbsterkenntnis der reinen Vernunft ist deshalb in der Lage, den verkehrten transzendenten Gebrauch der Vernunft (durch den man dem Objekt an sich selbst etwas zuordnet, was nur einem selbst als Subjekt zukommt) zu beheben.

§ 41. [Wichtigkeit der Unterscheidung Ideen vs. Kategorien]

S. 199

#1

Ideen (reine Vernunftbegriffe) sind Erkenntnisse ganz anderer Art, Ursprung und Gebrauch als Kategorien (reine Verstandesbegriffe).

Ohne diese grundlegende Unterscheidung kann keine richtige Metaphysik betrieben werden.

Hätte die Kritik der reinen Vernunft auch nur diese Unterscheidung aufgestellt, so wäre sie allein deshalb weiter gekommen als alle früheren vergeblichen Versuchen, eine transzendente Metaphysik aufzubauen, ohne Kategorien und Ideen auseinander zu halten.

§ 42. [Schwierigkeit bei der Kritik der Ideen]

#1

Bei Verstandeserkenntnissen sind die Begriffe in der Erfahrung gegeben. Die Grundsätze lassen sich durch Erfahrung bestätigen.

Bei transzendenten Vernunfterkenntnissen sind hingegen die Ideen nicht in der Erfahrung gegeben. Die Sätze lassen sich durch Erfahrung weder bestätigen noch widerlegen.

Die Irrtümer, die sich in die Vernunfterkenntnisse einschleichen, sind deshalb nicht durch eine Sachuntersuchung, sondern nur durch die reine Vernunft selbst aufzudecken.

S. 199-200

Da die Ideen aber die Vernunft dialektisch werden lassen, ist es sehr schwer, durch bloße Vernunft die Ideen selbst zu prüfen.

§ 43. [Die 3 Vernunftbegriffe und seine Dialektik]

S. 200

#1

In der Kritik der reinen Vernunft wird die größte Aufmerksamkeit darauf gelegt, die Erkenntnisarten nicht nur sorgfältig zu unterscheiden, sondern auch aus einer gemeinsamen Quelle abzuleiten.

Damit gewinnt man nicht nur Sicherheit in ihrem Gebrauch, sondern auch Vollständigkeit in ihrer systematischen Erfassung (ohne die jede Metaphysik bloße „Rhapsodie“ bleibt).

Der Vorteil der Vollständigkeit ist zwar auf die reine Philosophie beschränkt, diese stellt jedoch das Wesen der Metaphysik dar.

#2

Wie der Ursprung der Kategorien in den 4 logischen Funktionen aller Urteile des Verstandes liegt, so liegt der Ursprung der Ideen in den 3 Funktionen der Vernunftschlüsse.

Denn die reinen Vernunftbegriffe (transzendentale Ideen) können (da sie nicht angeboren sind) nur in der sie hervorbringende Vernunfthandlung anzutreffen sein.

Diese Vernunfthandlung bestimmt formal das Logische der Vernunftschlüsse. Sie macht die transzendentalen Begriffe der reinen Vernunft aus, indem sie die Verstandesurteile hinsichtlich einer gewissen Form a priori vorstellt.

#3

Formaler Unterschied: a. kategorische, b. hypothetische und c. disjunktive Vernunftschlüsse.

S. 200-201

Entsprechende Vernunftbegriffe: a. psychologische Idee des vollständigen Subjekts (Substantiale), b. kosmologische Idee der vollständigen Reihe der Bedingungen, c. theologische Idee eines vollständigen Inbegriffs des Möglichen.

S. 201

[Anmerkung] {

Die Vernunfthandlung in disjunktiven Vernunftschlüssen bringt formal die Idee einer Gesamtheit der Realität als Untermenge aller zutreffenden Möglichkeiten zustande.

Das kommt aus dem ontologischen Prinzip der durchgängigen Bestimmung, nach dem von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten jedem Ding eines zukommt.

}

Jede dieser Ideen führt zu einer gewissen Dialektik: a. Paralogismus, b. Antinomie, c. Ideal der reinen Vernunft.

Durch diese Ableitung gewinnt man die Gewissheit, die Aufzählung ist vollständig.

§ 44. [Zusammenhang zwischen Vernunft und Verstand]

#1

Die Vernunftideen beschränken sich nicht auf Erfahrung und scheinen deshalb überflüssig, ja den durch die Kritik des Verstandes gewonnenen Einsichten zuwiderzulaufen.

S. 201-202

Beispiele von Ideen: Ist die Seele eine einfache Substanz? Hat die Welt einen Anfang oder ist sie ewig? Lässt sich etwas Natürliches durch den Willen eines höchsten Wesens erklären?

Dies alles lässt sich sinnlich nicht erfahren und trägt zur Erklärung der Erscheinungen nicht bei. Die Ideen sind also etwas ganz anderes als die Kategorien, die Erfahrung ermöglichen.

S. 202

Die Kritik des Verstandes ist für die reine Mathematik und Naturwissenschaft nicht nötig, denn diese Wissenschaften können ohne sie bestehen. Also muss die Kritik des Verstandes irgendwie für die Kritik der Vernunft nutzen. Aber wie, wenn die Ideen der Vernunft außerhalb der Erfahrung liegen?

#2

Die Absicht der reinen Vernunft liegt nicht in den Gegenständen (die über die Erfahrung hinaus stehen), sondern darin, die Vollständigkeit des Verstandesgebrauchs im Zusammenhang der Erfahrung zu fordern.

Es geht hier nicht um die Vollständigkeit der Gegenstände, sondern um die der Prinzipien. Die Idee als Objekt ist nur da, um die Verstandeserkenntnis zur Vollständigkeit zu verhelfen.

§ 45. Vorläufige [=vorhergehende] Bemerkung zur Dialektik der reinen Vernunft

S. 203

[Anmerkung zum Wort vorläufig

Zu Kants Zeiten bedeutete vorläufig nicht wie heute provisorisch oder vorübergehend, sondern vorhergehend.

„Was vor der Hauptsache, doch in Beziehung auf dieselbe, überhaupt und summarisch geschiehet.“ (Adelung, Bd. 4, S. 1278)

]

#1 Wie in § 33 und § 34 gesehen, können die Kategorien zu transzendentem Gebrauch (Noumena, reinen Verstandeswesen) verleiten.

S. 203-204

#2

Nicht der Verstand, sondern die Vernunft neigt von allein zu dieser Verwirrung, und zwar etwa beim Versuch, die Kette der Bedingungen zu vervollständigen, sei es dadurch, dass man die Reihe der Bedingungen bis allzu weit von aller Erfahrung entfernt erstreckt, sei es dadurch, dass man Noumena einführt, um die Kette als Ganzes zu erklären.

S. 204

So kommt man zu den transzendentalen Ideen. Sie sind darauf ausgelegt, den Erfahrungsgebrauch zu erweitern. Sie verleiten aber dem Verstand, indem sie ihn zu transzendenten Gebrauch anlocken.

Dieser Irrtum kann nur mühevoll durch wissenschaftliche Belehrung korrigiert werden.

I. Psychologische Ideen

KrV A 341 ff. Des Zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik Erstes Hauptstück: Von den Paralogismen der reinen Vernunft.

§ 46. [Irrtum: Ich als wesenhaftes Selbst]

#1

Schon seit langem hat man erkannt, dass wir von den Dingen nur Akzidenzien als Prädikate kennen und nie das Substantiale selbst.

Schlimmer ist noch, der Verstand verlangt, das Substantiale gegenständlich als eine Idee zu erkennen. Wir wollen jedes Subjekt wiederum als Prädikat bestimmen: unendliche Reihe.

S. 205

Unser Verstand versteht naturgemäß diskursiv, d. h. durch Begriffe. Deshalb: Ein absolutes Subjekt ist nicht möglich; alle Eigenschaften sind Akzidenzien.

Beispiel: Sogar die Undurchdringlichkeit stellen wir uns vor als Wirkung einer Kraft.

#2

Das Ich scheint das Substantiale in uns selbst zu sein, nicht als Prädikat, sondern als Anschauung.

Doch dies stimmt nicht, denn das Ich ist kein Begriff. Das Ich ist nur die Bezeichnung des Gegenstandes des inneren Sinnes: die Beziehung der inneren Erscheinungen auf deren Subjekt.

[Anmerkung] {

Wenn das Ich ein Begriff wäre, könnte es auch als Prädikat eingesetzt werden oder Prädikate enthalten.

Im Ich gibt es überhaupt keinen Begriff, nur das Gefühl eines Daseins und die Vorstellung dessen, worauf alles Denken sich bezieht.

}

Die Ich-Idee dient wohl dazu, die materialistischen Erklärungen der inneren Erscheinungen unserer Seele zu widerlegen.

S. 205-206

Die Ich-Idee veranlasst den Fehlschluss, aus dem vermeintlich substanziellen Subjekt auf die Natur seines Wesens zu schließen.

§ 47. [Beharrlichkeit des Subjekts]

#1 Der Begriff der Seele als des denkenden Subjekts bleibt leer und fruchtlos, wenn man ihm die Beharrlichkeit nicht zusprechen kann.

#2 Die Beharrlichkeit entspringt nicht aus einem Begriff der Substanz als Ding an sich. Dass das Dasein des Subjekts nicht entstehen und nicht vergehen kann, weder durch die Natur noch durch sich selbst, sind synthetische Sätze a priori. Sie können deshalb nur als Bedingung für die Möglichkeit der Erfahrung bewiesen werden.

Solcher Beweis ist in der KrV A182 ff. zu finden.

§ 48. [Beharrlichkeit der Seele aufs Leben beschränkt]

S. 206-207

Die Beharrlichkeit der Seele als Substanz lässt sich nur als Bedingung für die Erfahrung erkennen. Doch ohne Leben gibt es keine Erfahrung mehr. Also gilt die Beharrlichkeit der Seele nicht nach dem Tode. Von der Seele an sich selbst (unabhängig von aller Erfahrung) lässt sich nichts behaupten.

S. 207

[Anmerkung] {

Merkwürdig ist, dass diese Tatsache der Metaphysik bisher verschlossen blieb.

Man hat schon geahnt, dass der Beweis der Beharrlichkeit der Seele unmöglich aus der Erfahrung abzuleiten ist. (Erstens: Der Substanz selbst begegnet man in der Erfahrung nicht. Zweitens: Die nötige Notwendigkeit ergibt sich nie aus Erfahrung.)

Mangels tieferen Untersuchungen aber hat man die Beharrlichkeit der Seele als Postulat angesehen.

Deshalb hat man nie eingesehen, dass dies nur zu Zwecken der Erfahrung gilt.

}

§ 49. [Widerlegung des Kartesischen Idealismus]

#1

Die Existenz der Dinge außer uns kann auch nur zu Zwecken der Erfahrung bewiesen werden — nicht für die Dinge an sich selbst.

S. 207-208

Man kann beweisen, dass etwas als Erscheinung im Raum ist. Von etwas, das in keiner Erfahrung teilnimmt, lässt sich nichts behaupten.

S. 208

Die äußere Erfahrung führt zur Gewissheit, die Körper existieren im Raum. Die innere Erfahrung führt zur Gewissheit, die Seele existiert in der Zeit. Das Wesen an sich selbst, das diesen Erfahrungen zugrunde liegt, bleibt uns immer unbekannt.

Der Kartesische Idealismus bezweifelt nicht die Existenz der Seele in der Zeit, sondern nur die der äußeren Gegenstände in Raum und Zeit. Die äußere Erfahrung unterscheidet sich vom Traum dadurch, dass die Vorstellungen im Traum nicht nach den Gesetzen der Erfahrung verlaufen.

S. 208-209

Der Kartesische Idealismus (=materialer Idealismus) lässt sich leicht widerlegen. Denn es ist einfach einzusehen, dass die Körper außer uns existieren.

S. 209

Erst in uns werden die Erscheinungen zu solchen. Die Körper als Erscheinungen existieren nicht im Raum außerhalb der Gedanken. Genauso existiert das Ich, die Seele, als Erscheinung auch nicht in der Zeit außerhalb der Gedanken.

Der formale Idealismus (=transzendentaler Idealismus) hebt den materialen auf, und zwar durch die Klärung der wahren Bedeutung der Wörter Körper, Seele, etc. Von den Dingen an sich lässt sich die Wirklichkeit nie und nimmer beweisen. Nur die Wirklichkeit der Dinge als Erscheinung kann bewiesen werden.

II. Kosmologische Ideen

KrV A 405 ff. Der transzendentalen Dialektik Zweites Buch Zweites Hauptstück: Die Antinomie der reinen Vernunft

§ 50. [Ansporn für die Kritik]

S. 209-210

#1 Die kosmologischen Ideen entstehen durch den transzendenten Gebrauch der reinen Vernunft. Sie als merkwürdiges Phänomen geben die stärkste Anregung zu einer Kritik der Vernunft.

S. 210

#2

Im Gegensatz zur Idee der Seele haben diese Ideen das Objekt in der Sinnenwelt. Deshalb das Adjektiv: kosmologisch.

Diese Ideen können jedoch nie Gegenstand einer Erfahrung sein. In einer solchen Idee ist die verknüpfende Bedingung viel zu erweitert, um erfahrbar sein zu können.

§ 51. [Antinomie in 4 Sätzen und Gegensätzen]

#1

Die transzendenten Ideen lassen sich aus den Kategorien ableiten. Dies allein (auch wenn es keine anderen Beweise für sie gäbe) zeigt, wie nützlich das System der Kategorien ist und wie unentbehrlich es für das System der reinen Vernunft ist.

Jede Kategorie ergibt eine Idee, indem die Reihe der Bedingungen zur Vollständigkeit gedacht wird. Insgesamt gibt es vier Arten dialektische Behauptungen, jede Art bestehend aus zwei entgegengesetzten, unwiderlegbaren Behauptungen.

Die Antinomien ergeben sich aus der Natur der menschlichen Vernunft.

S. 211

#2 Tafel der Antinomien

Satz Gegensatz
1. Die Welt hat der Zeit und dem Raum nach einen Anfang (Grenze) Die Welt ist der Zeit und dem Raum nach unendlich
2. Alles in der Welt besteht aus dem Einfachen Es ist nichts Einfaches, sondern alles ist zusammengesetzt
3. Es gibt in der Welt Ursachen durch Freiheit Es ist keine Freiheit, sondern alles ist Natur
4. In der Reihe der Weltursachen ist irgend ein notwendiges Wesen Es ist in ihr nichts notwendig, sondern in dieser Reihe ist alles zufällig

§ 52. [Dogmatische Entzweiung der Vernunft]

S. 211-212

Ohne unsere Kritik halten wir die Erscheinungen der Sinnenwelt für Dinge an sich selbst.

S. 212

Dies führt zu einem Widerspruch, der auf dogmatischer Weise nicht beizulegen ist.

Dies führt zu einem Zustand, in dem die Vernunft mit sich selbst entzweit ist.

[…] ein Zustand, über den der Skeptiker frohlockt, der kritische Philosoph aber in Nachdenken und Unruhe versetzt werden muß.

§ 52. b [Antinomien als Anregung zur Selbstprüfung]

#1

In der Metaphysik ist es möglich, durch erdichtete synthetische Sätze angeblich voranzukommen, ohne in einen Widerspruch zu geraten.

Dazu brauchen wir nur Begriffe einzusetzen, die bloße Ideen sind, die also für den Probierstein der Erfahrung immer unerreichbar bleiben.

Beispiele: Ob die Welt ewig ist oder einen Anfang hat. Ob Materie unendlich teilbar ist oder aus einfachen Teilen besteht.

S. 212-213

#2 Es ist trotzdem unter Umständen möglich, diese geheime Dialektik der Vernunft freizulegen. Nämlich wenn sie zu Widersprüchen führt, wie bei den vier natürlichen Vernunftideen, denen jeweils zwei entgegengesetzten Behauptungen folgerichtig entspringen.

S. 213

#3

Durch die Untersuchung über diesen Fall wird man die Voraussetzungen der Vernunft aufklären.

[Anmerkung] {

Die Natur selbst schein diese Antinomien aufgestellt zu haben, um die Vernunft Verdacht schöpfen zu lassen und damit sie zur Selbstprüfung zu veranlassen.

Ich wünsche daher, daß der kritische Leser sich mit diesen Antinomien hauptsächlich beschäftige, weil die Natur selbst sie aufgestellt zu haben scheint, um die Vernunft in ihren dreisten Anmaßungen stutzig zu machen, und zur Selbstprüfung zu nötigen.

Der mitdenkende Lesende wird mit dem Autor die reine Vernunft tiefer untersuchen wollen.

}

Zwei einander widersprechende Sätze können nicht beide falsch sein, es sei denn, dass sie auf einem selbst widersprechenden Begriff fußen.

Beispiel: Ein viereckiger Kreis ist rund; ein viereckiger Kreis ist nicht rund. Daran, dass beide falsch sind, erkennt man, dass der Begriff viereckiger Kreis unmöglich ist.

Das logische Merkmal der Unmöglichkeit eines Begriffs besteht eben darin, dass er zu zwei falschen, einander widersprechenden Sätzen führt.

§ 52. c [Widerspruch in den mathematischen Antinomien]

#1

Die zwei ersten Antinomien nenne ich mathematisch, „weil sie sich mit der Hinzusetzung oder Teilung des Gleichartigen beschäftigen“.

Satz Gegensatz
1. Die Welt hat der Zeit und dem Raum nach einen Anfang (Grenze) Die Welt ist der Zeit und dem Raum nach unendlich
2. Alles in der Welt besteht aus dem Einfachen Es ist nichts Einfaches, sondern alles ist zusammengesetzt

S. 213-214

Den mathematischen Antinomien liegt ein Widerspruch zugrunde. Deshalb sind These wie Antithese hier falsch.

S. 214

#2 Zeit und Raum kommen nur unseren Erscheinungen und nicht den Dingen an sich nicht zu.

#3

Eine unendliche Zeit, wie eine durch vorhergehende leere Zeit begrenzte Welt, ist keine mögliche Erfahrung (sondern nur eine Idee). Genauso mit dem Raum.

Demnach kann die Bestimmung der Größe nur in der Welt selbst (vor aller Erfahrung) liegen. Das ist aber unmöglich, denn die Sinnenwelt ist der Inbegriff der Erfahrung und kann deshalb nicht für sich allein existieren.

S. 214-215

Fazit: Da der Begriff einer für sich existierenden Sinnenwelt ein Widerspruch ist, ist die Behauptung, sie sei in der Zeit oder im Raum begrenzt, falsch, und die Behauptung, sie sei unbegrenzt, auch falsch.

#4

Dasselbe gilt für die zweite Antinomie. Die Teilung der Erscheinungen ist eine bloße Vorstellung und existiert deshalb nicht unabhängig von der Erfahrung.

§ 53. [Vereinbarkeit in den dynamischen Antinomien]

VZ100: Der in den dynamischen Antinomien dargestellten Widerspruch zwischen Freiheit und Natur löst sich dadurch auf, dass man den Verstandeswesen an sich Freiheit und den Erscheinungen Naturnotwendigkeit zuspricht. Die Freiheit des vernünftigen Subjekts besteht in der Möglichkeit, den Prinzipien der Vernunft (bloßen Ideen, die das Sollen festlegen) zu folgen oder auch nicht. Ob durch objektive Gründe der Vernunft oder durch subjektive Gründe der Sinnlichkeit ist man also immer durch notwendige Gründe bestimmt. Beide Antinomien lassen sich dadurch erklären: Eine Wirkung in der Sinnenwelt hat zwar eine erste Ursache in einem Verstandeswesen, fügt sich aber in der unendlichen Reihe Ursache-Wirkung der Erscheinungen ein.

VZ200: Während die mathematischen Antinomien aus zwei falschen Sätzen bestehen, gibt es in den dynamischen Antinomien zwei wahren Sätzen. Der scheinbare Widerspruch zwischen Natur und Freiheit löst sich auf, wenn man den Verstandeswesen an sich Freiheit und den Erscheinungen Naturnotwendigkeit zuspricht. Neben den natürlichen oder subjektiven Gründen, die die Erscheinungen bestimmen, gibt es für die menschliche Vernunft die objektiven Gründe, die bloße Ideen sind und das Sollen bestimmen. Die Freiheit ist die Kausalität der Vernunft durch objektive Gründe aus bloßen Prinzipien. Deshalb stehen alle Handlungen der vernünftigen Wesen unter Naturnotwendigkeit, obwohl diese Wesen frei sind. Da ist die Naturnotwendigkeit eine Naturursache (wenn das Subjekt freiwillig das Sollen nicht erfüllt, womit er der Sinnlichkeit unterworfen ist) oder aber ein Prinzip der Vernunft (wenn das Subjekt freiwillig sich einer Maxime unterwirft). Nicht nur diese praktische Freiheit, sondern auch die transzendentale Freiheit (3. Antinomie) ist mit der Naturnotwendigkeit vereinbar: Die objektive Ursache ist ein erster Anfang der Handlung hinsichtlich der Kausalität der Vernunft, aber in der Reihe der Erscheinungen ist sie nur ein nachrangiger Anfang. In der 4. Antinomie treffen auch beide Sätze zu, weil obwohl es eine notwendige Ursache gibt (die aber keine Erscheinung ist), es keine notwendige (erste) Ursache in der Sinnenwelt gibt.

#1

Die 1. Klasse der Antinomie ist die mathematische. Aus einem (widersprüchlichen) Begriff ergeben sich zwei entgegengesetzte (falsche) Folgen.

Die 2. Klasse ist die dynamische. Zwei entgegengesetzte (wahre) Aussagen ergeben sich aus einem (angeblich einzigen, aber doppeldeutigen) Begriff.

S. 215-216

#2 Nur die mathematische Verknüpfung setzt gleichartige zu verknüpfende Dinge voraus. Beispiel: die Teile eines Ganzen. Nicht die dynamische Verknüpfung. Beispiel: Ursache und Wirkung können gleichartig sein, müssen aber nicht.

S. 216

Satz Gegensatz
3. Es gibt in der Welt Ursachen durch Freiheit Es ist keine Freiheit, sondern alles ist Natur

#3 Als Erscheinung setzt jede Wirkung eine Ursache in der Zeit voraus. Den Erscheinungen kann keine Freiheit zukommen, denn dies würde ihrer Natur (als notwendiger Bestimmung in der Zeit) widersprechen.

S. 216-217

#4

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man den Verstandeswesen an sich Freiheit und den Erscheinungen Naturnotwendigkeit zuspricht. Somit gibt es neben den Naturursachen (die auch Erscheinungen sind) die durch Freiheit entstandenen Ursachen (die selbst keine Erscheinung sind).

S. 217

[Anmerkung] {

Die Freiheit ist (für die Metaphysik) das Vermögen, einen Vorgang in der Sinnenwelt herbeizuführen.

Weder ist die Materie frei, indem sie Raum einnimmt, noch ist Gott frei, so fern seine Handlung immanent ist. Denn die Freiheit liegt nicht darin, etwas aus inneren Gründen zu veranlassen, sondern darin, eine zeitliche Begebenheit in der Sinnenwelt anzufangen.

}

#5

S. 217-218

Die Menschen gehören zu den Erscheinungen und stehen unter den Naturursachen.

Wir verfügen jedoch auch über die Vernunft, ein Vermögen, das nicht nur unter den natürlichen, subjektiven Gründen steht, sondern auch unter objektiven Gründen.

S. 218

Die objektiven Gründe der Vernunft sind bloße Ideen und bestimmen das Sollen.

Die Eigenschaft der Vernunft, objektiv bestimmbar zu sein, ist die Eigenschaft eines Dings an sich selbst. Die Möglichkeit dieser Eigenschaft können wir nicht begreifen.

Die Kausalität der Vernunft durch objektive Gründe (durch Ideen) ist die Freiheit.

Denn die Ursache der Handlung liegt nicht in der Zeit oder im Raum und ist nicht durch Natur bedingt. Die Vernunft wirkt hier aus bloßen Prinzipien.

#6 Das hier [#5 und #7] angeführte gilt nur zur Verdeutlichung. Die Frage [der Freiheit] muss eigentlich aus bloßen Begriffen gelöst werden und nicht aufgrund tatsächlich vorkommender Eigenschaften.

#7

Beide Aussagen treffen zu:

S. 219

Die Handlungen unterliegen immer einem Naturgesetz. Begründung: Entweder die Handlung ist aus Vernunftgründen. Dann entspricht sie einer Maxime und so unterliegt die Erscheinung einem festen Gesetz. Oder die Handlung ist nicht aus Vernunftgründen. Dann unterliegt sie der Sinnlichkeit.

Die Vernunft ist bei einer Handlung immer frei. Begründung: Entweder die Handlung ist aus Vernunftgründen. Dann ist die Vernunft selbst die Ursache des Naturgesetzes und daher frei. Oder die Handlung ist nicht aus Vernunftgründen. Dann ist die Vernunft unabhängig von der Handlung und daher weiterhin frei. Denn die Sinnlichkeit kann die Vernunft unmöglich bestimmen.

#8

Die praktische Freiheit besteht in der Kausalität der Vernunft durch objektive Gründe.

Soeben wurde also die praktische Freiheit gerettet, ohne die Naturnotwendigkeit einzubüßen.

S. 219-220

Dasselbe gilt aber für die transzendentale Freiheit. Die objektive Ursache ist ein erster Anfang der Handlung hinsichtlich der Kausalität der Vernunft, aber in der Reihe der Erscheinungen ist sie nur ein nachrangiger Anfang.

S. 220

Satz Gegensatz
4. In der Reihe der Weltursachen ist irgend ein notwendiges Wesen Es ist in ihr nichts notwendig, sondern in dieser Reihe ist alles zufällig

#9

Die 4. Antinomie wird ähnlich wie die 3. aufgelöst.

Satz und Gegensatz treffen zu. Es gibt eine notwendige Ursache (die aber keine Erscheinung ist). In der Reihe Ursache-Wirkung in der Sinnenwelt gibt es keine notwendige (erste) Ursache.

§ 54. [Aufgabe für den Lesenden]

S. 221

#1

Dargelegt wurde die Aufstellung und Auflösung der ganzen Antinomie.

In der Antinomie verwickelt sich die Vernunft, wenn sie ihre Prinzipien auf die Sinnenwelt anwendet.

Die bloße Aufstellung der Antinomie ist schon ein beträchtliches Verdienst.

Die Auflösung der Antinomie gründet auf der Unterscheidung zwischen den Dingen an sich selbst und den Erscheinungen.

Die Auflösung der Antinomie dürfte den Lesenden so lange nicht überzeugen, bis er sich tiefgründig mit der Natur der menschlichen Vernunft beschäftigt und selbst die Deduktion der Erkenntnisse a priori vornimmt.


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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala