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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783) heraus

Auflösung der allgemeinen Frage der Prolegomenen.
Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?

VZ200: Der gegenwärtige Untergang der Metaphysik ist offensichtlich: Sie wird in Forschungseinrichtungen kaum gepflegt und hat einen schlechten Ruf. Der Mensch kann jedoch auf Metaphysik nicht verzichten. Vor diesem Hintergrund dürften die Prolegomena dazu anregen, die spekulative Philosophie wieder aufzuleben. Die Kritik stellt das Kriterium heraus, das eine Metaphysik als Wissenschaft erfüllen muss: Sie muss synthetische Sätze a priori beweisen. Die Prüfung der alten Metaphysik zeigt, dass sie bloß aus analytischen Sätzen besteht und deshalb seit Aristoteles keinen Fortschritt erzielt hat. Die Metaphysik kann sich nicht auf Mutmaßung oder gesunden Menschenverstand verlassen, weil sie spekulative Erkenntnisse (in abstracto mit apodiktischer Gewissheit) anstrebt. Sätze wie der des Widerspruchs oder mathematische Sätze nutzen nicht der Metaphysik, die sich um ganz andere Begriffe kümmert. Doch die Kritik bringt uns nicht nur das Kriterium der Wissenschaftlichkeit der Metaphysik, sondern viel mehr: das System, das die Möglichkeit und Grenzen synthetischer Erkenntnisse a priori beweist und die Begriffe a priori und deren Grundsätze vollständig erfasst. Die Kritik enthält Plan und Mittel zur Vollendung der Metaphysik als moderner Wissenschaft. Die neue Metaphysik hat den besonderen Reiz, die einzige vollendete Wissenschaft zu sein. Nun bleibt allein die Frage übrig, wie die Metaphysik als Wissenschaft in Gang zu bringen ist.

AbsatzInhalt
#1[Dialektischer Schein vermeiden] Der natürliche dialektische Schein kann nicht zur Wissenschaft führen.
#2[Das System der Kritik] Die Kritik ist das System, das die Möglichkeit und Grenzen synthetischer Erkenntnisse a priori beweist und die Begriffe a priori und deren Grundsätze vollständig erfasst. Die Kritik enthält Plan und Mittel zur Vollendung der Metaphysik. Nun bleibt allein die Frage übrig, wie die Metaphysik als Wissenschaft in Gang zu bringen ist.
#3[Die neue Metaphysik] Dank der Kritik wird die Metaphysik erst zu einer modernen Wissenschaft. Die neue Metaphysik, deren Quellen in sich selbst und nicht in der Erfahrung oder Anschauung liegen, hat den besonderen Reiz, die einzige vollendete Wissenschaft zu sein.
#4[Untergang der alten Metaphysik] Der Untergang der alten Metaphysik ist offensichtlich: kaum gepflegt, schlechter Ruf.
#5[Gegenwart zwischen alter und neuer Metaphysik] Der Untergang der alten Metaphysik bietet die Gelegenheit zu der neuen.
#6[Prolegomena als Anregung] Diese Prolegomena dürften dazu anregen, die spekulative Philosophie wieder aufzuleben.
#7[Bedarf an Metaphysik] Wir brauchen eine Kritik der Vernunft, weil die alte Metaphysik unzuverlässig ist und der Mensch auf Metaphysik nicht verzichten kann.
#8[Alte Metaphysik bloß analytisch] Die bisherige Metaphysik besteht bloß aus analytischen Sätzen und hat deshalb seit Aristoteles keine Fortschritte getan.
#9[Forderung an die neue Metaphysik] Man kann von einer Metaphysik als Wissenschaft fordern, synthetische Sätze zu beweisen. Eindeutig gab es bisher die Metaphysik als Wissenschaft nicht.
#10 Mutmaßung und gesunder Menschenverstand müssen in der Metaphysik vermieden werden.
#11[Mutmaßung vermeiden] Da Mutmaßung keine apodiktische Gewissheit ergibt, nutzt sie der Metaphysik (wie der Geometrie oder Arithmetik) nicht.
#12[Gesunden Menschenverstand vermeiden] Der spekulative Verstand erkennt in abstracto und darf sich deshalb nicht auf den gesunden Menschenverstand, der in concreto erkennt, verlassen.
#13[Unzulänglichkeit des gesunden Menschenverstandes] Der gesunde Menschenverstand ist nicht in der Lage, die Sätze der Metaphysik zu stützen. Sätze wie der des Widerspruchs oder mathematische Sätze nutzen nicht der Metaphysik, die sich um ganz andere Begriffe kümmert und entweder durch und durch Wissenschaft ist oder gar nichts.
#14 So weit zur Möglichkeit der Metaphysik.
#1

Der dialektische Schein, den unsere metaphysische Veranlagung natürlich hervorbringt, kann nie zu einer Wissenschaft führen.

#2 [Das System der Kritik]

Eine wissenschaftliche Metaphysik bedarf einer Kritik der Vernunft, die in einem vollständigen System:

S. 243

Die Kritik enthält den ganzen Plan und die Mittel der Vollziehung der Metaphysik als Wissenschaft.

Der Plan ist auch noch geprüft und bewährt.

Die Fragen, die sich jetzt aufdrängen, sind:

#3 [Die neue Metaphysik]
So viel ist gewiß: wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche, womit er vorher aus Not vorlieb nahm, weil seine Vernunft etwas bedurfte, und nichts Besseres zu ihrer Unterhaltung finden konnte.

Die Kritik verhält sich zur Schulmetaphysik wie Chemie zur Alchemie, wie Astronomie zur Astrologie.

Wer die Grundlagen der Kritik erfasst hat, verlangt nach der neuen Metaphysik und wird nie zur alten Scheinwissenschaft zurückkehren.

Die Metaphysik ist die einzige Wissenschaft, die vollendet ist. Da ihre Quellen nicht in Erfahrung oder Anschauung, sondern in sich selbst liegen, kann sie vollständig ein für alle mal bestimmt werden.

S. 244

Allein ihre Vollendung (abgesehen von ihrem Nutzen) macht schon den besonderen Reiz der Metaphysik aus.

#4 [Untergang der alten Metaphysik]

Alle falsche Kunst oder Weisheit zerstört sich am Ende selbst.

Der gegenwärtige Untergang der Metaphysik ist offensichtlich: Sie wird in Forschungseinrichtungen (Universitäten, Akademien der Wissenschaften) kaum gepflegt; es ist kein richtiges Lob, einen großen Metaphysiker genannt zu werden.

#5 [Gegenwart zwischen alter und neuer Metaphysik]

Die Zeit der dogmatischen Metaphysik ist vorbei, die der neuen Metaphysik noch nicht angekommen. Da sich die alten Auffassungen gegenwärtig auflösen, ist die Gelegenheit für neue Vorhaben da.

S. 244-245

#6 [Prolegomena als Anregung]

Diese Prolegomena werden hoffentlich zu kritischen Untersuchungen anregen und die spekulative Philosophie wieder aufleben lassen. Diese Hoffnung gründet auf dem Gesetz der Notwendigkeit.

S. 245

#7 [Bedarf an Metaphysik]

Der Mensch kann so wenig auf die Metaphysik verzichten wie aufs Atemholen.

Wenn es keinen öffentlichen Maßstab gibt, wird sich jeder eine Metaphysik zurechtmachen.

Die bisherige Metaphysik übersteht die Prüfung nicht. Deshalb muss eine Kritik der Vernunft versucht und der Prüfung unterzogen werden.

#8 [Alte Metaphysik bloß analytisch]

Seit ich Kritik kenne, frage ich mich nach der Lektüre einer metaphysischen Schrift: Hat die Metaphysik hier einen Fortschritt getan?

Diese Versuche (inkl. meiner eigenen) können zwar unterhalten oder kultivieren, sie bringen aber die Wissenschaft überhaupt nicht weiter.

Dies liegt daran, dass es diese Wissenschaft bisher überhaupt nicht gibt.

S. 246

Die früheren Versuche trugen durch Analyse der Begriffe zum Verstand bei. Sie gewannen die Materialien, aus denen die Wissenschaft bestehen soll.

Beispiel: Begriffe wie Substanz und Akzidenz wurden bestimmt und zergliedert, ohne aber die Beharrlichkeit der Substanz bei wechselnden Akzidenzien zu beweisen.

Die bisherige Metaphysik hat keinen einzigen synthetischen Satz a priori bewiesen, weder den Satz der Beharrlichkeit der Substanz, noch den Satz des zureichenden Grundes, noch irgendeinen Satz der Kosmologie oder Seelenlehre.

Da trotz viel Analyse kein Satz bewiesen wurde, steht die Wissenschaft jetzt immer noch da, wo sie zu Zeiten Aristoteles stand.

#9 [Forderung an die neue Metaphysik]

Die Forderung lässt sich so stellen: Die Metaphysik ist nur dann Wissenschaft, wenn sie einen synthetischen Satz a priori beweisen kann.

Da noch keinen einzigen solchen Satz bewiesen wurde, lässt sich eindeutig behaupten: Die Metaphysik als Wissenschaft gab es bisher gar nicht.

S. 247

#10

Aus der Metaphysik als Wissenschaft müssen Mutmaßung und gesunder Menschenverstand ausgeschlossen werden.

#11 [Mutmaßung vermeiden]

Man kann keine Mutmaßung dulden, weil die Metaphysik (Philosophie aus reiner Vernunft) apodiktische Gewissheit verlangt.

Auch in der Geometrie und der Arithmetik gibt es keinen Raum für Mutmaßungen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung besteht nicht aus wahrscheinlichen, sondern aus genauen, unfehlbaren Regeln.

Nur in der empirischen Naturwissenschaft gibt es teilweise Mutmaßungen (durch Induktion und Analogie).

#12 [Gesunden Menschenverstand vermeiden]

Schlimmer ist noch, sich auf den gesunden Menschenverstand für Sachen außer der Erfahrung zu berufen.

S. 247-248

Der gemeine Verstand erkennt die Regel in concreto. Der spekulative Verstand erkennt dagegen die Regel in abstracto.

S. 248

Beispiel. Regel: alles Geschehene hat eine Ursache.

Der gemeine Verstand braucht Erfahrbares: zerbrochene Fensterscheibe, verschwundenes häusliches Gerät. Erst dann versteht er die Regel.

Nur der spekulative Verstand kann Regel unabhängig von der Erfahrung einsehen.

Der gemeine Verstand kann zur Metaphysik überhaupt nicht beitragen. Sich auf ihn zu berufen ist ein Zeichen dafür, dass man nicht weiter weiß.

#13 [Unzulänglichkeit des gesunden Menschenverstandes]

Die „falschen Freunde” des gemeinen Menschenverstandes behaupten: Es muss Sätze geben, die unmittelbar wahr sind und keinen Beweis benötigen, weil sonst die Reihe der Gründe unendlich wäre. Doch was für Sätze sind diese?

S. 249

Die Metaphysik ist eine spekulative Wissenschaft der reinen Vernunft und darf sich nicht auf den gemeinen Menschenverstand berufen.

S. 249-250

Die Metaphysik muss durch und durch Wissenschaft sein, sonst ist sie gar nichts. Deutlich abgetrennt von ihr spielt zu praktischen Zwecken Mutmaßung und gesunder Menschenverstand durchaus eine Rolle.

S. 250

#14

So weit die berechtigte Forderung zu einer möglichen Metaphysik als Wissenschaft.


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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala