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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783) heraus

Anhang. Von dem, was geschehen kann, um Metaphysik als Wissenschaft wirklich zu machen

VZ200: Die Göttinger Rezension ist ein Gegenbeispiel für eine Prüfung der Kritik der reinen Vernunft. Der Rezensent, den ich herausfordere, sich über den Hauptpunkt der Untersuchung sachgemäß zu äußern und seinen Namen bekannt zu geben, hat nichts erfasst und ist böswillig. So tut er das Werk als Idealismus ab. Dabei ist mein kritischer Idealismus ganz anders als der herkömmliche und begründet die Möglichkeit der synthetischen Erkenntnisse a priori. Der größte Irrtum des Rezensenten liegt darin, das Werk aus der Schulmetaphysik heraus zu beurteilen. Dies ist grundfalsch, weil die herkömmliche Metaphysik weder zuverlässige Ergebnisse hat noch in sich konsistent ist, vor allem aber über kein sicheres Kriterium für die Wahrheit metaphysischer Sätze verfügt. Ich schlage vor, die eigene Metaphysik vorläufig auszublenden, bis man den Maßstab für die Metaphysik überhaupt herausgefunden hat, die Kritik von der Grundlage aus Stückchenweise zu untersuchen und die Prolegomena als Plan und Leitfaden zu benutzen. Eine Prüfung der Kritik ist nicht nur fällig, sondern auch reizvoll: In der Untersuchung laufen alle Kenntnisse und Zwecke zusammen und sie allein ergibt eine vollständige Wissenschaft. Die Auseinandersetzung wird sich als nützlich für die Nachkommenschaft in allen Feldern erweisen und man wird die schädliche Schulmetaphysik durch eine anerkannte, gemeinnützige Wissenschaft ersetzen können.

Gliederung (Paragraphen)

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik die als Wissenschaft wird auftreten können152 S.
Anhang von dem, was geschehen kann, um Metaphysik als Wissenschaft wirklich zu machen15 S.
[Eigenständige Untersuchung der Kritik]1 S.Entweder verzichtet man grundsätzlich auf Metaphysik, oder unterzieht man die Kritik einer gründlichen Prüfung, damit die Metaphysik endlich zu Wissenschaft wird. Da die gemeine Metaphysik unzuverlässig und unkonsistent ist und über kein Kriterium für die Wahrheit verfügt, muss der Leser zunächst auf sie verzichten und die Grundsätze der Kritik eigenständig untersuchen.
Probe eines Urteils über die Kritik, das vor der Untersuchung vorhergeht9 S.Die Göttinger Rezension ist seicht, voreingenommen und behandelt nicht die Hauptpunkte, wie das Problem der Möglichkeit der Erkenntnisse a priori und die Suche nach dem Maßstab der Metaphysik. Ebendies unterscheidet mein Idealismus vom herkömmlichen. Ich fordere den Rezensent heraus, über den Hauptpunkt zu diskutieren und seinen Namen bekannt zu geben.
Vorschlag zu einer Untersuchung der Kritik, auf welche das Urteil folgen kann5 S.Eine Prüfung der Kritik ist nötig, reizvoll und entspricht unseren Bedürfnissen. Ich schlage vor, die Kritik von der Grundlage aus Stückchenweise zu untersuchen und die Prolegomena als Plan und Leitfaden zu benutzen. Dank der Auseinandersetzung wird man die schädliche Schulmetaphysik durch eine gemeinnützige Wissenschaft ersetzen und überall philosophisch vorankommen können.
Textgrundlage: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III, S. 109-264. Inhaltsangabe VZ50 ist unsere.

Textfluss

Anhang von dem, was geschehen kann, um Metaphysik als Wissenschaft wirklich zu machen

[Eigenständige Untersuchung der Kritik]

#1

Entweder verzichtet man konsequent auf jegliche Metaphysik, oder die Kritik der reinen Vernunft muss einer gründlichen Prüfung unterzogen werden, denn:

Es gibt 2 Arten Urteile über die Untersuchung der Kritik:

a) Vor der Untersuchung {

Der Leser behält ihre eigene Metaphysik bei, die als Grundlage für das Urteil dient.

Dieses Vorgehen ist falsch. Denn die gemeine Metaphysik:

}

S. 250-251

b) Nach der Untersuchung {

Der Leser vollzieht die kritische Untersuchung nach, ohne sich dabei auf die eigene Metaphysik zu stützen.

Das ist das richtige Vorgehen. Die Grundsätze der Kritik müssen eigenständig untersucht werden, bevor man über sie urteilt.

}

Probe eines Urteils über die Kritik, das vor der Untersuchung vorhergeht

VZ100: Die Göttinger Rezension ist eine unnütze Nörgelei. Der an der Schulmetaphysik behaftete Rezensent hat nichts erfasst und versucht nur pauschal einen schlechten Eindruck zu vermitteln. So wird das Werk als Idealismus abgetan. Dabei findet mein kritischer Idealismus in der Erfahrung Wahrheit und nicht nur Schein. Während es im Idealismus keine Stütze für die Erkenntnis a priori gibt, begründen bei mir Raum, Zeit und die Verstandesbegriffen die Möglichkeit der synthetischen Erkenntnisse a priori. Das Werk zielt darauf, einen Maßstab der Metaphysik zu finden. Ich fordere den Rezensent heraus, sich über diesen Punkt sachgemäß zu äußern und seinen Namen bekannt zu geben.

VZ200: Die Göttinger Rezension ist eine unnütze Nörgelei. Der an der Schulmetaphysik behaftete Rezensent, der nichts erfasst hat, gibt nur einige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze wieder, ohne die Hauptmomente des Werkes zu untersuchen und ohne den ausgesprochenen Tadel sachlich zu begründen. Das Werk wird als abwegig dargestellt, als bloß sprachliche Eigentümlichkeit heruntergespielt und überhaupt als Idealismus abgetan. Mein kritischer Idealismus ist erstens nicht der Kern meines Systems und findet zweitens die Wahrheit in der Erfahrung, ist also das Gegenteil zum eigentlichen Idealismus, der in der Erfahrung nur Schein sieht. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass es im Idealismus keine Stütze für die Erkenntnis a priori gibt, während bei mir Raum und Zeit zur Form unserer Sinnlichkeit gehören, womit sie mit den Verstandesbegriffen die Möglichkeit der synthetischen Erkenntnisse a priori begründen. Das Werk zielt darauf, einen Maßstab der Metaphysik zu finden, ohne den es in der Metaphysik (wie in jedem anderen Feld) keinen Fortschritt gibt. Ich fordere den Rezensent heraus, sich über diesen Punkt zu äußern und seinen Namen zu veröffentlichen. Er kann sich einen der 8 Sätze der Antinomien aussuchen. Daraufhin werde ich den Gegensatz beweisen. So werden der Erbfehler der Metaphysik und die Notwendigkeit der Kritik deutlich werden.

AbsatzInhalt
#1 Es geht um die Göttinger Rezension.
#2[Nützlichkeit einer Rezension] Wenn die entscheidenden Momente des Werks vom Rezensent erkannt und sachlich und durchgängig geprüft werden, so ist die Rezension nützlich für Publikum und Verfasser. Dieser bekommt eine Gelegenheit, den Text frühzeitig zu erläutern und gegebenenfalls zu verbessern.
#3[Göttinger Rezension nutzlos] Die Göttinger Rezension ist völlig nutzlos. Der Rezensent kommt aus seiner Schulmetaphysik nicht heraus und weder erkennt die Hauptmomente noch hat das Werk durchgedacht, ob aus Ungeduld, Unfähigkeit oder Ärger über die drohende Reform einer Wissenschaft. Durch die Rezension bringt das Publikum nichts in Erfahrung und kann der Kenner sich kein Urteil bilden, weil die Thesen des Verfassers wie die heftigen Einwürfe und Tadel des Rezensenten ohne Erörterung bleiben. Folgen Erläuterungen, die einige Fehlinterpretationen der Prolegomena vermeiden könnten.
#4[Abstempelung als Idealismus] Der Blickwinkel der Rezension ist voreingenommen und erleichtert dem Rezensent den kurzen Prozess: Das Werk wird als Idealismus abgetan. (Der Rezensent hält außerdem die Wörter transzendental und transzendent nicht auseinander. Im Werk werden beide sorgfältig definiert, der Rezensent hat es aber nicht erfasst und setzt die Missdeutung parteiisch ein.)
#5[Unsachliche Rezension] Allein die Charakterisierung als Idealismus zeigt schon, dass der Rezensent das Werk nicht begriffen hat und nur oberflächlich und vorurteilshaft behandelt.
#6[Idealismus ist nicht der Kern der Kritik] Der Idealismus ist lange nicht das Kernstück des Systems.
#7[Echter Idealismus: Erfahrung als Schein] Der echte Idealismus (Eleatische Schule, Berkeley) besagt: Erkenntnis durch Sinne und Erfahrung ist nur Schein, Wahrheit liegt allein in Verstand und Vernunft.
#8[Transzendentaler Idealismus: Erfahrung als Wahrheit] Der Grundsatz meines Idealismus lautet hingegen: Erkenntnis aus bloßen Verstand und Vernunft ist nur Schein, Wahrheit liegt allein in der Erfahrung.
#9[Gegensätzliche Idealismen] Der transzendentale Idealismus ist also das Gegenteil vom eigentlichen Idealismus.
#10[Vergleich beider Idealismen] Die zwei Idealismen haben die Auffassung gemein, dass Raum, Zeit und alles, was in ihnen ist, nicht zu den Dingen an sich selbst, sondern zu den Erscheinungen gehört. Bei Berkeley ist aber der Raum eine bloß empirische Wahrnehmung. Da den Erscheinungen nichts a priori zugrunde liegt, hat die Erfahrung kein Kriterium für die Wahrheit und ist sie bloßer Schein. Der Grundfehler des Idealismus (schon bei Plato) besteht darin, das Problem, wie die Erkenntnis a priori von Gegenständen der Erfahrung möglich ist, übersehen zu haben, was angesichts der Tatsache, dass es Erkenntnisse a priori gibt (darunter die Geometrie), zwangsläufig zu der Annahme missleitet, es gebe eine intellektuelle Anschauung. Ganz anders ist es bei mir. Die Beschäftigung mit dem genannten Problem führte zur Einsicht, dass Raum und Zeit zur Form unserer Sinnlichkeit gehören, dass sie jede sinnliche Anschauung, also auch jede Erscheinung ermöglichen, dass sie deshalb a priori erkannt werden können. Somit gibt es Gesetze von Raum, Zeit und den reinen Verstandesbegriffen, die der Erfahrung zugrunde liegen und das Kriterium für die Wahrheit ergeben.
#11[Kritischer Idealismus] Nur mein Idealismus (nicht einmal der Realismus) ist imstande, den Erkenntnissen a priori (inkl. Geometrie) objektive Realität anzuerkennen. Ich schlage vor die Bezeichnung Kritischer Idealismus, um meinen Ansatz vom dogmatischen Idealismus des Berkeley und vom skeptischen Idealismus von Descartes zu unterscheiden.
#12[Üble Rezension] Der Rezensent zielt darauf, künftigen Lesern die Lust aufs Buch abzunehmen. Er verliert sich absichtlich in Allgemeinheiten und behandelt keinen Hauptpunkt ausführlich. Die wiedergegebenen Sätze des Werks sind so aus dem Zusammenhang gerissen, dass sie für einen mit der Schulmetaphysik vertrauten Leser nur abwegig und abscheuerregend wirken können. Dass am Schluss das Neue des Werkes als bloß sprachliche Eigentümlichkeit heruntergespielt wird, verdeutlicht, dass der Rezensent gar nichts vom Buch und der Sache verstanden hat. (Der Rezensent behauptet auch, meine Deduktion der Kategorien und die Tafel der Grundsätze seien im Grunde genommen die alten Grundsätze der Logik unter neuen Namen. Diese Prolegomena genügen, um einzusehen, wie tadelnswert und historisch verkehrt die Rezension da ist.)
#13[Vorenthaltung des Rezensenten] Der hohe Ton der Rezension deutet an, dass der Rezensent wichtige Entdeckungen verschweigt. Angesichts der aktuellen misslichen Lage der Metaphysik sollte er aber ihre Erkenntnisse veröffentlichen. Denn die Metaphysik, die seit langem trotz viel Prunk keinen richtigen Fortschritt gemacht hat, benötigt Aufklärung ihrer Möglichkeit und Quelle und des Kriteriums für ihre Wahrheit.
#14[Hauptpunkt verfehlt] Mein Idealismus bezweckt die Lösung dieser nötigen Aufgabe (die Begründung der synthetischen Erkenntnisse a priori), die der Rezensent hätte beurteilen sollen aber nicht einmal erwähnt, also übersehen haben muss.
#15[Maßstab der Metaphysik] Eine gelehrte Zeitung kann nur in der Metaphysik ihr Ansehen überhaupt nicht behaupten. Denn alle anderen Felder haben einen Maßstab: Geschichte (weltliche Bücher), Theologie (heilige Bücher), Naturwissenschaft und Arzneikunst (Mathematik und Erfahrung), Rechtsgelehrsamkeit (Gesetzbücher), Geschmack (Muster der Alten), Mathematik (Maßstab in sich selbst). Ich habe versucht, den Maßstab der Metaphysik zu bestimmen. Die Auseinandersetzung um eine kritische (den Maßstab suchende) Schrift baut nicht auf einem vordefinierten Maßstab, sondern auf dem gemeinsamen Wunsch aller Beteiligten, einen Maßstab zu finden, auf.
#16[Aufforderung an den Rezensenten] In allgemeinem Interesse fordere ich den Rezensenten heraus, einen richtig metaphysischen Satz a priori (Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz, Grundsatz der Notwendigkeit der Ursache) zu begründen. Da Metaphysik apodiktische Gewissheit verlangt, muss der Rezensent sich über meine Kritik äußern, bevor er die Beweise liefert.
#17[Die Herausforderung] Suche sich der Rezensent einen der 8 Sätze der Antinomien aus. So werde ich entweder meinen Irrtum einräumen oder den Gegensatz beweisen und damit den (nur durch Kritik zu behebenden) Erbfehler der Metaphysik an den Tag bringen. Meine Kritik muss also untersucht werden. Der Rezensent muss seinen (bisher unbekannten) Namen nennen.

S. 251

#1

Ein solches Urteil ist in der Göttinger Rezension zu finden.

[ Zur Göttinger Rezension:

Anonym erschienen in der Zugabe zu den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen unter der Aufsicht der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften. Der erste Band. Auf das Jahr 1782. Göttingen, gedruckt bey Johann Christian Dieterich., 3. Stück, den 19. Januar 1782, S. 40-48.

Zu finden in Meiners Philosophischen Bibliothek Bd. 40 und Bd. 540.

]

#2 [Nützlichkeit einer Rezension]

Eine Rezension kann Publikum und Verfasser nutzen, wenn der Rezensent:

Eine solche Rezension nutzt dem Verfasser, der damit eine Prüfung des Werks bekommt, die ihm Gelegenheit bietet, den Text frühzeitig zu erläutern und gegebenenfalls zu verbessern.

#3 [Göttinger Rezension nutzlos]

Dies ist nicht der Fall bei der Göttingen Rezension.

Der Rezensent erkennt die wichtigen Momente des Werks nicht.

S. 251-252

Er hat das Werk nicht durchgedacht, ob aus Ungeduld, Unfähigkeit oder Ärger über die drohende Reform einer Wissenschaft.

S. 252

Tatsache ist, er kommt aus seiner Schulmetaphysik nicht heraus.

Der Leser kann wegen mangelnder Erörterung weder die heftigen Aussagen und Tadel des Rezensenten noch die Thesen des Verfassers nachvollziehen.

So bringt das Publikum nichts in Erfahrung. So kann sich der Kenner auch kein Urteil bilden. Die Rezension nutzt nichts.

Die Rezension gibt aber Anlass zu den folgenden Erläuterungen, die einige Fehlinterpretationen der Prolegomena vermeiden könnten.

#4 [Abstempelung als Idealismus]

Der Blickwinkel der Rezension ist voreingenommen und erleichtert dem Rezensent den kurzen Prozess: Das Werk wird als Idealismus abgetan.

[Anmerkung] {

Der Rezensent nennt es unpassend den höheren Idealismus.

Bei Leibe nicht der höhere. Hohe Türme, und die ihnen ähnliche metaphysisch-große Männer, um welche beide gemeiniglich viel Wind ist, sind nicht vor mich. Mein Platz ist das fruchtbare Bathos der Erfahrung, […].

Doch mir geht es um keine unerreichbaren Hohen, sondern um den Boden (Bathos [=Tiefe]) der Erfahrung.

Der Rezensent hält die Wörter transzendental und transzendent nicht auseinander. Im Werk werden beide sorgfältig definiert, der Rezensent hat es aber nicht erfasst und setzt die Missdeutung parteiisch ein.

Das Transzendentale geht nicht über alle Erfahrung hinaus, sondern bezieht sich auf die Möglichkeit der Erfahrung. Das Transzendente geht über alle Erfahrung hinaus, es ist das Gegenteil vom Immanenten, das auf Erfahrung Beschränkte.

}

#5 [Unsachliche Rezension]

S. 252-253

Allein die Charakterisierung als Idealismus zeigt schon, dass der Rezensent das Werk nicht begriffen hat und nur oberflächlich und vorurteilshaft behandelt.

Beim Anblicke dieser Zeile sahe ich bald, was vor eine Rezension da herauskommen würde, ungefähr so, als wenn jemand, der niemals von Geometrie etwas gehört oder gesehen hätte, einen Euklid fände, und ersucht würde, sein Urteil darüber zu fällen, nachdem er beim Durchblättern auf viel Figuren gestoßen, etwa sagte: »das Buch ist eine systematische Anweisung zum Zeichnen: der Verfasser bedient sich einer besondern Sprache, um dunkele, unverständliche Vorschriften zu geben, die am Ende doch nichts mehr ausrichten können, als was jeder durch ein gutes natürliches Augenmaß zu Stande bringen kann etc.«

S. 253

#6 [Idealismus ist nicht der Kern der Kritik]

Der Idealismus ist lange nicht das Kernstück („die Seele“) des Systems.

Sehen wir nun was für ein Idealismus das Werk vertritt.

#7 [Echter Idealismus: Erfahrung als Schein]

Der echte Idealismus (Eleatische Schule, Berkeley) besagt: Erkenntnis durch Sinne und Erfahrung ist nur Schein, Wahrheit liegt allein in Verstand und Vernunft.

#8 [Transzendentaler Idealismus: Erfahrung als Wahrheit]

Der Grundsatz meines Idealismus lautet hingegen: Erkenntnis aus bloßen Verstand und Vernunft ist nur Schein, Wahrheit liegt allein in der Erfahrung.

#9 [Gegensätzliche Idealismen]

Der transzendentale Idealismus ist also das Gegenteil vom eigentlichen Idealismus.

Warum habe ich ihn dann Idealismus genannt?

#10 [Vergleich beider Idealismen]

Das lässt sich leicht im Werk einsehen.

Bei mir wie im Idealismus: Raum und Zeit gehören nicht zu den Dingen an sich selbst, sondern zu den Erscheinungen. Ebenso alles, was im Raum oder in der Zeit ist.

Nur im Idealismus, v. a. bei Berkeley: Raum ist eine empirische, nur durch Wahrnehmung zu erkennende Vorstellung.

S. 253-254

Nur bei mir: Raum und Zeit können a priori erkannt werden. Sie gehören zur Form unserer Sinnlichkeit. Sie ermöglichen jede sinnliche Anschauung, somit auch jede Erscheinung.

S. 254

Wahrheit gründet auf allgemeinen und notwendigen Gesetzen.

Bei Berkeley: Da den Erscheinungen nichts a priori zugrunde liegt, hat die Erfahrung kein Kriterium für die Wahrheit. Also ist Erfahrung nichts als bloßer Schein.

Bei mir: Der Erfahrung liegen die Gesetze von Raum, Zeit und den reinen Verstandesbegriffen zugrunde. Diese ergeben das Kriterium, das Wahrheit und Schein unterscheidet.

[Anmerkung] {

Absicht des eigentlichen Idealismus: zwangsläufig schwärmerisch.

Absicht meines Idealismus: das Problem zu lösen, wie ist die Erkenntnis a priori von Gegenständen der Erfahrung möglich.

Dieses Problem war bisher nicht gelöst, gar nicht vorher gestellt worden.

Das Problem zu übersehen, führte dem schwärmerischen Idealismus (auch Plato) zu einem Irrtum.

Denn Tatsache ist, wir haben Erkenntnisse a priori (darunter die Geometrie).

Deshalb musste der Idealismus von einer intellektuellen Anschauung ausgehen.

Die Idealisten könnten sich einfach nicht vorstellen, dass Sinne auch a priori anschauen können.

}

#11 [Kritischer Idealismus]

Mein kritischer Idealismus ist ganz eigener Art.

Nur durch meinen Beweis der Idealität des Raumes und der Zeit sind wir imstande, den Erkenntnissen a priori (inkl. Geometrie) objektive Realität anzuerkennen.

Selbst die Realisten können diese objektive Realität nicht beweisen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich von nun an vom formalen, besser: kritischen Idealismus sprechen.

Damit wird mein Ansatz vom dogmatischen Idealismus des Berkeley und vom skeptischen Idealismus von Descartes unterschieden.

S. 255

#12 [Üble Rezension]

So weit zu den Inhalten der Rezension.

Hätte der Rezensent (statt sich absichtlich in Allgemeinheiten zu verlieren) einen Hauptpunkt ausführlich behandelt, so könnte man sein Wissen und seine Einsicht oder meinen eventuellen Irrtum beurteilen.

Der Rezensent zielte aber darauf, künftigen Lesern die Lust aufs Buch im Voraus abzunehmen. [Meine Hypothese: Der 3. Satz sollte statt „Es war auch kein übel ausgedachter Kunstgriff“ mit „Es war auch ein übel ausgedachter Kunstgriff“ anfangen]

Die Sätze der Rezension (so aus dem Zusammenhang des Buches gerissen, entgegengesetzt zur Schulmetaphysik wie sie sind) können nur abwegig klingen und Abscheu erregen.

Am Schluss wird auch noch das Neue des Werkes als bloß sprachliche Eigentümlichkeit heruntergespielt.

Damit wird klar, dass der Rezensent gar nichts vom Buch und der Sache verstanden hat.

[Anmerkung] {

Der Rezensent kommt mit sich selbst nicht zurecht.

Der Rezensent übersieht: Meine Entgegensetzung von Traum und Erfahrung ist nur formal, wie bei Wolff der somnio obiective sumpto [der objektiv angenommene Traum].

Die Transzendentalphilosophie kann den Unterschied des Schlafens und Wachens nicht betrachten.

Der Rezensent behauptet, meine Deduktion der Kategorien und die Tafel der Grundsätze seien im Grunde genommen die alten Grundsätze der Logik unter neuen Namen. Diese Prolegomena genügen, um einzusehen, wie tadelnswert und historisch verkehrt die Rezension da ist.

}

S. 256

#13 [Vorenthaltung des Rezensenten]

Der Ton der Rezension deutet darauf hin, dass der Rezensent über wichtige Erkenntnisse verfügt, die er nicht preisgibt.

Er sollte aber seine Entdeckungen veröffentlichen, um die Metaphysik zum Erfolg zu verhelfen.

Denn der Metaphysik geht es seit langem schlecht. Nur ihr äußeres Erscheinungsbild wird etwas abgeändert, im Wesentlichen hat sie aber keinen Fortschritt getan.

Der Metaphysik tut Not: Dass ihre Quellen aufgeklärt werden, dass ihre Möglichkeit als Wissenschaft aufgezeigt wird, dass das Kriterium für die Wahrheit aufgestellt wird.

Zu all dem hat der Rezensent wohl den Schlüssel, denn nur dies würde seinen hohen Ton rechtfertigen.

#14 [Hauptpunkt verfehlt]

Doch der Rezensent hat wahrscheinlich das Bedürfnis der Metaphysik nicht einmal erkannt.

Sonst hätte er die Rezension unter diesem Aspekt verfasst. Die eigentliche Aufgabe (die synthetischen Erkenntnisse a priori zu begründen) erwähnt er nicht einmal.

S. 257

Mein Idealismus erfüllt den Zweck, diese Aufgabe zu lösen.

Der Rezensent hätte zeigen müssen, dass die Aufgabe unwichtig ist, oder im Werk nicht gelöst wird, oder anderweitig gelöst werden kann.

Dies tut der Rezensent aber nicht. Er hat also vom Werk nichts verstanden, und von der Metaphysik überhaupt wohl auch nicht. Oder er hat übereilig wegen der Schwierigkeiten das Werk völlig missdeutet.

#15 [Maßstab der Metaphysik]

Eine gelehrte Zeitung (die in anderen Feldern zu Recht Ansehen genießt) kann in der Metaphysik ihr Ansehen überhaupt nicht behaupten.

Jedes Feld hat einen Maßstab: Geschichte (weltliche Bücher), Theologie (heilige Bücher), Naturwissenschaft und Arzneikunst (Mathematik und Erfahrung), Rechtsgelehrsamkeit (Gesetzbücher), Geschmack (Muster der Alten), Mathematik (Maßstab in sich selbst).

Nur Metaphysik hat keinen Maßstab.

Ich habe versucht, den Maßstab der Metaphysik zu bestimmen.

Ohne den Maßstab erzielen die verschiedenen metaphysischen Schriften dogmatischer Art keinen Fortschritt.

S. 257-258

In einer kritischen Schrift hingegen geht man von keinem Maßstab aus, sondern sucht man erst einen.

S. 258

Die Auseinandersetzung um eine kritische Schrift baut nicht auf einem vordefinierten Maßstab, sondern auf dem gemeinsamen Wunsch aller Beteiligten, einen Maßstab zu finden, auf.

#16 [Aufforderung an den Rezensenten]

In allgemeinem Interesse fordere ich den Rezensenten heraus, einen richtig metaphysischen (d. h. synthetischen, a priori aus Begriffen erkannten) Satz a priori zu begründen. Zum Beispiel: Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz, Grundsatz der Notwendigkeit der Ursache.

Da Metaphysik apodiktische Gewissheit verlangt, setzt sie eine Kritik der reinen Vernunft, die die Möglichkeit oder Unmöglichkeit solcher Beweise ausmacht, voraus.

Deshalb muss der Rezensent sich über meine Kritik äußern, bevor er die verlangten Beweise liefert.

Da er in der ganzen Metaphysik keine Unterstützung für den Beweis seiner eigenen Grundsätze finden wird, so beweise ich selbst meine Grundsätze.

#17 [Die Herausforderung]

S. 258-259

Suche sich der Rezensent einen der 8 metaphysischen Sätze [der Antinomien], die sich sowohl in den Prolegomena wie in der KrV befinden, aus.

S. 259

So werde ich den Gegensatz beweisen.

Dies zeigt den Erbfehler der Metaphysik, den man nur durch eine Kritik der reinen Vernunft beheben kann.

Meine Kritik muss also untersucht werden.

Ich werde meinerseits meinen Irrtum einräumen, sollte ich nicht in der Lage sein, den oben versprochenen Beweis des Gegensatzes zu liefern.

Die Annahme der Herausforderung erfordert, dass der [anonyme] Rezensent seinen Namen bekannt macht.

Vorschlag zu einer Untersuchung der Kritik, auf welche das Urteil folgen kann

VZ100: Eine Prüfung der Kritik ist nötig, obwohl man das Urteil aus Vorsicht hinauszögern kann, und reizvoll: In der Untersuchung laufen alle Kenntnisse und Zwecke zusammen und sie allein ergibt eine vollständige Wissenschaft. Der Augenblick ist günstig, denn nicht alle Bedürfnisse werden anderweitig bedeckt und die Deutschen können hier den Ruf der Tüchtigkeit bestätigen. Ich schlage vor, die Kritik von der Grundlage aus Stückchenweise zu untersuchen und die Prolegomena als Plan und Leitfaden zu benutzen. Die Auseinandersetzung wird sich als nützlich für die Nachkommenschaft in allen Feldern erweisen und man wird die schädliche Schulmetaphysik durch eine anerkannte, gemeinnützige Wissenschaft ersetzen können.

VZ200: Eine Prüfung der Kritik ist nötig, obwohl man das Urteil aus Vorsicht hinauszögern kann, wie im Falle der Rezension in der Gothaschen gelehrten Zeitung. Eine solche Untersuchung ist reizvoll, nicht nur, weil in ihr alle anderen Kenntnisse und Zwecke zusammenlaufen, sondern auch, weil es sich um die einzige Wissenschaft handelt, die am Stück zur Vollständigkeit gebracht werden kann. Der Augenblick ist dazu günstig. Erstens, weil der in der Seele freigehaltene Raum für die spekulative Vernunft mit den anderen theoretischen Tätigkeiten nicht belegt ist und wir das Versagen der Vernunft anderweitig verdrängen. Zweitens, weil hier eine Erfolg versprechende Aufgabe vorliegt, bei der die Deutschen den Ruf der Tüchtigkeit bestätigen können. Wegen des Werkumfangs schlage ich vor, die Kritik von der Grundlage aus Stückchenweise zu untersuchen. Die Prolegomena, die übersichtlicher als das Werk sind, sollen als Plan und Leitfaden der Untersuchung dienen. Wichtig ist die Auseinandersetzung, um ein Lehrgebäude als Vermächtnis für die Nachkommenschaft hervorzubringen. Entstehen soll eine reiche, allgemein anerkannte, gemeinnützige Wissenschaft, die die Oberflächlichkeit und Schwärmerei fördernde Schulmetaphysik ersetzt. Die reformierte Metaphysik, die auf dem durch die Kritik gelieferten Maßstab zur Unterscheidung von Schein und Wissen fußt, führt zu einer Denkart, die nachher überall den wahren philosophischen Geist einflößen soll.

AbsatzInhalt
#1[Aus Behutsamkeit verspätetes Urteil] Dem gelehrten Publikum bin ich dankbar dafür, dass es das Urteil über das Werk lange hinausgezögert hat, denn daraus lässt sich Vorsicht im Umgang mit einem viel versprechenden Werk schließen. Eine Probe [=Musterstück] eines aus Behutsamkeit verspäteten Urteils ist in der Gothaschen gelehrten Zeitung zu finden.
#2[Prüfung des Werks] Da das Werk so umfangreich ist, schlage ich als Vorgehensweise für seine Prüfung vor, mit der Grundlage anzufangen und Stückchenweise voranzukommen, wobei die Prolegomena als Übersicht dienen. Diese Prüfung ist nötig wegen der spekulativen Philosophie, die man zwar aufgrund schlechter Erfahrungen vernichten möchte, auf die aber die menschliche Vernunft nicht verzichten kann.
#3[Bedürfnis und Reiz der Untersuchung] Die Selbstaufklärung der Vernunft ist eine Untersuchung, deren Reiz größer ist als der jeder anderen theoretischen Untersuchung, weil in ihr alle andere Kenntnisse und Zwecke zusammenlaufen. Wäre das Vorhaben verheißungsvoll, so würden viele Männer daran mitarbeiten. Denn in der Gegenwart ist die Seele mit den theoretischen Tätigkeiten nicht ausgefüllt, weil der in der Seele freigehaltene Raum für die spekulative Vernunft nicht belegt ist und wir das Versagen der Vernunft durch Zerstreuung, Beschäftigung und Unterhaltung verdrängen.
#4[Prolegomena als Überblick] Plan und Leitfaden der Untersuchung sollen die Prolegomena sein und nicht das Werk selbst, das zwar inhaltlich in Ordnung ist, da alles vor dem Verfassen jahrelang sorgfältig geprüft wurde, aber in einigen Abschnitten (Elementarlehre, Paralogismen) etwas undeutlich aufgrund der Ausführlichkeit ist.
#5[Günstiger Augenblick] Jetzt ist es in Deutschland ein günstiger Augenblick für diese Untersuchung. Den Ruf der Tüchtigkeit können die Deutschen hier bestätigen. Man kennt außer den so genannten nützlichen Wissenschaften kaum eine ernsthafte Beschäftigung. Die vorliegende Aufgabe ist Erfolg versprechend, offen für jeden und noch unvollendet. Darüber hinaus handelt es sich um eine ganz besondere Wissenschaft, nämlich die einzige, die am Stück zur Vollständigkeit gebracht werden kann. Dies rührt daher, dass sie ein Erkenntnisvermögen betrifft, das von anderen völlig isoliert ist.
#6[Zweck der Untersuchung] Die Organisierung der Zusammenarbeit der Gelehrten überlasse ich anderen. Mir geht es nicht darum, dass meine Meinung ungeprüft angenommen wird, sondern um eine gründliche Auseinandersetzung, aus der ein Lehrgebäude (nicht unbedingt meins) als Vermächtnis für die Nachkommenschaft hervorgehen wird.
#7[Nutzen der Kritik] Die gemeine Metaphysik bestimmte die Grundbegriffe des Verstandes präziser und deutlicher und nutzte dazu, die Vernunft überhaupt zu kultivieren. Die negative Wirkung der gemeinen Metaphysik war aber größer als ihr Nutzen. Ihre Sprache (die zwischen Wissenschaft und Popularität hin- und herpendelte, ohne eine von beiden zu befriedigen) führte zu Eigendünkel, Sophisterei und Seichtigkeit. Aus unserer Reform ergibt sich eine neue Metaphysik, keine durch Kritik armselig gewordene Erscheinung, sondern eine in neuer Art mit Reichtum versehene, allgemein anerkannte, gemeinnützige Wissenschaft. Grundlage dazu ist der Maßstab, den die Kritik liefert und die Metaphysik gründlich erprobt, mithilfe dessen Schein und Wissen mit Gewissheit unterschieden werden können. Die Metaphysik führt zu einer Denkart, die nachher für jeglichen Vernunftgebrauch mit Gewinn eingesetzt werden kann, ja die in allen Bereichen den wahren philosophischen Geist einflößt. So nutzt die neue Metaphysik etwa der Theologie, die sie von der dogmatischen Spekulation abtrennt. So befreit uns die kritische Philosophie auch von der Schwärmerei, die in der Schulmetaphysik das letzte Versteck gefunden hatte.
#1 [Aus Behutsamkeit verspätetes Urteil]

Dem gelehrten Publikum bin ich dankbar dafür, dass es das Urteil über das Werk lange hinausgezögert hat.

S. 259-260

Denn aus dieser Verzögerung lässt sich schließen: Man vermutet in dem Werk etwas, das sich als nutzbringend erweisen könnte für die Wiederbelebung eines wichtigen Felds der menschlichen Erkenntnisse. Man will sich davor hüten, diesen Ansatz mit einem voreiligen Urteil zu vernichten.

S. 260

Eine Probe [=Musterstück] eines aus Behutsamkeit verspäteten Urteils ist in der Gothaschen gelehrten Zeitung zu finden. Hier wird ein Hauptmoment des Werks gründlich, fassbar und getreu dargelegt.

#2 [Prüfung des Werks]

Ein so umfangreiches Werk kann nicht am Stück beurteilt werden.

Vorschlag: Mit der Grundlage anzufangen und Stückchenweise voranzukommen. Diese Prolegomena als Übersicht zu benutzen.

Nicht aus Eitelkeit schlage ich dies vor, sondern um der spekulativen Philosophie willen. Sie ist jetzt nämlich in Begriff, zu Ende zu kommen. Wegen schlechter Erfahrungen will man auf sie verzichten. Doch die menschliche Vernunft neigt zwangsläufig zu ihr.

#3 [Bedürfnis und Reiz der Untersuchung]

In der Gegenwart („unserem denkenden Zeitalter“) würden viele Männer an der Selbstaufklärung der Vernunft mitarbeiten, wenn es Anlass zur Hoffnung gäbe.

S. 260-261

Die Seele füllen Mathematik, Naturwissenschaft, Gesetze, Künste, Moral etc. nicht aus. Sie hat immer Platz für die bloße reine und spekulative Vernunft.

S. 261

Doch dieser Platz bleibt leer. Um das Versagen der Vernunft zu verdrängen, suchen wir ständig Zerstreuung, Beschäftigung, Unterhaltung.

Eine Untersuchung, die sich mit der Vernunft allein beschäftigt, hat für jedermann einen größeren Reiz, als jedes andere theoretische Wissen. In ihr vereinigen sich alle andere Kenntnisse und Zwecke.

#4 [Prolegomena als Überblick]

Nicht das Werk, sondern die Prolegomena sollen Plan und Leitfaden der Untersuchung sein.

Das Werk selbst ist zwar inhaltlich in Ordnung (alles wurde vor der Verfassung jahrelang sorgfältig geprüft). Die Darbietung einiger Abschnitte der Elementarlehre und der Paralogismen ist jedoch nicht ganz zufrieden stellend. Die Ausführlichkeit beeinträchtigt dort die Deutlichkeit.

#5 [Günstiger Augenblick]

S. 261-262

Die Deutschen haben hier eine Gelegenheit, ihren Ruf der Tüchtigkeit zu bestätigen.

S. 262

Hier liegt eine Aufgabe mit ziemlich gewissem Erfolg vor, in der sich jeder denkende beteiligen kann, die bisher nicht vollendet wurde.

Zumal es sich um eine ganz besondere Wissenschaft handelt, nämlich die einzige, die am Stück zur Vollständigkeit gebracht werden kann.

Zwar kann man später ihren Vortrag deutlicher machen oder aus ihr neue Folgen ziehen, doch inhaltlich wird man sie weder vermehren noch verändern können.

Dies rührt daher, dass sie ein Erkenntnisvermögen betrifft, das von anderen völlig isoliert ist.

Jetzt ist es außerdem insofern ein günstiger Augenblick, als man in Deutschland kaum weiß, was ernsthaftes man noch außer den so genannten nützlichen Wissenschaften betreiben kann.

#6 [Zweck der Untersuchung]

Die Organisierung der Zusammenarbeit der Gelehrten überlasse ich anderen.

Mir geht es nicht darum, dass meine Meinung ungeprüft angenommen wird, sondern um eine gründliche Auseinandersetzung, aus der ein Lehrgebäude (nicht unbedingt meins) als Vermächtnis für die Nachkommenschaft hervorgehen wird.

#7 [Nutzen der Kritik]

S. 262-263

Was für eine Metaphysik sich aus unserer Kritik ergibt, kann hier nicht ausgeführt werden.

Diese künftige Metaphysik ist aber keine durch die Kritik armselig gewordene Erscheinung, sondern eine in neuer Art mit Reichtum versehen.

S. 263

Augenscheinlich sind einige Nutzen, die eine solche Reform bringen würde.

Die gemeine Metaphysik bestimmte die Grundbegriffe des Verstandes präziser und deutlicher und nutzte dazu, die Vernunft überhaupt zu kultivieren.

Die negative Wirkung der gemeinen Metaphysik war noch größer als ihr Nutzen. Ihre Sprache (die zwischen Wissenschaft und Popularität hin- und herpendelte, ohne eine von beiden zu befriedigen) führte nur zu Eigendünkel, Sophisterei und Seichtigkeit.

Die Kritik stellt den Maßstab bereit, mithilfe dessen Schein und Wissen mit Gewissheit unterschieden werden können. Der Maßstab selbst wurde in der Metaphysik durchgängig angewendet und erprobt.

Die Metaphysik führt zu einer Denkart, die nachher für jeglichen Vernunftgebrauch mit Gewinn eingesetzt werden kann. Diese Denkart flößt in allen Bereichen den wahren philosophischen Geist ein.

Die Metaphysik nutzt auch der Theologie, die sie von der dogmatischen Spekulation abtrennt. Die gemeine Metaphysik hat nichts für die Theologie getan, nur die spekulative Dogmatik gegen sie zu bewaffnen.

S. 263-264

Die Schulmetaphysik war das letzte Versteck der Schwärmerei (die sonst in einem aufgeklärten Zeitalter nicht auftritt).

S. 264

Die kritische Philosophie vernichtet alle Schwärmerei und macht die Metaphysik zur allgemein anerkannten, gemeinnützigen Wissenschaft.

[Ende, S. 263-264:]

Schwärmerei, die in einem aufgeklärten Zeitalter nicht aufkommen kann, als nur wenn sie sich hinter einer Schulmetaphysik verbirgt, unter deren Schutz sie es wagen darf, gleichsam mit Vernunft zu rasen, wird durch kritische Philosophie aus diesem ihrem letzten Schlupfwinkel vertrieben, und über das alles kann es doch einem Lehrer der Metaphysik nicht anders als wichtig sein, einmal mit allgemeiner Beistimmung sagen zu können, daß, was er vorträgt, nun endlich auch Wissenschaft sei, und dadurch dem gemeinen Wesen würklicher Nutzen geleistet werde.


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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala