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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2002 durchgeführt. 1. Durchgang wurde zwischen August 2006 und Februar 2007 durchgeführt.

1784 (60) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 17 S.
Originaltitel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 04 (November) S. 385-411.
Katalog-Nr. Adickes: 0050 / Warda: 083
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 015-031 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Die Vernunft entfaltet sich in der Weltgeschichte.

Jede Naturanlage hat ihren Zweck, den sie vollständig erfüllt. Der Mensch verfügt über Vernunft, nicht aber im Einzelnen, sondern in der Gattung, und erst nach allmählicher Entfaltung durch die Weltgeschichte. Die Natur hat in den Menschen den Antagonismus eingepflanzt, damit durch Widerstand und Kriege man am Ende zu einer bürgerlichen Staatsverfassung kommt, in der die Vernunft vollständig entfaltet ist. Diese Evolution in der Weltgeschichte könnte eine philosophische Geschichte aufzeigen. Eine solche würde Trost und Bereicherung sein und würde sogar die Erreichung des Ziels beschleunigen.

Zusammenfassung

ZF150: Die Natur ist zweckmäßig, jede Naturanlage hat ihren Zweck, den sie vollständig erfüllt. Die Menschen handeln weder instinktmäßig noch wie vernünftige Weltbürger nach verabredetem Plan. Die Naturanlage der Vernunft ist nicht im Einzelnen, sondern in der Gattung zu finden und entfaltet sich langsam über Generationen. Der Antagonismus ist das von der Natur eingesetzte Mittel, um die menschlichen Anlagen zu entwickeln. Der Widerstand zwischen Menschen lässt zunächst Übel entstehen, treibt aber die Weiterentwicklung an. So sind die Kriege furchtbar und bestimmen die Gegenwart, im Lauf der Weltgeschichte überhaupt lässt sich aber eine Zunahme an Aufklärung erkennen, Die vollkommene Entfaltung des Menschen kann nur in der größten, durch unwiderstehliche Gewalt gewährten Freiheit, also in einer bürgerlichen Gesellschaft. Die Errichtung einer solchen Staatsverfassung ist ein schweres, nicht vollständig lösbares Problem. Eine philosophische Weltgeschichte könnte diese Entfaltung hervorheben und so nicht nur die geschichtliche Betrachtung bereichern, sondern sogar die Herbeiführung des Ziels beschleunigen.

[ Verweis. nicht zeigen

Kant äußert seine Ansichten über den Zweck der Weltgeschichte auch in Rezension: Herder, Ideen zur Geschichte der Menschheit.

]

Textablauf

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. VI), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 31-50.

[Anmerkung Kants zum Titel] { nicht zeigen

In einer kurzen Anzeige der Gothaischen Gelehrten Zeitung wird eine Aussage Kants wiedergegeben, die so ohne weiteres nicht zu verstehen ist.

Die Aussage ist „ohne Zweifel aus meiner Unterredung mit einem durchreisenden Gelehrten genommen worden“.

Dieser Aufsatz dient der Erläuterung.

[Anmerkung nicht zeigen

Nach Heinrich Maier (Hg. Akademieausgabe) lautet die erwähnende Stelle:

Eine Lieblingsidee des Hrn. Prof. Kant ist, dass der Endzweck des Menschengeschlechts die Erreichung der vollkommensten Staatsverfassung sei, und er wünscht, dass ein philosophischer Geschichtschreiber es unternehmen möchte, uns in dieser Rücksicht eine Geschichte der Menschheit zu liefern, und zu zeigen, wie weit die Menschheit in den verschiedenen Zeiten diesem Endzwecke sich genähert, oder von demselben entfernt habe, und was zu Erreichung desselben noch zu thun sei.

]

}

1# [Einleitung]

ZF50: Obwohl die Menschen frei, weder instinktmäßig noch wie vernünftige Weltbürger mit verabredetem Plan handeln, verfolgt die Gattung einer Naturabsicht. Wir möchten zeigen, dass die ursprünglichen Anlagen des Menschen sich im regelmäßigen Gang der Geschichte langsam aber stetig entfalten. Anderen überlassen wir, nach diesem Leitfaden eine Geschichte zu schreiben.

Obwohl der Mensch frei ist und die eigenen Absichten verfolgt, geht die Gattung im Ganzen einer vom Einzelnen unerkannten Naturabsicht nach. Die Geschichte lässt von sich hoffen, dass die ganze Gattung langsam aber stetig die ursprünglichen Anlagen entwickelt und dass sich ein regelmäßiger Gang der Geschichte ausmachen lässt.

#1.1 Die menschlichen Handlungen geschehen wie jede andere Naturbegebenheit nach allgemeinen Naturgesetzen. Dies ist unabhängig von jeglichem metaphysischen Begriff der Freiheit des Willens.

#1.2 Die Geschichte lässt von sich hoffen:

a) Trotz Freiheit des Einzelnen kann man einen regelmäßigen Gang der Geschichte erkennen.

b) Die ganze Gattung entwickelt langsam aber stetig die ursprünglichen Anlagen.

#1.3 Beispiel:

Der freie Wille beeinflusst sehr die Ehen, daher die kommenden Geburten und Sterbefälle. So fern scheinen diese keine Regel unterworfen zu sein. In großen Ländern aber zeigen die jährlichen Tafel, dass Geburten und Todesfälle nach beständigen Gesetzen geschehen. Ähnlich verhält es sich mit den Witterungen: im Einzelnen unbeständig, insgesamt fördern sie stetig den Wachstum der Pflanzen und den Lauf der Ströme.

#1.4 Menschen und Völker verfolgen die eigene Absicht, unbemerkt aber auch die Naturabsicht, die sie nicht kennen und wenig passend finden würden.

1#2

ZF50: Die Menschen handeln weder instinktmäßig noch wie vernünftige Weltbürger mit verabredetem Plan. Seine Taten sind im Großen und Ganzen abscheulich. Dem Philosophen bleibt also nur übrig, zu prüfen, ob es eine Naturabsicht gibt. Diesen Leitfaden möchten wir nun ausmachen. Eine Geschichte nach diesem Plan zu schreiben, überlassen wir anderen.

#2.1 Die Menschen handeln nicht instinktmäßig.

Sie verfolgen aber auch nicht wie vernünftige Weltbürger ein verabredetes Plan.

So scheint eine planmäßige Geschichte nicht möglich.

#2.2 Die Menschengattung ist sehr eingebildet, doch das Schauspiel ihres Handelns ist im Großen und Ganzen widerwillig und zeigt nur gelegentlich ein wenig Einsicht.

Man kann sich eines gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn man ihr Thun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im Einzelnen doch endlich alles im Großen aus Thorheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt findet: wobei man am Ende nicht weiß, was man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten Gattung für einen Begriff machen soll. [1#2.2]

#2.3 Der Philosoph wird in den Menschen keine vernünftige Absicht finden. Er sollte daher prüfen, ob es nicht eine Naturabsicht ist, der die Menschen unabsichtlich verfolgen.

#2.4 Wir wollen jetzt versuchen, den Leitfaden der Geschichte ausfindig zu machen. Ein anderer möge die Geschichte nach dem Plan der Natur abfassen.

#2.5 Vergleich:

Kepler entdeckte etwas Unerwartetes: dass die Planeten exzentrischen Bahnen laufen. Newton erklärte diese Gesetze aus einer allgemeinen Naturursache.

2# Erster Satz

ZF50: Die Natur ist zweckmäßig (sie als zweckloses Spiel ist undenkbar). Jede Naturanlage hat einen Zweck, den sie erfüllen kann. Dies bestätigt die innerliche und äußerliche Beobachtung aller Tieren.

Alle Naturanlagen eines Geschöpfes sind bestimmt, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln. [2#1.1]

Äußere wie innere Beobachtung der Tiere bestätigt dieses.

[Das Gegenteil wäre undenkbar:]

Denn wenn wir von jenem Grundsatze abgehen, so haben wir nicht mehr eine gesetzmäßige, sondern eine zwecklos spielende Natur; und das trostlose Ungefähr tritt an die Stelle des Leitfadens der Vernunft. [2#1.4]

3# Zweiter Satz

ZF50: Die natürlichen Anlagen der Vernunft sind nicht im einzelnen Menschen, sondern in der Gattung zu finden. Sie wirken nicht instinktmäßig, sondern bedürfen Versuche, Übung und Unterricht. Viele Zeugungen sind nötig, bis die Naturanlagen zur vollständigen Entwicklung gebracht sind. Dieser künftige Zeitpunkt muss Ziel unserer Bestrebungen sein.

Am Menschen (als dem einzigen vernünftigen Geschöpf auf Erden) sollten sich diejenigen Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nur in der Gattung, nicht aber im Individuum vollständig entwickeln. [3#1.1]

Im Einzelnen:

Die Vernunft ist ein Vermögen, die Regeln und Absichten des Gebrauchs aller seiner Kräfte über den Instinkt grenzenlos zu erweitern.

Die Vernunft ist nicht instinktmäßig; sie bedarf Versuche, Übung und Unterricht.

In der Gattung:

Eine vielleicht unabsehliche Reihe von Zeugungen sind nötig, bis die Vernunft ihrer Absicht entsprechend vollständig entwickelt ist.

Dieser Zeitpunkt muss das Ziel aller Bestrebungen sein; denn sonst müsste man eine Naturanlage als zwecklos ansehen und „die Natur, deren Weisheit in Beurtheilung aller übrigen Anstalten sonst zum Grundsatze dienen muß, am Menschen allein eines kindischen Spiels verdächtig machen würde.“ [3#1.5]

4# Dritter Satz

ZF50: Die Natur hat den Menschen allein mit Vernunft ausgestattet, so dass er sich alles mühselig erarbeiten muss. Jede Generation erreicht eine höhere Stufe, deren Genuß sie künftigen Generationen überlässt. Alles scheint eher auf Selbstschätzung und Würde denn auf Wohlbefinden ausgelegt zu sein, und darauf, dass die Gattung, unsterblich, zur vollständigen Entwicklung gelange.

4#1.1 Die Natur hat es so gewollt: der Mensch muss sich alle Glückseligkeit und Vollkommenheit selbst nur durch Vernunft, ohne Instinkt, verschaffen:

Die Natur hat gewollt: daß der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines thierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe und keiner anderen Glückseligkeit oder Vollkommenheit theilhaftig werde, als die er sich selbst frei von Instinct, durch eigene Vernunft, verschafft hat. [4#1.1]

4#1.2-3 Die Natur hat den Menschen mit Vernunft und dem darauf gründenden freien Willen ausgestattet. Dies deutet schon auf ihre Absicht hin: der Mensch soll alles aus sich selbst herausbringen und nicht durch Instinkt geleitet werden.

4#1.4 Der Mensch hat nur Hände, weder Hörner wie ein Stier, Klauen wie ein Löwe noch ein Gebiss wie das des Hundes.

Er muss sich alles erarbeiten: Nahrungsmittel, Bedeckung, Sicherheit, Verteidigung, jedes Vergnügen, die Einsicht, Klugheit, gar die Gutartigkeit seines Willens.

4#1.5 Der Mensch ist von der Natur höchst sparsam ausgestattet worden, so dass er sich von der größten Rohigkeit zur größten Geschicklichkeit und Vollkommenheit der Denkart empor arbeiten muss.

Hiermit scheint die Natur eher auf eine vernünftige Selbstschätzung als auf ein Wohlbefinden zu zielen.

4#1.6-7 Der Mensch muss im Gang seiner Angelegenheiten viele Mühseligkeiten erleben.

Damit scheint die Natur zu wollen, dass der Mensch sich des Lebens und Wohlbefindens würdig mache, und nicht dass der Mensch wohl lebe.

4#1.8 Es ist befremdend:

Jede Generation scheint um der künftigen Generationen willen zu arbeiten. An dem Glück, das man vorbereitet, nimmt man selber nicht teil.

4#1.9 Dies lässt sich so erklären:

Eine Tiergattung soll Vernunft haben. Die vernünftigen Wesen sollen sterben, die Gattung aber unsterblich sein und die vollständige Entwicklung ihrer Anlagen erreichen.

5# Vierter Satz

ZF50: Der Antagonismus (ungesellige Geselligkeit) ist das von der Natur eingesetzte Mittel, um die menschlichen Anlagen zu entwickeln. Die Talente des Menschen würden im Keime unenfaltet bleiben, gäbe es den Widerstand zwischen den Menschen nicht. Dieser lässt zwar Übel entstehen, treibt jedoch auch zur Entwicklung der Naturanlagen an.

5#1.1 Der Antagonismus ist das von der Natur eingesetzte Mittel, um die menschlichen Anlagen zu entwickeln:

Das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwickelung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, ist der Antagonism derselben in der Gesellschaft, so fern dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzmäßigen Ordnung derselben wird. [5#1.1]

5#1.2-3 Antagonismus ist die ungesellige Geselligkeit. Sie gehört zur Natur des Menschen.

5#1.4-5 Der Mensch hat den Hang zur Vergesellschaftung sowohl als auch zur Vereinzelung.

In Gesellschaft entwickelt der Mensch seine Naturanlagen. Andererseits will der Mensch nach eigenem Urteil handeln und anderen Widerstand leisten.

5#1.6 Der Widerstand gegen andere weckt alle Kräfte des Menschen, der die Faulheit überwindet, um sich einen Rang unter anderen zu verschaffen.

5#1.7 So geschehen die ersten Schritte zur Kultur, Talente und Geschmack werden entfaltet. Durch Aufklärung entsteht eine Denkart, die die zunächst pathologisch gezwungene Zusammenkunft in eine moralische, durch Prinzipien geleitete Gesellschaft verwandelt.

5#1.8-10 Ohne die Ungeselligkeit würden die Menschen „gutartig wie die Schafe“ dahin leben und all seine Talente im Keime bleiben.

Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortreffliche Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern. [5#1.9-10]

5#1.11-12 Der Mensch will Eintracht, die Natur aber Zwietracht.

5#1.13 Die Quellen der Ungeselligkeit und des durchgängigen Widerstandes lassen zwar viele Übel entstehen, treiben jedoch auch zur Entwicklung der Naturanlagen an.

Dieses verrät wohl die Anordnung eines weisen Schöpfers — und nicht etwa eines bosartigen Geistes.

6# Fünfter Satz

ZF50: Nur in einer Gesellschaft, in der die größte Freiheit durch unwiderstehliche Gewalt gewährleistet wird, kann der Antagonismus der Einzelnen frei wirken. Alle Naturanlagen des Menschen lassen sich nur unter einer vollkommen gerechten bürgerlichen Verfassung entfalten. Deshalb ist das größte Problem für die Menschengattung die Erreichung einer bürgerlichen Gesellschaft.

6#1.1 Das größte Problem der Menschengattung ist die Erreichung einer Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft.

Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft. [6#1.1]

[Hintergrund. Bürgerliche Gesellschaft: nicht zeigen

Eine vom Bürgertum angestrebte und in den bürgerlichen Revolutionen in England (1688/89), Nordamerika (1776) und Frankreich (1789) teilweise durchgesetzte Gesellschaftsvorstellung mit den Leitprinzipien Eigentumsordnung, persönliche (Denk- und Glaubens-)Freiheit, Vertragsfreiheit, Rechtsordnung. Entscheidende Impulse erhielt die bürgerliche Gesellschaft von T.Hobbes, G.W. Leibniz, J.Locke, J.-J. Rousseau, A.Smith und G.W.F. Hegel. Hobbes untersuchte den Zusammenhang von individueller Freiheit und Autonomie und einer alle verpflichtenden Staatsordnung. Leibniz betonte, Freiheit sei durch den Gebrauch der Vernunft zu ergänzen, damit Freiheit nicht in Willkür umschlage. Hobbes und Locke sahen das Eigentum als Fundament von Freiheit und führten den Gedanken der Vertragsfreiheit ein, der von Rousseau zur Idee des Gesellschaftsvertrags weiterentwickelt wurde. Smith verwies auf die Bedeutung von Wettbewerb und Markt für die bürgerliche Gesellschaft und Hegel auf eine die Freiheit sichernde Rechtsordnung.

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim, 2005

]

6#1.2 Die höchste Aufgabe der Natur für die Menschengattung kann nur eine vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung sein.

Denn nur in einer Gesellschaft, in der die größte Freiheit gewährleistet wird, kann der Antagonismus der Einzelnen frei wirken und lassen sich alle Anlagen entwickeln. Die Sicherung der Freiheit für alle geht mit äußeren, durch unwiderstehliche Gewalt gehüteten Gesetzten einher.

6#1.3 Die freie Ausübung der Freiheit führt dazu, dass die Menschen einander dazu zwingen, eine bürgerliche Gesellschaft einzurichten.

6#1.4 In einer bürgerlichen Vereinigung erzielen die Neigungen des Menschen die beste Wirkung.

Allein in einem solchen Gehege, als bürgerliche Vereinigung ist, thun eben dieselben Neigungen hernach die beste Wirkung: so wie Bäume in einem Walde eben dadurch, daß ein jeder dem andern Luft und Sonne zu benehmen sucht, einander nöthigen beides über sich zu suchen und dadurch einen schönen geraden Wuchs bekommen; statt daß die, welche in Freiheit und von einander abgesondert ihre Äste nach Wohlgefallen treiben, krüppelig, schief und krumm wachsen. [6#1.4]

6#1.5 Kultur und Kunst sind Früchte der Ungeselligkeit, die zur Disziplinierung und dadurch zur Entwicklung der Naturanlagen führt.

Alle Cultur und Kunst, welche die Menschheit ziert, die schönste gesellschaftliche Ordnung sind Früchte der Ungeselligkeit, die durch sich selbst genöthigt wird sich zu discipliniren und so durch abgedrungene Kunst die Keime der Natur vollständig zu entwickeln. [6#1.5]

7# Sechster Satz

ZF50: Dieses Problem ist das schwerste, seine vollkommene Auflösung unmöglich: Um den allgemeinen Willen durchzusetzen, bräuchte man einen Herr, aber jeder Mensch würde seine Freiheit als Oberhaupt missbrauchen. Das Problem wird aber auch am spätesten aufgelöst, weil man dazu die richtigen Begriffe, weitläufige Erfahrung und guten Willen benötigt.

Dieses Problem ist zugleich das schwerste und das, welches von der Menschengattung am spätesten aufgelöset wird. [7#1.1]

Der Mensch als vernünftiges Wesen wünscht sich ein Gesetz, das die Freiheit einschränkt. Die tierische Neigung verleitet ihn aber dazu, sich eigennützig zu benehmen.

Deshalb: Der Mensch ist ein Tier, das einen Herr braucht. Der Herr nötigt ihn, einen allgemeinen (und nicht den eigenen) Willen zu gehorchen.

Ein Herr kann nur in der Menschengattung gefunden werden. Diese bedarf aber wiederum eines Herrn. Wen auch immer man sich als Herr aussucht, wird er seine Freiheit missbrauchen.

Das höchste Oberhaupt soll aber gerecht für sich selbst und doch ein Mensch sein. Diese Aufgabe ist daher die schwerste unter allen; ja ihre vollkommene Auflösung ist unmöglich […] [7#1.9-10]

In uns hat die Natur die Annäherung zu dieser Idee gesetzt.

Diese Idee kommt deshalb so spät zur Geltung, weil sie 1. die richtigen Begriffe, 2. große Erfahrenheit und 3. guten Willen voraussetzt.

[Anmerkung] { nicht zeigen

Vielleicht erreichen die Einwohner anderer Planeten seine Bestimmung als Einzelne im Laufe seines Lebens. Bei uns Menschen kann hingegen nur die Gattung dies zu erreichen hoffen.

Wenn wir diesen Auftrag der Natur gut ausführen, werden wir wohl unter unseren Nachbarn im Weltgebäude einen guten Rang erreichen.

}

8# Siebenter Satz

ZF50: Gegenwärtig sind wir zwar zivilisiert, aber nicht moralisch. Eine bürgerliche Verfassung kann nur in einem Staatenverbund, der den zwischenstaatlichen Gleichgewicht gewährt, vollkommen werden. Die Natur leitet uns dazu indirekt durch den Antagonismus, der durch Kriege die Staaten (so bald sie das Gemeinwesen umstellen) zu einer vereinigten Gewalt treiben wird.

8#1

ZF50: Das Problem der Errichtung einer bürgerlichen Verfassung geht mit gesetzmäßigen äußeren Staatenverhältnissen einher. So wie die Ungeselligkeit die Menschen zum Gemeinwesen leitet, führen auch die Kriege (ohne Absicht, mühselig und schmerzhaft) die Staaten zu einem Völkerbund — jenem Zustand, den der Abbé von St. Pierre und Rousseau sich schon vorgestellt haben.

Das Problem der Errichtung einer vollkommnen bürgerlichen Verfassung ist von dem Problem eines gesetzmäßigen äußeren Staatenverhältnisses abhängig und kann ohne das letztere nicht aufgelöset werden. [8#1.1]

Die Ungeselligkeit nötigt den Menschen zu einem Gemeinwesen. Was nutzt dieses aber, wenn die Staaten zueinander sich auch bekämpfen?

Die Natur hat also die Uvertragsamkeit der Menschen, selbst der großen Gesellschaften und Staatskörper dieser Art Geschöpfe wieder zu einem Mittel gebraucht, um in dem unvermeidlichen Antagonism derselben einen Zustand der Ruhe und Sicherheit auszufinden; […] [8#1.4]

Durch Kriege und Not treibt die Natur den Menschen dazu, in einen Völkerbund zu tretten. Was uns „die Vernunft auch ohne so viel traurige Erfahrung hätte sagen können.“ [8#1.4]

Diese Idee hat man beim Abbé von St. Pierre und Rousseau als schwärmerisch ausgelacht. Es ist aber der unvermeidliche Ausgang der Not, worin die Menschen sich einander versetzen.

8#2

ZF50: Die Zweckmäßigkeit der Natur im Ganzen ist nicht offensichtlich. So wie einst die Feindseligkeit die Menschen aus dem Zustand der Wilden zu einem bürgerlichen Staat trieb, so hemmen die gegenwärtigen Kriege die Entwicklung menschlicher Anlagen, gerade sie aber werden, sobald man das Gemeinwesen umstellt, zu einem sicheren, weltbürgerlichen Staatenverbund führen.

8#2.1

Mögliche Erklärungen zum Gang der Geschichte:

a) Durch Analogie zum epikurischen Zusammenlauf wirkender Ursachen. Die Staaten wie die Materie: kleine Stäubchen lassen durch zufälligen Zusammenstoß Bildungen entstehen und verschwinden. (Auf dieser Weise zu einer stabilen Form zu kommen, ist wohl sehr unwahrscheinlich.)

b) Die Natur verfolgt einen regelmäßigen Gang aus der Tierheit bis hin zur höchsten Stufe der Menschheit. Der einzelne Mensch weiß zwar nichts davon und erkennt im Geschehen keine Ordnung, er selbst aber entwickelt langsam seine ursprünglichen Anlagen.

c) Der Gang der Geschichte führt zu nichts Klugem, die Zwietracht wird immer zunehmen, die Errungenschaften der Kultur werden wieder vernichten werden.

Die obigen Erklärungsweisen laufen alle auf die Frage hinaus:

Ist es vernünftig, in der Natur Zweckmäßigkeit in den Teilen und Zwecklosigkeit im Ganzen anzunehmen?

8#2.2

Der Zustand der Wilden war zwecklos und hielt die Naturanlagen in der Gattung zurück. Dieser Zustand versetzte aber auch die Menschen in Übel, was sie dazu führte, diesen Zustand zu verlassen und in eine bürgerliche Verfassung zu treten. In dieser Verfassung können alle Naturanlagen entwickelt werden.

Ähnlicht verhält es sich mit den Staaten. Alle Kräfte der geimeinen Wesen werden in Aufrüstung investiert; der Krieg verwüstet; man muss sich für den Krieg immer bereit halten. Dies hemmt zwar die Entwicklung der Naturanlagen, verursacht aber Übel, die die Menschengattung nötigen, zwischen den Staaten Gleichgewicht zu erreichen. Dieses kann nur mit einer vereinigten Gewalt und mit einem weltbürgerlichen Zustand der öffentlichen Staatssicherheit erzielt werden.

Der weltbürgerliche Zustand ist nicht ohne Gefahr (damit die Kräfte der Menschheit nicht einschlafen). Wirkung und Gegenwirkung zwischen den Staaten gleichen sich aus, so dass diese einander nicht zerstören.

Zurück zu 8#2.

8#2.3-10

Die vorletzte Stufe der Entwicklung (die gegenwärtige) leidet unter den härtesten Übeln, die sich unter scheinbarem Wohlstand verstecken. Rousseau zog den Zustand der Wilden vor. Nicht zu Unrecht, wenn man die letzte Stufe der Entwicklung weglässt. [8#2.3]

Wir sind heute kultiviert, aber nicht moralisiert. Wir sind in der Zivilisation, in Kunst und Wissenschaft, nicht aber in der moralischen Kultur fortgeschritten. Denn die äußere Anständigkeit ist noch keine richtige Moralität. [8#2.4-7]

Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus. [8#2.4-7]
[Anmerkung.

Über den obigen Gegensatz Kultur/Zivilisation siehe Elias (1936, 1968): Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, S. 95.

Gegenwärtig verwenden die Staaten alle ihre Kräfte in kriegerischen Absichten. So lange sie eine Umstellung des Gemeinwesens nicht unternehmen, wird der aktuelle, die innere Bildung des Bürgers hemmende Zustand überdauern. [8#2.8]

Doch es gibt nichts Gutes, wenn es nicht aus einer moralisch-guten Gesinnung herauskommt [richtig? s. u.]. [8#2.9]

[Problem mit dem Satz: „Alles Gute aber, das nicht auf moralisch-gute Gesinnung gepfropft ist, ist nichts als lauter Schein […]“ [8#2.9] Was heißt hier: auf etwas gepfroft sein? Wenn man X auf Y pfrofpt, um Y zu veredeln, ist X das Edel, doch die moralisch-gute Gesinnung sollte das Edel, nicht das zu Veredelnde sein, oder?]

9# Achter Satz

ZF50: Der bekannte Zeitraum ist noch zu kurz und uns fehlt noch Erfahrung, doch es zeichnet sich in der Weltgeschichte schon eine Richtung ab, nämlich zum weltbürgerlichen Zustand. Gegenwärtig führt das Verhältnis zwischen den Staaten zur Aufklärung, da kein Staat in der inneren Kultur nachlassen oder die bürgerliche Freiheit abschaffen kann.

Man kann die Geschichte der Menschengattung im Großen als die Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur ansehen, um eine innerlich und zu diesem Zwecke auch äußerlich-vollkommene Staatsverfassung zu Stande zu bringen, als den einzigen Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann. [9#1.1]

Die Philosophie kann deshalb eine Art Chiliasmus haben, da ist aber nichts Schwärmerisches darin, denn diese Idee ist ihrer eigenen Herbeiführung beförderlich. [9#1.3]

[Hintergrund. nicht zeigen

„[…] der also nichts weniger als schwärmerisch ist.“ [9#1.3]

„nichst weniger“ bedeutet hier „keineswegs“. S. Grimm WB, wenig, adj., II. B. 4) b) .'gø) (Bd. 29, Sp. 28, 1)

]

[Hintergrund. Chiliasmus nicht zeigen

/ç-, griechisch/, der, die Lehre von einer tausendjährigen Herrschaft Christi auf Erden am Ende der geschichtlichen Zeit (Offenbarung des Johannes 20,110); im Mittelalter am deutlichsten formuliert von Joachim von Floris: Nach dem Zeitalter des Vaters (des Alten Testaments) und des Sohnes (des Neuen Testaments) sollte das tausendjährige Zeitalter des Heiligen Geistes beginnen. Religiöse Bewegungen der Neuzeit, die den Anbruch eines Friedensreiches auf Erden erwarten, werden häufig chiliastisch genannt. Als politischen Chiliasmus bezeichnet man die Hoffnung auf und den Einsatz für die diesseitige Verwirklichung eines (ewigen) Friedensreiches, ohne dieses religiös zu begründen.

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim, 2005

]

Es geht darum, zu prüfen, ob diese Aussage sich durch Erfahrung bestätigen lässt.

Die Aussage zu bestätigen, würde eine sehr lange Zeit der Beobachtungen erfordern. Die bisherige Erfahrung ist viel zu kurz dafür.

Analogie

Wir haben den Lauf der Sonne samt Planeten um das Fixsternensystem nur ganz wenig beobachten können, jedoch genung, um aussagen zu können, dass es diesen Lauf gibt.

Jetzt scheint es, wir können durch unsere Vernunft jenen für unsere Nachkommen erfreulichen Zeitpunkt schneller herbeiführen.

Um so wichtiger ist es also, die Aussage durch Erfahrung zu bestätigen.

Aktueller Zustand

Die Staaten stehen so in Verhältnis zu einander, dass:

1. keiner in der inneren Kultur nachlassen kann (er würde Macht verlieren);

2. keiner die bürgerliche Freihet abschaffen kann (er würde an Lebhaftigkeit und somit an Stärke verlieren).

Daher wird die persönliche Einschränkung in seinem Thun und Lassen immer mehr augehoben, die allgemeine Freiheit der Religion nachgegeben; und so entspringt allmählig mit unterlaufendem Wahne und Grillen Aufklärung, als ein großes Gut, welches das menschliche Geschlecht sogar von der selbstsüchtigen Vergrößerungsabsicht seiner Beherrscher ziehen muß, wenn sie nur ihren eigenen Vortheil verstehen. [9#1.12]

Die Aufklärung wird allmählich bis zur Regierung selbst vordringen und ein allgemeiner weltbürgerlicher Zustand wird Gestalt nehmen.

Obgleich dieser Staatskörper für jetzt nur noch sehr im rohen Entwurfe dasteht, so fängt sich dennoch gleichsam schon ein Gefühl in allen Gliedern, deren jedem an der Erhaltung des Ganzen gelegen ist, an zu regen; und dieses giebt Hoffnung, daß nach manchen Revolutionen der Umbildung endlich das, was die Natur zur höchsten Absicht hat, ein allgemeiner weltbürgerlicher Zustand, als der Schooß, worin alle ursprüngliche Anlagen der Menschengattung ntwickelt werden, dereinst einmal zu Stande kommen werde. [9#1.16]

10# Neunter Satz

ZF50: Dieser Plan der Natur könnte als Leitfaden für eine philosophische Geschichtsschreibung dienen, die nicht als politische Vorhersage oder kausale Erklärung und nicht als einzige Art, Geschichte zu betreiben, sondern als Bereicherung zu verstehen ist. Außerdem beschleunigte eine solche Geschichte das Erreichen des Endzustandes und ernteten die Verfasser und ihre Zeit Weltruhm.

10#1

Ein philosophischer Versuch, die allgemeine Weltgeschichte nach einem Plane der Natur, der auf die vollkommene bürgerliche Vereinigung in der Menschengattung abziele, zu bearbeiten, muß als möglich und selbst für diese Naturabsicht beförderlich angesehen werden. [10#1.1]

Aus der Geschichte der Menschheit seit Griechenland über Rom scheint trotz Höhen und Tiefen schon eine gewisse Entwicklung zum Besseren aufzukommen.

[Anmerkung] { nicht zeigen

Die Geschichte fängt mit den Griechen an. Ältere, isolierte Nachrichten sind zu unglaubwürdig. Erst die ununterbrochene Überlieferung durch ein gelehrtes Publikum macht die Geschichte glaubhaft.

Das erste Blatt im Tuchydides (sagt Hume) ist der einzige Anfang aller wahren Geschichte. [10#1/1#1.5]

}

Diese Feststellung kann zwar nicht zu einer politischen Vorhersage dienen, schon gar nicht zur Erklärung des Spiels menschlicher Dinge, stellt jedoch die tröstende Aussicht dar, dass alle Keime, die die Natur in der Menschengattung legte, einmal zur völligen Bestimmung auf Erden kommen werden.

Dies passt gut zusammen mit der Tatsache, dass es in der Natur in kleinen Zweckmäßigkeit gibt, während in wichtigen Angelegenheiten wie die Geschichte des menschlichen Geschlechts es keine Ordnung zu geben scheint:

Eine solche Rechtfertigung der Natur — oder besser der Vorsehung — ist kein unwichtiger Bewegungsgrund, einen besonderen Gesichtspunkt der Weltbetrachtung zu wählen. Denn was hilfts, die Herrlichkeit und Weisheit der Schöpfung im vernunftlosen Naturreiche zu preisen und der Betrachtung zu empfehlen, wenn der Theil des großen Schauplatzes der obersten Weisheit, der von allem diesem den Zweck enthält, — die Geschichte des menschlichen Geschlechts — ein unaufhörlicher Einwurf dagegen bleiben soll, dessen Anblick uns nöthigt unsere Augen von ihm mit Unwillen wegzuwenden und, indem wir verzweifeln jemals darin eine vollendete vernünftige Absicht anzutreffen, uns dahin bringt, sie nur in einer andern Welt zu hoffen? [10#1,6-7]

10#2

Die hier vorgestellte Idee einer Weltgeschichte hat gewissermaßen einen Leitfaden a priori.

Diese Idee könnte als Standpunkt für eine philosophische Geschichtschreibung dienen. Es ist nur ein Vorschlag, mit dem wir keineswegs andere Möglichkeiten der Geschichtschreibung (etwa eine bloß empirisch abgefasste) ausschließen wollen.

Es gibt auch noch einen Grund, warum man eine Geschichte unter diesem Gesichtspunkt verfassen sollte:

Die künftigen Zeiten (für die die alten Urkunden nicht mehr zugänglich sein werden) werden die geschriebene Geschichte nutzen, um die Vergangenheit kennenzulernen. Ihnen wird nur eins interessieren: Was Völker und Regierungen in weltbürgerlicher Absicht geleistet haben.

Dies kann man mit dem Wunsch der Menschen (Staatsoberhäupter wie Diener) nach Ruhm verbinden, indem man eine solche Geschichte schreibt.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala