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Immanuel Kant (1724-1804)

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784,2) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation November 2005 durchgeführt.

1784 (60) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 10 S.
Originaltitel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 04 (Dezember) S. 481-494.
Katalog-Nr. Adickes: 0051 / Warda: 085
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 033-042 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In diesem Aufsatz definiert Kant die Aufklärung als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Man soll den eigenen Verstand einsetzen, dies erfordert Mut und Fleiß. Die Aufklärung befördert man durch den öffentlichen Gebrauch der Vernunft, der uneingeschränkt sein soll. Obwohl der private Gebrauch der Vernunft — etwa im Militär oder der Kirche — durchaus beschränkt sein kann, soll jedermann die Möglichkeit haben, vor dem Publikum die eigene Meinung vorzutragen. Dies trägt zur Verbesserung aller Organisationen bei und ist außerdem ein unveräußerliches Recht des Menschen.

Textablauf

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. VI), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 51 ff.

Erster Absatz:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. [1#1]

Die Aufklärung besteht darin, dass der Einzelne den eigenen Verstand einsetzt und so mündig wird. Dies erfordert Mut. Ein großer Teil der Menschen bleiben gern das ganze Leben lang unmündig, und zwar aus Faulheit und Feigheit. Die Vormünder machen außerdem die Bevormundeten dumm und flößen in ihnen Furcht davor, allein zu gehen, ein.

Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. [1#3.3]

Zur Aufklärung des Publikums benötigt man nur Freiheit (und viel Zeit). Eine Revolution kann keine wahre Reform der Denkart hervorbringen (nur Vorurteile umtauschen).

Die Aufklärung befördert man durch den freien öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Der Privatgebrauch der Vernunft (innerhalb eines Amtes) kann aber durchaus eingeschränkt sein: so muss etwa ein Offizier oder ein Geistlicher zunächst gehorchen; als Gelehrter soll aber auch derselbe Mensch öffentlich seine kritischen Ansichten vor dem Publikum ausdrücken können. So kann man alle Organisationen langsam verbessern. Keine öffentliche Diskussion zuzulassen und auf eine feste Organisationsform für immer zu bestehen, wäre „ein Verbrechen wider die menschliche Natur”. Auch ein Monarch darf die Öffentlichkeit nicht beschränken.

Die Gegenwart ist das Zeitalter der Aufklärung (das Jahrhundert Friederichs), denn die Hindernisse der Aufklärung werden allmählich weniger; ein aufgeklärtes Zeitalter aber lange noch nicht.

Paradoxerweise wirkt sich zu viel Freiheit negativ auf die Freiheit des Geistes. Man muss allmählich mehr und mehr Freiheit zulassen, bis der Mensch seine Anlage zur Vernunft völlig (vom Volk bis zur Regierung) entfaltet hat.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala