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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation November 2005 durchgeführt.

1786 (62) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 17 S.
Originaltitel: Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 07 (Januar) S. 1-27.
Katalog-Nr. Adickes: 0059 / Warda: 101
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 107-123 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Entstehung der Freiheit. Vom Bösen zum Guten.

Dieser Aufsatz stellt vernünftige Mutmaßungen an über die stufenweise Entwicklung der Freiheit aus der ursprünglichen Anlage des Menschen zur sittlichen Gattung. Indem der Mensch die Vernunft einsetzt, sondert er sich allmälich von der Tierheit ab. Dadurch entsteht zwar zunächst das Böse (durch den Menschen verursacht), langfristig aber das Gute.

Zusammenfassung

In diesem Aufsatz wird die Entwicklung der Freiheit aus ihrer ursprünglichen Anlage in der Natur des Menschen nachvollzogen — etwas, das anders als die Geschichte der Freiheit in ihrem Fortgang durchaus allein mit Vernunftgründen gewagt werden kann, obwohl die Naturphilosophie da nur Mutmaßungen anstellen und keine sichere Ergebnisse erzielen kann. Leitfaden ist das erste Buch Mose.

Ausgangspunkt war ein einziges existierendes Paar ausgebildeter Menschen, die bereits das Stehen und Gehen, Reden und Denken selbst erworben hatten. Die Vernunft trieb dem Menschen dazu, weitere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, als er durch bloßen Instinkt getan hätte. Dies war der erste Auftritt der Vernunft, die mithilfe der Einbildungskraft Begierde erweckt, die dem Naturtrieb nicht folgen, ja ihm entgegengesetzt sind. Die nächste Schritte der Vernunft waren: die Geburt der Sittlichkeit (Grundlage der Geselligkeit), die Erwartung des künftigen Lebens und das Bewusstsein, Zweck der Natur zu sein (Grundlage der Gleichheit der Menschen). Damit hatte der Mensch die Entwicklung aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit vollzogen.

Durch diesen Ausgang des Menschen aus der rohen Tierheit ist zunächst das Böse (Menschenwerk) entstanden, denn die Natur (Gotteswerk) ist gut. Der neue Zustand ist ein Gewinn für die Gattung (Zweck der Natur) aber ein Verlust für den einzelnen Menschen. Diese zwei Seiten spiegeln sich auch in den Schriften Rousseaus wider. Die Natur hat im Menschen zwei Anlagen zu zwei verschiedenen Zwecken gestellt: der Menschheit als Tiergattung und als sittlicher Gattung.

Die folgende Periode der Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass man Gemächlichkeit und Friede verließ und in den Zeitabschnitt der Arbeit und der Zwietracht (vom Hirtenleben zum Ackerbau) überging. Der Ackerbau benötigt feste Wohnsitze, Eigentum des Landes und Militärkraft, um sich von den Feinden zu wehren, womit der Schritt zur Kultur vollzogen wurde.

Kant bemerkt am Schluss, dass eine solche Darstellung der Geschichte nützlich ist, indem sie zeigt, dass alles Übel aus dem Menschen stammt und die Vorsehung alles zum Guten geplant hat. So entsteht Zufriedenheit mit dem Gang der menschlichen Dinge im Ganzen und die Überzeugung, man schreitet vom Schlechten zum Besseren. Beispielsweise ist zwar der Krieg ein Übel, aber auch ein unentbehrlicher Motor der Kultur. Es ist auch nicht schlimm, dass das Leben so kurz ist, denn bei einer Lebensdauer von einigen hundert Jahren könnte die Erde die Überfüllung nicht verkraften. Auch nicht wünschenswert ist, zum anfänglichen goldenen Zeitalter zurückzukehren, weil der Mensch in ihm kein Gleichgewicht findet, sondern unbedingt sich zu erweitern sucht.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala