Sie besuchen eine archivierte Seite!

Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Was heißt: sich im Denken orientieren? (1786,3) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2005 durchgeführt.

1786 (62) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 17 S.
Originaltitel: Was heisst: sich im Denken orientieren?
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 08 (Oktober) S. 304-330.
Katalog-Nr. Adickes: 0062 / Warda: 111
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 131-147 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Orientierung setzt ein Gefühl voraus.

Für die Orientierung reichen objektive Gründe nicht aus und sind subjektive Gründe nötig. So wie die geographische Orientierung das Gefühl der rechten und linken Hand voraussetzt, so bedarf die Vernunft für die Orientierung auch eines Gefühls, und zwar des Gefühls ihres eigenen Bedürfnisses. Die Orientierung ensteht also aus keiner geniemäßigen Intuition (Auffassung, die außerdem zur Schwärmerei und Dogmatismus führt), sondern aus der Vernunft selbst. Die Vernunft soll immer der letzte Probierstein der Wahrheit sein; Aufklärung ist die Maxime, jederzeit selbst zu denken.

Zusammenfassung

In diesem Aufsatz spricht sich Kant aus gegen den von Mendelssohn erst in den letzten Schriften aufgestellten Grundsatz, nach dem der gemeine Menschenverstand die Instanz zur Orientierung in Sachen spekulativer Vernunft ist. Dieser Grundsatz wendet sich — wie man im Streit zwischen Mendelssohn und Jakobi sehen kann — letzlich gegen die Vernunft und mündet in Schwärmerei. Kant gibt hier eine genauere Bestimmung dessen, was die Instanz zur Orientierung der Vernunft ist, was ihm Anlass gibt, einige Begriffe der Kritik der reinen Vernunft zu präzisieren und einige Reaktionen auf dieses Werk als unbegründet zurückzuweisen.

Mit der Orientierung ist es so, dass sie immer ein Gefühl seitens der Beobachter voraussetzt. So ist es mit der Orientierung im eigentlichen Sinne: sehe ich die Sonne am Himmel zu Mittagszeit, so kann ich aus der Richtung Süd auf die Richtungen Nord, Ost und West schließen, wobei ich mich auf das Gefühl der rechten und linken Hand stütze, ohne das ich Ost und West nie ausmachen könnte, weil sie sich aus dem Erfahrenen selbst nicht ergeben. So ist es auch mit der Orientierung in erweitertem Sinne, sich im Denken, d. h. logisch orientieren. Sich im Denken orientieren heißt, auf ein subjektives Prinzip der Vernunft zugreifen, wenn die objektiven Prinzipien der Vernunft nicht ausreichen. Dieses subjektive Prinzip ist: das Gefühl des eigenen Bedürfnisses der Vernunft.

Gerade von diesem Gefühl hatte sich Mendelssohn im spekulativen Denken leiten lassen. Seine Ausführungen sind nützlich und überaus scharfsinnig, sein Fehler liegt (wie bei Descartes auch) darin, für Einsicht etwas zu halten, das nur Bedürfnis der Vernunft ist. Dieses Fürwahrhalten muss man nicht mit Wahrheit verwechseln, sonst öffnet man der Schwärmerei und dem Dogmatismus Tür und Tor. Mendelssohn und Jakobi agieren für die Freiheit zu denken, ihre gute Absicht kann aber im Gegenteil umkehren. Die Freiheit zu denken ist (neben der Freiheit von allem bürgerlichen oder Gewissenszwang) die Unterwerfung der Vernunft allein unter ihre eigene Gesetze. Es ist ein Irrtum, zu glauben, ein Genie sei von der Lenkung durch die Vernunft frei. Wenn die Vernunft auf seinem Bedürfnis verzichtet, entsteht der Vernunftunglaube, ein mißlicher Zustand, der die moralischen Gesetze entkräftet und Freigeisterei (den Grundsatz, gar keine Pflicht mehr zu erkennen) veranlasst, was wiederum die Obrigkeit zur Wiederherstellung der Ordnung aufruft, womit die Freiheit zu denken aufgehoben und den Landesverordnungen unterworfen wird. Der Aufsatz schließt mit einem Appell an die Freunde des Menschengeschlechts, der Vernunft micht abzusprechen, der letzte Probierstein der Wahrheit zu sein. Dies macht die Vernunft zum höchsten Gut auf Erden.

Aus dem Aufsatz

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Metaphysik und Logik (= Immanuel Kants Werke, Bd. III), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 267 ff.

Den Begriffen liegt eine Anschauung zugrunde, ohne die sie keinen Sinn oder Bedeutung haben könnten.

Mendelssohn (in Morgenstunden, s. dazu. [Bemerkungen über Mendelssohns Morgenstunden], und Brief an Lessings Freunde) stellt die Maxime auf: Gemeinsinn od. gesunde Vernunft dienen dazu, sich im spekulativen Gebrauche der Vernunft zu orientieren.

Begriff „sich orientieren”

  1. Im eigentlichen Sinne: aus einer gegebenen Weltgegend (Nord, Süd, Ost, West) die übrigen finden.
  2. Z. B. wenn ich jetzt die Sonne am Himmel sehe, und jetzt Mittag ist, so kann ich auf Norden, Westen und Osten schließen. Voraussetzung: das Gefühl der rechten und linken Hand.

  3. Erweiterung von 1: sich in einem Raum orientieren (z. B. in einem dunklen Zimmer) = sich mathematisch orientieren.
  4. Erweiterung von 2: sich im Denken, d. h. logisch orientieren.

Die Vernunft verfügt über keine objektiven Gründe mehr, wenn sie sich über die Grenze der Erfahrung erweitern will, und nur über einen subjektiven Unterscheidungsgrund: das Gefühl des eigenen Bedürfnisses der Vernunft.

Sich im Denken überhaupt orientieren heißt also: sich, bei der Unzulänglichkeit der objektiven Prinzipien der Vernunft, im Fürwahrhalten nach einem subjektiven Prinzip derselben bestimmen. [Anm. S. 270]

Die Vernunft hat das Recht, etwas ohne zureichende objektive Gründe vorauszusetzen.

Allein hiedurch, nämlich durch den bloßen Begriff, ist auch noch nichts in Ansehung der Existenz dieses Gegenstandes und der wirklichen Verknüpfung desselben mit der Welt (dem Inbegriffe aller Gegenstände möglicher Erfahrung) ausgerichtet. Nun aber tritt das Recht des Bedürfnisses der Vernunft ein, als eines subjektiven Grundes, etwas vorauszusetzen und anzunehmen, was sie durch objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßen darf; und folglich sich im denken, im unermeßlichen und für uns mit dicker Nacht erfülleten Raume des übersinnlchen lediglich durch ihr eigenes Bedürfnis zu orientieren. [1#6]

Aufklärung. Selbstdenken

[Anmerkung zum letzten Absatz.]

Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. i. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung. Dazu gehört nun eben so viel nicht, als sich diejenigen einbilden, welche die Aufklärung in Kenntnisse setzen; da sie vielmehr ein negativer Grundsatz im Gebrauche seines Erkenntnisvermögens ist, und öfter der, so an Kenntnissen überaus reich ist, im Gebrauche derselben am wenigsten aufgeklärt ist.

Der Probierstein der Wahrheit in sich selbst zu suchen, ist selbstdenken. Die Aufklärung ist die Maxime, jederzeit selbst zu denken. Dieses Selbstdenken besteht darin, den Grund, warum man etwas annimmt, und die Regel, die sich daraus ergibt, zu verallgemeinern. Dies ist in einem Einzelnen durch Erziehung einfach hervorzubringen; hingegen ist es, ein Zeitalter aufzuklärern, sehr langwierig.

Zurück zur Schriften-Übersicht: heraus


↑ oben

Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala