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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie (1788,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Februar und März 2007 durchgeführt.

1788 (64) Aufsatz. Zeitschrift: Teutscher Merkur. 28 S.
Originaltitel: Ueber den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie. von I. Kant
Zeitschrift: Teutscher Merkur (Januar) S. 36-52; (Februar) S. 123-136.
Katalog-Nr. Adickes: 0066 / Warda: 121
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 157-184 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Zwecke in der Wissenschaft als Ergänzung der Theorie.

Kant verteidigt hier seinen Begriff der Menschenrasse gegen einen Einwurf, indem er das darunterliegende teleologische Prinzip erklärt. Erörtert wird auch, dass die Teleologie für die Untersuchung der organisierten Wesen unverzichtbar ist, sie aber die physisch-mechanische Physik nur erweitern und nicht ersetzen kann. Am Schluß lobt Kant Carl Leonard Reinhold dafür, sein Werk gut, verständlich und schön dargestellt und somit ergänzt zu haben, und geht kurz auf einen formalen Einwand einer Stelle der KrV.

Zusammenfassung

ZF200: Die teleologischen Gründe sollen in der Wissenschaft dann angewendet werden, wenn die theoretischen ausgeschöpft sind, und ergänzen diese nur. Die Wissenschaft kann nur die Zwecke untersuchen, von denen wir Erfahrung tun. Deshalb können wir keine teleologie in der Physik anwenden, da wir dort a priori zwar eine Ursache-Wirkung-Verknüpfung, aber keine Zweck-Verknüpfung ausmachen können. Die organisierten Wesen, die dem Begriff nach eine Materie sind, in der Alles wechselseitig als Zweck und Mittel aufeinander in Beziehung steht, können nicht physisch-mechanisch vollständig erklärt werden. Anders als mit der Natur verhält es sich mit der Freiheit. Die Kritik der praktischen Vernunft zeigt, dass eine reine Zweckslehre möglich ist. Der Mangel an Klarheit über den Einsatz der Teleologie, den ich hier zu beheben versuche, hat viele Missverständnisse verursacht, wie das des Herrn Foster, der sich gegen mein Prinzip der Abstammung als Leitfaden für die Bestimmung der Menschenrassen geäußert hat. Dieses Prinzip zeigt, dass alle Menschen zu einem einzigen Stamm gehören, bezwingt uns, bei der Erfahrung zu bleiben, und vermeidet, dass wir in metaphysische Ausschweifungen verfallen. Dank möchte ich an Herr Reinhold öffentlich abstatten, der meine Arbeit an der spekulativen und praktischen Vernunft mit einer lichtvollen und anmutigen und doch gründlichen Darstellung so gut ergänzt hat.

Quelle

Kants Werke. Abhandlungen nach 1781 (= Akademie-Textausgabe, Bd. VIII), Hg. Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Walter de Gruyter & Co., Berlin, 1968, S. 157-184.

Herausgeber dieses Aufsatzes: Heinrich Maier.

Veröffentlichung

Der Aufsatz hat einen doppelten Anlass und Zweck: { nicht zeigen

Quelle: Anmerkungen des Herausgebers, o. g. Ausgabe, S. 487.

}

Siehe dazu den Brief Kants an Reinhold vom 28. und 31. Dezember 1787. Kant erklärt da seine doppelte Absicht und auch berichtet er über seine Arbeit an der Critik des Geschmacks (die zwei Jahre später veröffentlichte Kritik der Urteilskraft) als Abschluss des kritischen Werkes.

Textablauf

#1 [Antwort auf die Kritik des H. Forster]

{ nicht zeigen

S. 159

Natur = Gesamtheit all dessen, was „nach Gesetzen bestimmt existiert“.

Forschungsansatz Wissenschaft Untersuchte Zwecke
theoretisch Physik aus Erfahrung bekannte Zwecke
teleologisch Metaphysik aus reiner Vernunft erkannter Zweck

Ich habe an anderem Ort zeigt, dass die Metaphysik theoretische Gründe nicht einsetzen kann, und dass sie nur teleologische Gründe benutzen darf.

In einem kleinen Versuch über die Menschenrassen wollte ich beweisen, dass man hier auch ein teleologisches Prinzip einsetzen soll, da die theoretischen unzulänglich sind.

S. 159-160

In jeder Naturuntersuchung muss die Theorie vorausgehen. Ihre Erkenntnisse der wirkenden Ursachen sind unersetzlich. Die Teleologie lässt sich nur als letztes Mittel anwenden und soll immer der Theorie den Vorrang geben.

S. 160

In zwei ungleich erheblichen Aufsätzen bin ich missverstanden worden, wohl weil der Einsatz der Teleologie nicht genug aufgehellt worden ist.

S. 160-161

Herr Geheimrat Georg Forster kritisiert in einem Aufsatz im Teutschen Merkur Okt. und Nov. 1786 meine Schrift Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse: { nicht zeigen

}

Die wahre Metaphysik kennt die Grenzen der menschlichen Vernunft. Die Vernunft kann keine Grundkräfte a priori ausmachen. Man kann nur versuchen, die Grundkräfte ausgehend von den Wirkungen zu erkennen und sie auf die minimale Anzahl zurückzuführen.

S. 181

Aus eigener Erfahrung können wir von den Grundkräften des Verstandes und des Willens sprechen. Der Wille ist, so fern er durch den Verstand bestimmt wird, das Vermögen, Etwas gemäß eine Idee (dem Zweck) hervorzubringen.

S. 181-182

Eine Grundkraft ohne Zweck anzunehmen, ist unserer Erfahrung völlig fremd und daher unakzeptabel.

S. 182

Entweder sprechen wir nicht von einer Ursache organisierter Wesen, oder aber denken wir an einem intelligenten Wesen. Denn eine andere Ursache müsste von einer anderen Grundkraft ausgehen, einer Grundkraft, von der wir keine Erfahrung haben.

}

#2 [Fazit - Dank an Reinhold - Erwiderung auf einen Einwurf]

[Fazit]

Zwecke können wir nur in uns selbst erkennen, anderswo nur als Analogie.

Es gibt zweierlei Zwecke: der Natur und der Freiheit.

In der Natur lassen sich keine Zwecke a priori ausmachen. A priori erkennt man, dass es in der Natur eine Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung gibt. Deshalb beschränkt sich das teleologische Prinzip in der Natur auf das Empirische.

Anders verhält es sich in der Freiheit. Die Kritik der praktischen Vernunft zeigt reine praktische Prinzipien a priori. Mann kann von einer reinen Zweckslehre (der Freiheit) erwarten, den Urgrund der zweckmäßigen Verbindung vollständig und für alle Zwecke anzugeben.

„Weil aber eine reine praktische [S. 183] Teleologie [...] zu sichern.“

S. 183

[Dank an Reinhold]

Dem Verfasser der „Briefe über die Kantische Philosophie“ möchte ich meinen Dank öffentlich abstatten. Denn er ergänzt meine Arbeiten der spekulativen und praktischen Vernunft, indem er sie lichtvoll, ja anmutig darstellt, ohne die Gründlichkeit einzubüßen.

[Erwiderung auf einen Einwurf]

S. 183-184

In der Leipzigen Gelehrten Zeitung 1787 No. 94 behauptet man, es gäbe einen Widerspruch in der Kritik der reinen Vernunft (B):

Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann. [5#5.3:4]
Daß es nun dergleichen nothwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urtheile a priori im menschlichen Erkenntniß wirklich gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen; will man ein solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen; [...] [6#2.1:2]

Es handelt sich um zwei Bedeutungen des Worts rein. In der KrV geht es durchgehend um letztere [?].

S. 184

Anlässe zu Missverständnissen gibt es natürlich viele.

Auch: In der Vorrede der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft behaupte ich, die Deduktion der Kategorien sei wichtig, aber nicht äußerst notwendig, wie in der Kritik.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala