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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Über eine Entdeckung nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll (1790,2) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2005 durchgeführt.

1790 (66) Monographie. 67 S.
Originaltitel: Ueber eine Entdeckung nach der alle neue Critik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll, von Immanuel Kant. Königsberg, 1790. bey Friedrich Nicolovius.
[126 S.]
Katalog-Nr. Adickes: 0070 / Warda: 132
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 185-251 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Bücher und Broschüren
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Antwort auf einen Kritiker (Eberhard).

Kant weist in dieser Schrift die Einwände von H. Eberhard, nach denen die Leibnizische Philosophie eine Vernunftkritik enthalte, die die Kantische Kritik miteinbeziehe und sogar übertreffe, als unbegründet und bösartig zurück. Außerdem enthält die Schrift die Klärung von zwei Begriffen aus der Kritik der reinen Vernunft und eine Würdigung Leibnizens.



Zusammenfassung

Mit dieser Schrift beantwortete Kant die Behauptung, die Philosophie Leibnizens enthalte eine Vernunftkritik, die die Kantsche Kritik der reinen Vernunft miteinbeziehe und auch noch erweitere. Die Einwände des Herrn Eberhard sind nicht nur unbegründet — er scheint nichts in der Kritik der reinen Vernunft verstanden zu haben, so verwechselt er die logischen und die materiellen Prinzipien der Erkenntnis und hält analytische und synthetische Urteile nicht auseinander —, sondern auch voreingenommen und absichtlich irreführend.

Nebenbei erörtert Kant zwei Begriffe der Kritik der reinen Vernunft: den der Konstruktion eines Begriffes — als seine Darstellung durch Hervorbringung einer Anschauung — und den der Abstraktion — die nicht den Begriffen, sondern deren Gebrauch zukommt —.

Die letzten vier Absätze widmet Kant der Würdigung Leibnizens. Der Satz des zureichenden Grundes, die Monaden und die vorherbestimmte Harmonie zwischen Seele und Körper werden als die Hauptmomente seiner Philosophie dargestellt und als Aussagen nicht über die äußere Welt, sondern über die Vernunft ausgelegt, womit Leibniz als vorläufer der Kritik der reinen Vernunft angesehen wird.

Aus dem Buch

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Metaphysik und Logik (= Immanuel Kants Werke, Bd. III), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 295 ff.

Herr Eberhard behauptet, die Leibnizsche Philosophie enthalte eine Vernunftkritik, die die Kantsche Kritik mit einbeziehe und noch erweitere.

Wie es nun zugegangen sei, daß man diese Sachen in der Philosophie des großen Mannes und ihrer Tochter der Wolffischen nicht schon längst gesehen hat, erklärt er zwar nicht; allein wie viele für neu gehaltene Entdeckungen sehen jetzt nicht geschickte Ausleger ganz klar in den Alten, nachdem ihnen gezeigt worden, wornach sie sehen sollen. [1#1.3]

[Bild des Gerichts nicht zeigen

Analogie mit metaphysischen Streitigkeiten.

Das erste, worauf wir in diesem Streithandel zu sehen haben, ist, nach dem Beispiele der Jusristen in der Führung eines Prozesses, das Formale. [S. 298]

]

Prinzip Entsteht es aus dem Satze des Widerspruchs?
Logisches (formales) Prinzip der Erkenntnis Ein jeder Satz muß einen Grund haben ja
Transzendentales (materielles) Prinzip der Erkenntnis Ein jedes Ding muß einen Grund haben nein

Über H. Eberhard

Es ist schlimm, mit einem Autor zu tun zu haben, der keine Ordnung kennt, noch schlimmer aber mit dem, der eine Unordnung erkünstelt, um seichte oder falsche Sätze unbemerkt durchschlüpfen zu lassen. [S. 300]
Herr Eberhard muß entweder gar keinen Begriff vom Unterschiede eines logischen (formalen) und transzendentalen (materiellen) Prinzips der Erkenntnis haben, oder, welches wahrscheinlicher ist, dieses ist eine von seinen künstlichen Wendungen, um, statt dessen, wovon die Frage ist, etwas anderes unterzuschieben, wornach kein Mensch fragt. [S. 304]
Er mußte dem Begriffe des Nichtsinnlichen durch eine Wendung, die er den Leser nicht recht merken läßt, eine andere Bedeutung geben, als die, welche nicht allein die Kritik, sondern überhaupt jedermann damit zu verbinden pflegt. [S. 313]
Die zweite Unrichtigkeit betrifft einen so offenbaren Widerspruch, daß Herr Eberhard ihn notwendig bemerkt haben muß, aber ihn so gut, wie er konnte, verklebt und übertüncht hat, um ihn unmerklich zu machen: […] [S. 316]
Wir haben es mit einem künstlichen Manne zu tun, der etwas nicht sieht, weil er es nicht sehen lassen will. [S. 321]
Was soll man hier an Herrn Eberhard bezweifeln: die Einsicht, oder die Aufrichtigkeit? [S. 329]

Über Leibniz und Philosophie überhaupt

Leibniz wie verschiedenen älteren Philosophen werden missverstanden von manchem Geschichtschreiber der Philosophie, der „über dem Wortforschen dessen, was jene gesagt haben, dasjenige nicht sehen kann, was sie haben sagen wollen.”

Begriffsklärung: „Konstruktion”

Anmerkung, S. 302

Konstruktion eines Begriffes = Darstellung des Begriffes durch Hervorbringung einer Anschauung.

Begriffsklärung: „Abstraktion/Konkretion”

Anmerkung, S. 311

Abstraktion und Konkretion kommen nicht den Begriffen, sondern nur seinem Gebrauch zu.

Man abstrahiert nicht einen Begriff als gemeinsames Merkmal, sondern man abstrahiert in dem Gebrauche eines Begriffs von der Verschiedenheit desjenigen, was unter ihm enthalten ist, […] Die Unterschiede von abstrakt und konkret gehen nur den Gebrauch der Begriffe, nicht die Begriffe selbst an.

Kein klassischer Autor der Philosophie

Anmerkung, S. 334

Wenn es jemand einfiele, den Cicero zu tadeln, daß er nicht gut Latein geschrieben habe: so würde irgend ein Scioppius (ein bekannter grammatischer Eiferer) ihn ziemlich unsanft, aber doch mit Recht, in seine Schranken weisen: denn, was gut Latein sei, können wir nur aus dem Cicero (und seinen Zeitgenossen) lernen. Wenn jemand aber einen Fehler in Platos oder Leibnizens Philosophie anzutreffen glaubte, so wäre der Eifer darüber, daß sogar an Leibnizen etwas zu tadeln sein sollte, lächerlich. Denn, was philosophisch-richtig sei, kann und muss keiner aus Leibnizen lernen, sondern der Probierstein, der dem einen so nahe liegt, wie dem anderen, ist die gemeinschaftliche Menschenvernunft, und es gibt keinen klassischen Autor der Philosophie.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala