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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee (1791,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation November 2005 und März 2007 durchgeführt.

1791 (67) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 19 S.
Originaltitel: Ueber das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodicee
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 18 (September) S. 194-225.
Katalog-Nr. Adickes: 0073 / Warda: 136
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 253-271 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Keine wissenschaftlich gültige Theodizee. Es kommt auf den aufrichtigen Glauben an.

Die Klage gegen Gott wegen des Bösen und des Schmerzes in der Welt lässt sich rein wissenschaftlich nicht abweisen, obwohl dieses zu versuchen ein legitimes Unterfangen ist. Die menschliche Vernunft ist dazu nicht in der Lage. Hier kommt es viel mehr auf den Glauben an, und vor allem auf die Aufrichtigkeit (die des Menschen größtes Manko ist).

Zusammenfassung

ZF200: Die Theodizee ist eine legitime Beschäftigung der Vernunft mit sich selbst. Vor dem Gerichtshof der Vernunft muss man sich auf vernünftige Gründe beschränken und darf nicht die Vernunft selbst umgehen oder abweisen. Man kann davon allerdings keinen Beweis der höchsten Weisheit Gottes erwarten, dazu wäre Allwissenheit erforderlich. Man wirft Gott dreierlei vor: 1. Das moralisch Zweckwidrige in der Welt (das Böse und die Sünde), 2. das bedingt Zweckwidrige (das Übel und den Schmerz) und 3. das Missvershältnis zwischen Verbrechen und Strafe (den Schmerz). Damit stellt man Gottes Heiligkeit, Gütigkeit bzw. Gerechtigkeit in Frage. Die Rechtfertigungen, die man bisher gab, lassen sich in 9 Arten gruppieren. Man kann im Einzelenen sehen, dass jedes Argument ungültig ist. Dass man bisher die moralische Weisheit der Weltregierung nicht hat rechtfertigen können, ist darauf zurückzuführen, dass es unser Denkvermögen übersteigt, den Begriff der Kunstweisheit in der Einrichtung der Welt und den Begriff der moralischen Weisheit zusammenzudenken. Doch die Theodizee hat viel mehr mit Glauben als mit Wissenschaft zu tun. Vorbild hierzu ist Hiob, der immer aufrichtig das Urteil über Gott allein auf Moralität gründet. Es kommt darauf an, das eigene Unvermögen zu bekennen und aufrichtig zu sein. Denn das ist das Schlechteste im Menschen: ihre Unaufrichtigkeit.

Textablauf

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. VI), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 103-124.

S. 105

1# [Dreifache Art der Rechtfertigung und deren Widerlegung]

{ nicht zeigen

Eine Theodizee ist eine Rechtfertigung Gottes angesichts der Zweckwidrigkeiten in der Welt. Dies ist eine legitime Beschäftigung der Vernunft, die sich selbst Schwierigkeiten stellt, die sie zu überwinden versucht. So kann eine Theodizee nicht die Vernunft für zu solchen Fragestellungen unfähig erklären oder die Kritik im Ganzen anderweitig abweisen, sondern sie muss sich auf die Einwände einlassen und eine formale Widerlegung liefern. Allerdings braucht eine Theodizee nicht, die höchste Weisheit Gottes zu beweisen, weil dazu Allwissenheit erforderlich wäre.

[Bild: der Gerichtshof der Vernunft.]

S. 106

[Anmerkung] { nicht zeigen

Der Beweis des Daseins Gottes muss auf dem Begriff der moralischen Weisheit aufbauen. Dieser muss von der Kunstweisheit des Welturhebers unterschieden werden, denn Naturgesetz und Sittengesetz erfordern ganz andere Prinzipien.

}

S. 106-107

Zweckwidrigkeit in der Welt Entsprechende Eigenschaft Gottes
Das schlechthin Zweckwidrige. Moralisch Zweckwidrig. Das Böse. Die Sünde. Dessen Heiligkeit
Das bedingt Zweckwidrige (als Mittel akzeptabel). Physisch Zweckwidrig. Das Übel. Der Schmerz. Dessen Gütigkeit
Missverhältnis von Verbrechen (Bösem) zu Strafen (Schmerz). Dessen Gerechtigkeit

[Anmerkung] { nicht zeigen

Diese Eigenschaften sind voneinander unabhängig und stellen eine feste Rangordnung dar.

}

S. 108-110

1. Klage gegen die Heiligkeit Gottes

Basierend auf dem Moralischbösen in der Welt. Die gegebenen Rechtfertigungen sind ungültig: { nicht zeigen

Rechtfertigung Widerlegung
a) Wir schätzten als zweckwidrig etwas ein, das es aus der Sicht Gottes vielleicht gar nicht sei. Diese Rechtfertigung ist ärgerlich und widerspricht jedem Gefühl für Sittlichkeit. Sie bedarf keiner Widerlegung.
b) Das Moralischböse entstehe wegen den Schranken der Natur des Menschen. Dann wäre dies kein Böses, weil ohne Schuld der Menschen.
c) Das Moralischböse entstehe aus den Taten der Menschen, die Gott nicht billige aber zulasse. Dies läuft auf das Vorige aus: Das Übel (nicht: das Böse) entsteht aus der Natur des Menschen.

}

S. 110-111

2. Klage gegen die Gütigkeit Gottes

Basierend auf den Übeln (Schmerzen) in der Welt. Die gegebenen Rechtfertigungen sind ungültig: { nicht zeigen

Rechtfertigung Widerlegung
a) Es gebe kein Übergewicht des Übels über den Genuß. Das sehe man darin, dass jeder am Leben bleiben will. Dies ist Sophisterei.
b) Das Übergewicht der Schmerzen über das Angenehme gehöre zur Natur eines Tieres dazu. Dieses wirft die Frage auf, warum Gott uns dann überhaupt ins Leben gerufen hat.
c) Das gegenwärtige Leben mit seinem Trübsel sei dazu da, dass wir einer künftigen Glückseligkeit würdig werden. Dies lässt sich nicht als notwendig ansehen und kann also nicht als Beweis fungieren.

}

S. 111-114

3. Klage gegen die Gerechtigkeit Gottes

Die gegebenen Rechtfertigungen sind ungültig: { nicht zeigen

Rechtfertigung Widerlegung
a) Die Straflosigkeit ist nur scheinbar, denn dem Verbrecher plagen die Gewissensbisse. Nich jeder (besonders der lasterhafte Mensch nicht) hat Schuldbewusstsein.
b) Das ungerechte Verhältnis zwischen Schuld und Strafen in der Welt ist dazu da, den Verdienst des Gerechten zu vergrößern, indem er darunter leidet. Dieses wäre annehmbar, wenn am Ende des irdischen Lebens die Tugend gekrönt wäre, es ist aber nicht so.
c) Der weltliche Erfolg soll nur an weltlichen Gegebenheiten gemessen werden, nicht an übersinnlichen Zwecken. Die Vernunft stammt schließlich aus der Natur und seine Ideale somit auch. Diese sind insofern auch weltlich.

}

}

2# [Die moralische Weisheit Gottes ist unbeweisbar]

{ nicht zeigen

S. 114

Die Analyse der Argumente (das Rechtshandel vor dem Gerichtshofe der Philosophie) zeigt, dass man bisher die moralische Weisheit der Weltregierung nicht hat rechtfertigen können.

Die Frage lässt sich ein für allemal lösen, indem man das Verhältnis zwischen der Welt der Erfahrung und der höchsten Weisheit aufzeigt.

S. 115

Wir haben zwei Begriffe:

Diese zwei Begriffe können wir nicht zusammendenken. Wir folgen einerseits dem Willen des Urhebers, wir agieren andererseits selbstbestimmt. Es übersteigt unser Denkvermögen, beide zu vereinen. Und nur so könnte man die moralische Weisheit Gottes einsehen. Diese ist also für den Menschen unbeweisbar.

}

3# [Hiob als Vorbild]

{ nicht zeigen

S. 115-116

Die Theodizee soll Auslegung der Natur sein, da Gott durch die Natur seinen Willen kund tut. Die Auslegung kann doktrinal (spekulativ) oder authentisch (von Gott selbst durch die Vernunft hervorgebracht) sein.

S. 116-119

Hiob ist ein Beispiel von Glauben, das auf der Moralität gegründet ist. Dies ist die echte Art des Glaubens, auf der eine Religion des guten Lebenswandels gründet.

}

4# Schlussanmerkung

{ nicht zeigen

Die Theodizee hat viel mehr mit Glauben als mit Wissenschaft zu tun. Es kommt darauf an, das eigene Unvermögen zu bekennen und aufrichtig zu sein.

S. 119-120

Dieses veranlaßt noch folgende kurze Betrachtung über einen reichhaltigen Stoff, nämlich über die Aufrichtigkeit als das Haupterfordernis in Glaubenssachen, im Widerstreite mit dem Hange zur Falschheit und Unlauterkeit, als dem Hauptgebrechen in der menschlichen Natur.

S. 120

Eine Unterscheidung, der die Sitten- und Religionslehrer viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, ist die zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

Ob man selbst wahrhaft ist, lässt sich mit Sicherheit ausmachen. Nicht so mit der Wahrheit.

S. 122

Die Aufrichtigkeit ist wohl die Eigenschaft, „von der die menschliche Natur gerade am weitesten entfernt ist. Eine traurige Bemerkung!“

S. 122-123

Ein kontemplativer Misanthrop (der von den Menschen alles Böse glaubt) würde die Menschen wegen ihrer Feindseligkeit hassen, wegen ihrer Lügenhaftigkeit (auch vor dem eigenen Gewissen) aber für verachtungswürdig halten, was noch schlimmer ist.

S. 123-124

In den Briefen über die Gebirge, die Geschichte der Erde und Menschen, kommt Herr de Luc zu der Einsicht, dass der Mensch einen Hang zur feinen Betrügerei hat. Dem schließe ich mich an.

S. 124

[Letzter Satz:]

Ein Resultat der Untersuchung, welches ein jeder, auch ohne in Gebirge gereiset zu sein, unter seinen Mitbürgern, ja noch näher, in seinem eignen Busen, hätte antreffen können.

}

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala