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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Über das radikale Böse in der menschlichen Natur (1792,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation März und April 2007 durchgeführt.

1792 (68) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 36 S.
Originaltitel: Ueber das radikale Böse in der menschlichen Natur
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 19 (April) S. 323-385.
Katalog-Nr. Adickes: 0074 / Warda: 137
Akademie-Ausgabe Vgl. Bd. VI: 497-515 [* Falsche Angabe. Richtig ist Bd. VI: 19] Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online
* = Meine Korrektur

Inhalt

Der Hang zum Bösen ist nicht angeboren und lässt sich überwinden.

In der Frage nach Gut und Böse geht es um den freiwilligen subjektiven Grund, eine gute oder böse Maxime anzunehmen. Neben den Anlagen für die Selbsterhaltung und Leben in Gemeinschaft, für das Selbstwertgefühl und für das moralische Gefühl, die angeboren sind und den Menschen weder gut noch böse machen, kann man den Hang zum Guten erwerben oder sich den Hang zum Bösen zuziehen. Der böse Mensch ist nicht bösartig, sondern hat nur nicht dem moralischen Gefühl den Vorrang gegeben. Wir neigen zum Bösen, sind aber der Besserung fähig, und darin gründet die richtige Religion, die nur die des guten Lebenswandels sein kann.

Zusammenfassung

VZ200: Wenn wir hier von Natur des Menschen reden, meinen wir nicht (wie üblich) den Grund dessen, was man unfreiwillig tut, sondern den subjektiven Grund des Gebrauchs der Freiheit. Der Charakter (des Einzelnen wie der Gattung) bestimmt, welche Maxime man annimmt. Der Charakter liegt aller Erfahrung des Subjekts zu Grunde und ist insofern seit der Geburt da, also angeboren. Die Anlagen der menschlichen Natur, die sich unmittelbar auf das Begehrungsvermögen und den Gebrauch der Willkür auswirken, sind die Anlage für die Tierheit (Erhaltung seinerselbst und der Gattung und Gemeinschaft mit anderen Menschen), die Anlage für die Menschheit (sich vor den anderen einen Wert verschaffen) und die Anlage für die Persönlichkeit (moralisches Gefühl). Der Hang zum Bösen ist moralisch (nicht physisch) und zugezogen (nicht angeboren, also keine Anlage) und in 3 Stufen: der Gebrechlichkeit (aus Schwäche die guten Vorsätze nicht vollziehen können), der Unlauterkeit (Pflichtmäßige Handlungen nicht aus reiner Pflicht tun) und der Bösartikeit oder Verderbtheit (anderen Triebfedern als dem moralischen Gesetzt Vorrang zu geben). Der Mensch ist nicht grundsätzlich böse, sondern nur aus Verkehrtheit des Herzens. Der Anfangsgrund des Bösen ist für uns unbegreiflich. Wir neigen zwar dazu, sind aber der Besserung fähig. Die richtige Religion ist die des guten Lebenswandels.

Quelle

Dieser Aufsatz wurde als das 1. Stück von Der Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft wieder gedruckt.

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. IV), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 665-705.

Textablauf

[Einleitung]

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[Entgegengesetzte Meinungen über Gut und Böse in der Weltgeschichte]

S. 665

Seit den ältesten Zeiten meint man, die jeweilige Gegenwart sei die bisher schlechteste Zeit.

S. 665-666

Dem setzt sich die heroische, allein unter Philosophen und neuerdings auch Pädagogen vertretene Meinung entgegen, die Welt gehe allmählich vom Bösen zum Guten. Dieses basiert auf der Annahme eines Grundes zum Guten in der menschlichen Natur.

S. 666

Es stellt sich die Frage, ob nicht beide Meinungen falsch sind, und der Mensch von Natur aus weder Gut noch Böse bzw. beides ist.

[Was ist Böse?]

Wen nennt man böse? Nicht den, der eine gesetzwidrige Handlung tut, sondern den, deren Handlungen auf böse Maximen in ihm schließen lassen.

Aus einer bösen Handlung schließt man zu einer bösen besonderen Maxime. Aus allen bösen besonderen Maximen eines Menschen schließt man zu einer bösen allgemeinen Maxime in ihm.

[Definition von „Natur des Menschen“ und „angeborenem Charakter“]

S. 667

Mit „Natur“ bezeichnet man üblicherweise den Grund dessen, was man unfreiwillig tut. Insofern kommen die Prädikate moralisch gut oder böse der Natur nicht zu.

Mit „Natur“ meinen wir jedoch hier den subjektiven Grund des Gebrauchs der eigenen Freiheit.

Der Grund des Bösen kann nur in einer Maxime liegen, in der Regel, „die die Willkür sich selbst für den Gebrauch ihrer Freiheit macht“.

S. 667-668

Es gibt einen subjektiven Grund der Annehmung guter oder böser Maximen. Dieser ist für uns unerforschlich und drückt den Charakter (des Einzelnen wie der Gattung) aus.

Mit „angeborenem Charakter“ meinen wir einen Charakter, der nicht der Natur, sondern dem Menschen freiwillig zukommt. Dieser liegt aller möglichen Erfahrung des Subjekts zugrunde und ist insofern seit der Geburt da.

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Anmerkung

S. 668-671

Der Mensch ist von Natur aus entweder gut oder böse (nicht beides und nicht keins von beiden).

Man nennt gemeiniglich die, welche dieser strengen Denkungsart zugetan sind (mit einem Namen, der einen Tadel in sich fassen soll, in der Tat aber Lob ist): Rigoristen; [...] [S. 669]

Dieses ergibt sich daraus, dass die Willkür immer unbedingt nach einer Maxime agiert. Und zwar ein und dieselbe Maxime, die sich auf alle Entscheidungen überhaupt auswirkt.

[...] die Freiheit der Willkür ist von der ganz eigentümlichen Beschaffenheit, daß sie durch keine Triebfeder zu einer Handlung bestimmt werden kann, als nur sofern der Mensch sie in seine Maxime aufgenommen hat [...] [S. 670]

S. 672

Nicht der einzelne Mensch ist von Natur aus gut oder böse, sondern die Gattung.

1. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur

S. 672-675

Anlagen im Menschen, die sich unmittelbar auf das Begehrungsvermögen und den Gebrauch der Willkür beziehen:

Diese sind alle Anlagen zum Guten. „Auf sie können allerlei Laster gepfropft werden.

2. Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur

S. 675-676

Hang nenne ich den zufälligen subjektiven Grund der Möglichkeit einer Neigung. Anders als eine Anlage ist der Hang erworben (wenn gut) bzw. zugezogen (wenn böse).

S. 676-677

3 Stufen des Hangs zum Bösen.

S. 678

Der Hang zum Bösen ist kein physischer, sondern ein moralischer Hang, denn er betrifft die Freiheit.

S. 679

Er ist ein subjektiver Bestimmungsgrund der Willkür, der vor jeder Tat vorhergeht.

Als Grund einer gesetzwidrigen Tat ist der Hang ein Laster (peccatum derivativum).

Jeder Tat steht nun aber unter einer Maxime. Die Tat wiederum, eine Maxime, die zu gesetzwidrigen Taten führt, anzunehmen, hat der Hang als peccatum originarium zu beantworten.

3. Der Mensch ist von Natur böse

S. 685

Der Mensch ist nur dadurch böse, dass er die Triebfedern umkehrt und seine Maxime der Selbstliebe Vorrang vor dem moralischen Gesetzt gibt.

S. 686

Die Bösartigkeit des Menschen ist also weniger Bosheit als Verkehrtheit des Herzens.

S. 688

[Anmerkung] Alle Menschen sind Böse.

4. Vom Ursprunge des Bösen in der menschlichen Natur

Der Anfang alles Bösen ist für uns unbegreiflich. Wir sind nicht von Grund aus verderbt, sondern einer Besserung fähig.

Allgemeine Anmerkung. Von der Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in ihre Kraft

S. 695-696

Die Anlage im Menschen ist gut. Das allein macht den Menschen selbst aber nicht gut. Der Mensch kann gut oder böse werden, je nach dem, ob er diese gute Anlage in seine Maxime aufnimmt oder nicht.

Die Wiederherstellung der Anlage zum Guten ist die Herstellung der Reinigkeit des moralischen Gesetzes.

S. 703

Die richtige Religion ist eine Religion des guten Lebenswandels: es geht nicht darum, von Gott etwas zu erwarten, sondern darum, alles zu tun, sich zu verbessern.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala