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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (1793,2) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation wird seit Juni 2008 durchgeführt.

1793 (69) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 41 S.
Originaltitel: Ueber den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 22 (September) S. 201-284.
Katalog-Nr. Adickes: 0078 / Warda: 149
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 273-313 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Textablauf

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik (= Immanuel Kants Werke in sechs Bänden, Bd. VI), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 125-172.

#1 [Einleitung]

ZF100: Die Theorie besteht aus Prinzipien, die sich durch Verallgemeinerung aus praktischen Regeln ergeben. Praxis ist die Anwendung der Prinzipien aus der Theorie. Ein Mensch kann ein guter Theoretiker und ein schlechter Praktiker sein, wenn ihm die nötige Urteilskraft fehlt; die gute Theorie selbst kann jedoch nicht Praxis untauglich sein. Bei einer Theorie, die allein durch Begriffe und ohne Anschauung auskommen muss (wie in der Philosophie), muss man die Frage stellen, ob ihre Objekte real oder leere Ideen sind. In dieser Abhandlung geht es allein um den Pflichtbegriff. Dass er real ist, sieht man darin, dass man ihn selbst erfährt.

S. 127

Die Theorie besteht aus in Allgemeinheit gedachten praktischen Regeln als Prinzipien. Die Praxis ist nicht jede Hantierung, sondern nur die Handlung, die Prinzipien aus der Theorie anwendet.

Während die Theorie aus Verstandesbegriffe besteht, bedarf die Praxis der Urteilskraft, um zu bestimmen, ob ein gewisser Fall unter eine Regel fällt, was sich nicht allein durch Regeln bestimmen lässt. Ein Mensch kann deshalb gut in der Theorie und schlecht in der Praxis sein oder umgekehrt.

S. 128

Eine Theorie, die nicht Gegenstände der Anschauung betrifft (wie z. B. Mechanik, Artillerie es tun, wie in der Mathematik), sondern durch Begriffe vorgestellt wird (wie in der Philosophie), muss sich die Frage stellen, ob ihre Objekte real sind oder aber leere Ideen (womit sie Praxis untauglich wäre).

[Interpretationsfrage: nicht zeigen

Ich interpretiere den Beisatz „(mit Objekten der Mathematik, und Objekten der Philosophie) “ im Sinne von: Es hat eine ganz andere Bewandtnis mit einer Theorie wie in der Mathematik, die Gegenstände der Anschauung betrifft, als mit einer Theorie wie in der Philosophie, deren Gegenstände nur durch Begriffe vorgestellt werden. Grund für meine Interpretation ist weniger die hiesige Redaktion, die etwas undeutlich ist, als vielmehr die anderenorts aufgeführte Unterscheidung unter den Gegenständen von Mathematik (intuitiv) und Philosophie (diskursiv).

]

S. 129

In der vorliegenden Abhandlung geht es allein um den Pflichtbegriff. Dem Pflichtbegriff kommt keine leere Idealität zu, denn wir erfahren ihn.

Von dieser Art Theorie wird häufig behauptet, sie tauge nicht für die Praxis. Das ist ein Skandal.

Denn, von ihr [der auf dem Pflichtbegriff basierenden Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, daß, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmaßung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.

Aus drei Standpunkten wird behauptet, die Theorie sei Praxis-untauglich: aus der Sicht des Geschäftsmanns (privat), des Staatsmanns und des Weltmanns (Weltbürgers). Dem entsprechen die Teile dieser Abhandlung: Theorie und Praxis in der Moral, dem Staatsrecht bzw. dem Völkerrecht.

S. 130

2# I. Von dem Verhältnis der Theorie zur Praxis in der Moral überhaupt. (Zur Beantwortung einiger Einwürfe des Hrn. Prof. Garve)

ZF100: Garve hat Kant vorgeworfen, es sei unmöglich, die Glückseligkeit nicht anzustreben, und der Pflichtbegriff lasse sich nicht auf konkrete Handlungen anwenden. Es geht aber nicht darum, auf Glückseligkeit zu verzichten oder die Pflicht uneigennützig auszuüben, sondern darum, zu erkennen, dass man der Glückseligkeit würdig wird, wenn man die Pflicht unbedingt befolgt. Der Pflichtbegriff ist außerdem viel klarer und praxistauglicher als der der Glückseligkeit. Jeder Mensch hat seit der Kindheit einen deutlichen Sinn für die Pflicht, außerdem kann ein der Glückseligkeit anstrebende Gebot als Mittel zum Zweck nur eine nicht zwingende Empfehlung sein. Die Erfahrung kann hier die Theorie nicht berichtigen.

[Anmerkung] { nicht zeigen

Beantwortung der Einwürfe in:

Ch. Garve: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral und Literatur, Erster Teil, S. 111 bis 116.

}

Garve: Laut Kant soll man der Glückseligkeit entsagen.

Kant: Nicht der Glückseligkeit entsagen, sondern von ihr abstrahieren, soll man, wenn man ihrer würdig werden soll.

S. 132

Garve: Kant soll die Beobachtung des moralischen Gesetzes für den einzigen Endzweck des Menschen halten.

Kant: Der einzige Endzweck des Menschen ist die Vereinigung und Übereinstimmung von Moralität und Glückseligkeit.

S. 134

Diese Einwürfe sind also nichts als Mißverständnisse (denn für Mißdeutungen mag ich sie nicht halten); deren Möglichkeit befremden müßte, wenn nicht der menschliche Hang, seinem einmal gewohnten Gedankengange auch in der Beurteilung fremder Gedanken zu folgen, und so jenen in diese hinein zu tragen, ein solches Phänomen hinreichend erklärte.

S. 134-137

[Auseinandersetzung mit Thesen Garves und Gegenüberstellung eigener Thesen über die Glückseligkeit, die Motive und die Rolle von Gefühl und Gesetz in der Moral]

S. 138

Garve: Es ist unbegreiflich, dass jemand die Pflicht uneigennützig ausüben könne, ohne der Glückseligkeit anzustreben.

Kant: Es ist natürlich unmöglich, zu wissen, ob in einem bestimmten Fall man die Pflicht uneigennützig ausgeübt hat. Es ist aber einzusehen, dass die uneigennützige Ausübung der Pflicht einem der Glückseligkeit würdig macht. (S. 139) Danach soll man streben (unabhängig davon, ob man es erreichen kann).

S. 139-140

Garve: Solche feine, dunkle Unterschiede lassen sich aufs Handeln nicht anwenden.

S. 140

Kant: Ganz im Gegenteil ist der Pflichtbegriff viel besser geeignet für den praktischen Gebrauch als der Begriff der Glückseligkeit und dessen Ableitungen.

Der Begriff der Pflicht in seiner ganzen Reinigkeit ist nicht allein ohne allen Vergleich einfacher, klärer, für jedermann zum praktischen Gebrauch faßlicher und natürlicher, als jedes von der Glückseligkeit hergenommene [...]; sondern auch in dem Urteile selbst der gemeinsten Menschenvernunft [...] bei weitem kräftiger, eindringender und Erfolg versprechender, als alle von dem letzteren eigennützigen Prinzip entlehnte Bewegungsgründe.

S. 140-141

Beispiel: Jedes 8-, 9-jährige Kind wird meinen, es sei unrecht, das fremde anvertraute Geld in widrigen Umständen nicht zurückzugeben.

[Anmerkung: nicht zeigen

Siehe die bemerkenswerte Schilderung der Umstände: ein verarmter menschenfreundlicher Familienvater soll das Geld an reiche lieblose Menschen zurückzugeben.

]

S. 141-142

Der Pflichtbegriff ist alles anderes als dunkel, wir erfahren ihn mit unverkennbarer Deutlichkeit.

S. 142

Daß der Mensch sich bewußt ist, er könne dieses, weil er es soll; das eröffnet in ihm eine Tiefe göttlicher Anlagen, die ihm gleichsam einen heiligen Schauer über die Größe und Erhabenheit seiner wahren Bestimmung fühlen läßt.

Dass in der Geschichte bisher die Tugend so wenig Erfolg hatte, ist darauf zurückzuführen, dass man in Erziehung und Predigt nicht auf den Pflichtbegriff, sondern auf Nutzen basiert hat.

S. 143

Solche Vorschriften sind aber nicht unbedingt zwingend, man kann sie befolgen oder nicht. „Natur aber und Neigung können der Freiheit nicht Gesetze geben.“ Die Verletzung der Pflicht hingegen ist an sich (nicht wegen der Folgen) verwerflich.

Fazit: Die Erfahrung kann in der Moral die Theorie nicht berichtigen.

3# II. Vom Verhältnis der Theorie zur Praxis im Staatsrecht. (Gegen Hobbes)

S. 143-144

Der Vertrag zur bürgerlichen Verfassung nimmt unter allen gesellschaftsgründenden Verträgen eine besondere Stellung, weil der Zweck der Vereinigung nicht eins, den alle Menschen schon haben, sondern eins, den alle haben sollen, eine unbedingte Pflicht, ist.

S. 143-145

Der Begriff des äußeren Rechts ergibt sich aus dem Begriff der Freiheit. A priori ist das öffentliche Recht (Summe äußerer Gesetze) ein Verhältnis freier Bürger unter Zwangsgesetzen. Zwang ist die Einschränkung der Freiheit durch die Willkür eines anderen.

S. 145

Der bürgerliche Zustand basiert also auf diese Prinzipien a priori: Freiheit, Gleichheit, Selbstständigkeit des Einzelnen.

[1] Freiheit als Mensch.

Jeder darf die Glückseligkeit auf seiner Art suchen.

S. 146

Eine väterliche Regierung, in der der Staatsoberhaupt die Bürger als unmündig betrachtet, ist der größte Despotismus.

Eine vaterländische Regierung sucht das Wohl der Bürger, als Rechte fähiges Wesen, und des Staatsoberhauptes.

[2] Gleichheit als Untertan.

[3] Selbstständigkeit als Bürger.

4# III. Vom Verhältnis der Theorie zur Praxis im Völkerrecht. In allgemein-philanthropischer, d. i. kosmopolitischer Absicht betrachtet (Gegen Moses Mendelssohn)

S. 165

S. 172

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala