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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie (1796,1) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2005 durchgeführt.

1796 (72) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 24 S.
Originaltitel: Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 27 (Mai) S. 387-426.
Katalog-Nr. Adickes: 0086 / Warda: 160
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 387-410 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Nicht durch Gefühl philosophieren!

Es ist falsch, sich durch das Gefühl in der Philosophie leiten zu lassen, denn der Mensch verfügt über keine intellektuelle Anschauung und deshalb seine Philosophie nur aus diskursiven Erkenntnissen (also Begriffsarbeit) bestehen kann. Außerdem führt dies zu einem vornehmen Ton und der Aberkennung des Grundsatzes der Freiheit und Gleichheit, was letztendlich den Tod der Philosophie bedeutet. Trotz dieser Spaltung könnte man in der Philosophie Einigung erzielen, denn die einen wie die anderen haben dasselbe im Sinn, nämlich die moralische Verbesserung des Menschen.

Zusammenfassung

Die allerneueste deutsche Weisheit ruft dazu auf, durch das Gefühl zu philosophieren, mit der Absicht, zur Verbesserung der Menschen beizutragen. Dem muß die Wissenschaft entgegenwirken, weil diese Mode sich leicht ausbreiten kann. Zunächst muss man bemerken, dass man sich in der Verbesserung der Menschen nicht messen lassen kann, weil die Moralität etwas Innerliches ist, das sich nicht prüfen und feststellen lässt. Ferner aber muss man einsehen, dass man sich in der Philosophie als diskursiven Erkenntnissen nicht durch die Ahnung leiten lassen kann, weil die Menschen zwar über eine sinnliche, aber keine intellektuelle Anschauung verfügen.

Die Auffassung einer intellektuellen Anschauung führte Plato in die Philosophie ein. Das war sein Fehler, zu dem er aber deshalb kam, weil er richtig einsah, dass die Erkenntnisse der Geometrie a priori und doch synthetisch sind. Ähnliches sah Pythagoras in der Arithmetik.

Eine Philosophie, die sich auf das Gefühl verlässt, fällt außerdem häufig in den vornehmen Ton, ganz anders als eine Philosophie, bei der sich man mühselig durch Begriffe emporarbeiten muss. Vornehm zu tun aber, und den Grundsatz der Gleichheit und Freiheit in Sachen der bloßen Vernunft nicht anerkennen, bedeutet letzendlich den Tod aller Philosophie.

Doch der Streit zwischen den zwei philosophischen Parteien sollte bald beigelegt werden können, wenn beide Seiten sich aussprechen würden, weil beide im Grunde auf dasselbe hinaus sind, nämlich die Menschen zu verbessern, und beide als oberste Instanz das moralische Gesetz in uns anerkennen.

Textablauf

1# Nicht denjenigen, die die Erkenntnis durch Begriffe anstreben und eine mühselige Arbeit zu sich nehmen, sondern nur denjenigen, die über eine intellektuelle Anschauung zu verfügen meinen und mühelos gleich alles beurteilen können, kann es einfallen, vornehm zu tun.

2# Die Eigenschaften der geometrischen Figuren führten Plato zu den Ideen, die Anschauungen a priori sind, als Erklärung dafür, dass man die Erkenntnisse durch Begriffe a priori erweitern kann. Ihm schwebte (auch wenn nur dunkel) die Frage nach der Möglichkeit der synthetischen Sätze a priori vor. Ähnlich erging es Pythagoras. Beide machten den Fehler, die Erkenntnis a priori zum Intellektuellen zu zählen, womit sie auf ein Geheimnis zu stoßen glaubten. „Die Philosophie des Aristoteles ist dagegen Arbeit.“

3# Der in Sachen Philosophie vornehm tut, erhebt sich über ihre Zeitgenossen. Das kommt häufig dann vor, wenn man aus einem höheren Gefühl zu philosophieren glaubt. Neben den traditionellen Wissen, Glauben und Meinen stellt man als Erkenntnisart das Ahnen. Doch die Ahnung (=dunkle Vorerwartung) als eine übernatürliche Mitteilung stellt den Tod aller Philosophie dar.

So wurde Plato (ohne seine Schuld) der Vater aller Schwärmerei in der Philosophie. Später (in den Briefen) tut Plato selbst vornehm.

4# Die allerneueste deutsche Weisheit ruft dazu auf, durchs Gefühl zu philosophieren, um die Menschen besser zu machen. Letzteres ist aber nicht prüfbar, weil die Moralität in inneren, nicht feststellbaren Werten besteht. Heute ist es in Mode, den Philosophen der Vision anzugeben. Dem muß die Wissenschaft entgegenwirken.

5# Dieser Streit zwischen zwei Parteien ist aber eigentlich sinnlos, weil beide dieselbe gute Absicht haben (die Menschen weise und gerecht zu machen). Beide sollten sich aussprechen, um zu einer Einigung zu kommen.

Aus dem Buch

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Metaphysik und Logik (= Immanuel Kants Werke, Bd. III), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 375 ff.

Der Name Philosophie ist, nachdem er seine erste Bedeutung: einer wissenschaftlichen Lebensweisheit, verlassen hatte, schon sehr früh, als Titel der Ausschmückung des Verstandes nicht gemeiner Denker, in Nachfrage gekommen, für welche sie jetzt eine Art von Enthüllung eines Geheimnisses vorstellte. [1. Satz]
Nun findet jede Mensch in seiner Vernunft die Idee der Pflicht, und zittert beim Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in ihm Neigungen regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen. [S. 392]

Auch im Folgenden Interessantes über die Pflicht.

Diese Frage regt durch das Erstaunen über die Größe und Erhabenheit der inneren Anlage in der Menschheit, und zugleich die Undurchdringlichkeit des Geheimnisses, welches sie verhüllt (denn die Antwort: es ist die Freiheit, wäre tautologisch, weil diese eben das Geheimnis selbst ausmacht), die ganze Seele auf. [S. 392-393]

Über das moralische Gesetz in uns:

Die verschleierte Göttin, vor der wir beiderseits unsere knie beugen, ist das moralische Gesetz in uns, in seiner unverletzlichen Majestät. [S. 395]

Bemerkungen über die Philosophie:

[…] die Belesenheit im Plato und den Klassikern, die nur zur Kultur des Geschmacks gehört, kann nicht berechtigen, mit ihr den Philosophen machen zu wollen. [S. 393-394]
Im Grunde ist wohl alle Philosophie prosaisch; und ein Vorschlag, jetzt wiederum poetisch zu philosophieren, möchte wohl so aufgenommen werden, als der für den kaufmann: seine Handelsbücher künftig nicht in Prosa sondern in Versen zu schreiben. [Anm. S. 396-397]

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala