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Philosophisches Lesen > Kant

Immanuel Kant (1724-1804)

Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie (1796,3) heraus

Stand: Vorbereitender Durchgang der Spezifikation Oktober 2005 durchgeführt.

1796 (72) Aufsatz. Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 12 S.
Originaltitel: Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie
Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift 28 (Dezember) S. 485-504.
Katalog-Nr. Adickes: 0088 / Warda: 163
Akademie-Ausgabe Bd. VIII: 411-422 Im Bonner-Korpus (Korpora.org) lesen
Kategorie: Aufsätze
Quelle: Immanuel Kant Information Online

Inhalt

Die Kritische Philosophie kann zu einer dauerhaft friedvollen, lebendigen philosophischen Diskussion führen.

Indem die Kritische Philosophie die moralisch-praktischen Prinzipien der Sittlichkeit und die grundverschiedenen theoretischen Prinzipien der Vernunft grundsätzlich bestimmt, zieht sie Schranken an die Theorie und bestärkt sie die Praxis, wodurch sie die Aussicht zu einer dauerhaft friedvollen und lebendigen philosophischen Diskussion eröffnet und zugleich den von der Natur für die Philosophie beabsichtigten Zweck erfüllt: das fortwährende Belebungsmittel zum Endzweck der Menschheit zu sein.

Zusammenfassung

Rein physisch gesehen hat die Natur in den Menschen den Drang „durch Begriffe zu vernünfteln, d. i. zu philosophieren” eingepflanzt, damit er lebendig bleibe und nicht verfaule. So fungiert die Philosophie als Arzneimittel, die die Gesundheit der Vernunft hervorbringt — und sollte, wie in der Medizin, nur von Fachleuten verordnet werden. Es gibt aber auch eine hyperphysische Grundlage des Lebens des Menschen, die eine Philosophie begründet. Der Mensch hat nämlich Vernunft erhalten, d. h. neben der Seele einen Geist, damit sein Leben nicht bloß technisch-praktischen, sondern auch moralisch-praktischen Gesetzen (einer Pflicht) unterworfen sei. Dieses Lebensprinzip gründet nicht auf theoretischen Erkenntnissen, sondern auf der Idee der Freiheit und dem kategorischen Imperativ, aus denen sich die Ideen von Gott und Unsterblichkeit ergeben. Diese Ideen haben keine objektive Realität in theoretischer Hinsicht; sie sind Postulate, d. h. a priori gegebenen, unbeweisbaren Maximen der Handlung eines Subjekts.

Damit sind wir zu einer Philosophie gekommen, „die sich zum Grundsatze zu machen an sich selbst Pflicht ist”, weil Philosophie als Weisheitsforschung die Zusammenstimmung des Willens mit dem Endzweck ist. Dies macht den praktischen Teil der Kritischen Philosophie aus, die auch einen theoretischen Teil enthält. Die Kritische Philosophie zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Vermögen der menschlichen Vernunft untersucht, bevor sie sich in das Feld des Unerfahrbaren einlässt. Mit diesen Erkenntnissen bewaffnet, wacht sie ständig darüber, dass man die Erscheinungen mit den Sachen an sich selbst nicht verwechsele. Eben dadurch eröffnet sie die Aussicht zu einem ewigen Frieden unter den Philosophen, zu einem Frieden, der keinen Stillstand bedeutet, weil die Vernunft immer tätig bleibt. So erfüllt die Philosophie die Rolle, die der Absicht der Natur entspricht: ein fortwährendes Belebungsmittel zum Endzweck der Menschheit zu sein.

Dieses kann keine andere Philosophie erreichen. Weder der Dogmatismus (z. B. der Wolffischen Schule), der das Ende aller Belebung darstellt, noch der Skeptizismus, der keine Tätigkeit der Vernunft zulässt, noch der Moderatismus [heute üblicher Name: Eklektizismus], der eine bloße Doxologie ist, die zu nichts taugt. Auch die Angriffe eines Herrn Schlosser, der die Kritik der reinen Vernunft vernichten wollte aber deren Grundlagen missverstanden hat, können der Kritischen Philosophie nichts antun. Wenn jeder in der Philosophie sich nur der Pflicht der Wahrhaftigkeit unterwerfen würde, so bräuchte man nur einander zu verstehen, um sofort einen Friedensbund zu schließen. Deshalb kann man jetzt schon verkünden: „den nahen Abschluß eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie.”

Textablauf

Zitiert nach: Immanuel Kant, Schriften zur Metaphysik und Logik (= Immanuel Kants Werke, Bd. III), Hg. Wilhelm Weischedel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 5. erneut überprüfter reprographischer Nachdruck 1983 der Ausgabe Darmstadt 1958, S. 403 ff.

Erster Abschnitt. Frohe Aussicht zum nahen ewigen Frieden.

Von der untersten Stufe der lebenden Natur des Menschen bis zu seiner höchsten, der Philosophie

Die unterste Stufe der Natur des Menschen ist der bloß tierische Instinkt. Der Mensch besitzt eine Lebenskraft, durch die er auf Reize reagiert. Ist ein Mensch gesund, so ist die Wirkung dem Reiz angemessen. Ist die Wirkung zu schwach, so schlägt die animalische Operation in eine chemische, die Fäulnis, um. Auf dieser Stufe ist die Tätigkeit nur mechanisch.

A. Von der physischen Ursachen der Philosophie des Menschen

ZF: Die Natur hat dem Menschen neben der Vernunft den Drang zu philosophieren (=durch Begriffe zu vernünfteln) gegeben, damit er lebendig bleibt. Die Philosophie fungiert als Arzneimittel, das die Gesundheit der Vernunft hervorbringt. Die Beratung über Philosophie sollte nur durch Fachleute, nicht durch Liebhaber erfolgen. Anders als Dogmatismus, Skeptizismus und Moderatismus (Doxologie), untersucht die Kritische Philosophie das Vermögen der menschlichen Vernunft und entdeckt, dass der Begriff der Freiheit und das daraus abgeleitete Gesetz des Kategorischen Imperativs zwar nicht zu erfahren sind, aber eine Wirkung hervorbringen, die seine Realität und Wahrheit beweist. So bekommen die Ideen von Gott und Unsterblichkeit moralisch-praktische Realität, was die praktische Seite stärkt, während die Theorie auf Erfahrbares beschränkt wird, womit die Kritische Philosophie als einzige die Aussicht zu einem dauerhaften Frieden unter den Philosophen eröffnet. Trotz Frieden kann die Vernunft tätig bleiben; die Philosophie wacht darüber, dass man die Erscheinungen mit den Sachen an sich selbst nicht verwechselt. So kann die Philosophie die Rolle spielen, die der Absicht der Natur entspricht: die Rolle des fortwährenden Belebungsmittels zum Endzweck der Menschheit.

Der Mensch hat den Drang, sich seiner Vernunft zu bedienen, um „durch Begriffe zu vernünfteln, d. i. zu philosophieren” und mit anderen zu disputieren — als Einzelne wie auch Schule gegen Schule —. Diesen Drang hat die Natur in den Menschen eingeflanzt, damit er lebendig bleibt.

Von der physischen Wirkung der Philosophie

Die Philosophie fungiert als Arzneimittel, das die Gesundheit der Vernunft hervorbringt. Die Philosophie muss auch von Ärzten verordnet und nicht durch Liebhaber beraten werden, was durch eine Polizei kontrolliert werden soll.

Der stoische Philosoph Posidonius zeigte die Kraft der Philosophie als Arzneimittel, indem er einen Anfall der Gicht durch eine Deklamation über den Satz »Der Schmerz ist nichts Böses« überwältigte.

Von dem Schein der Unvereinbarkeit der Philosophie mit dem beharrlichen Friedenszustande derselben

Der Dogmatismus (z. B. der Wolffischen Schule) ist das Ende aller Belebung der Philosophie („Polster zum Einschlafen”); der Skeptizismus kann keinen Einfluß auf die Vernunft ausüben; der Moderatismus ist keine Philosophie, sondern Doxologie, die zu nichts taugt.

Von der wirklichen Vereinbarkeit der Kritischen Philosophie mit einem beharrlichen Friedenszustande derselben

Die Kritische Philosophie zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Vermögen der menschlichen Vernunft untersucht, bevor sie sich in das Feld des Unerfahrbaren einlässt.

In der menschlichen Vernunft ist etwas Unerfahrbares, dessen Realität und Wahrheit in den Wirkungen festzustellen sind, nämlich der Begriff der Freiheit und das daraus abgeleitete Gesetz des kategorischen Imperativs. Diese geben den Ideen moralisch-praktische Realität (man verhält sich so, als wären Gott und Unsterblichkeit gegeben).

Diese Philosophie wacht darüber, dass man die Erscheinungen mit den Sachen an sich selbst nicht vertwechselt, in einem bewaffneten Zustand, der die Tätigkeit der Vernunft stets begleitet. So eröffnet diese Philosophie die Aussicht zu einem ewigen Frieden unter den Philosophen. Sie bewirkt ihn durch die Ohnmacht der theoretischen Beweise des Gegenteils und die Stärke der praktischen Gründe ihrer Prinzipien. Trotz Frieden bleibt dabei die Vernunft tätig, was der Absicht der Natur entspricht: der Philosophie als fortwährenden Belebungsmittel zum Endzweck der Menschheit.

B. Hyperphysische Grundlage des Lebens des Menschen zum Behuf einer Philosophie desselben

ZF: Der Mensch hat mit der Vernunft neben der Seele einen Geist erhalten, damit sein Leben nicht bloß technisch-praktischen, sondern auch moralisch-praktischen Gesetzen unterworfen sei. Philosophie ist Weisheitsforschung. Weisheit ist die Zusammenstimmung des Willens mit dem Endzweck (dem höchsten Gut). Der Mensch hat übersinnliche Erkenntnisse: die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Sie sind Postulate der moralisch-praktischen Vernunft (und haben keine objektive Realität in theoretischer Hinsicht). Sie lassen sich alle aus dem Kategorischen Imperativ ableiten und begründen eine Pflicht.

Der Mensch hat mit der Vernunft neben der Seele einen Geist erhalten, damit sein Leben nicht bloß technisch-praktischen, sondern auch moralisch-praktischen Gesetzen unterworfen sei. Dieses Lebensprinzip gründet nicht auf theoretischer Erkenntnis, sondern auf der Idee der Freiheit und dem von ihr bekundeten moralischen kategorischen Imperativ. Dieses Lebensprinzip begründet eine Philosophie, „die sich zum Grundsatze zu machen an sich selbst Pflicht ist.”

Was ist Philosophie, als Lehre, die unter allen Wissenschaften das größte Bedürfnis der Menschen ausmacht?

Philosophie = Weisheitsforschung.

Weisheit = Zusammenstimmung des Willens zum Endzweck.

Endzweck = das höchste Gut.

Für den Menschen: Weisheit = das innere Prinzip des Willens der Befolgung moralischer Gesetze.

Der Gegenstand dieser Gesetze ist übersinnlich und begründet eine Pflicht (nicht: technisch-praktische Befolgung einer Regel).

Von den übersinnlichen Gegenständen unserer Erkenntnis

Gott, Freiheit, Unsterblichkeit.

Sie haben keine objektive Realität in theoretischer Hinsicht.

Sie sind Postulate der moralisch-praktischen Vernunft.

Postulat = praktischer Imperativ; a priori gegeben; unbeweisbar.

Postuliert wird nicht eine Sache, sondern eine Maxime (Regel) der Handlung eines Subjekts.

Aus dem kategorischen Imperativ ergibt sich:

Resultat

Der Streit über das, was Philosophie als Weisheitslehre sagt, beruht darauf, die moralischpraktischen Prinzipien der Sittlichkeit mit den theoretischen zu verwechseln. Gegen die Philosophie als Weisheitslehre lässt sich nichts Erhebliches mehr einwänden. So kann man „den nahen Abschluß eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie verkündigen.”

Zweiter Abschnitt. Bedenkliche Aussicht zum nahen ewigen Frieden in der Philosophie

Herr Schlosser (Schriftsteller) hat sich im Feld der Metaphysik gewagt und die Kritik der reinen Vernunft scharf kritisiert. Er missversteht aber den kategorischen Imperativ völlig.

Ein solcher Angriff kann aber den Frieden in der Philosophie nicht gefährden. Man braucht nur einander zu verstehen, um sofort den Friedensbund zu schließen.

Es gibt die Pflicht der Wahrhaftigkeit. Die Lüge „ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.”

Würde man das Gebot, nicht zu lügen, in die Philosophie innigst aufnehmen, so würde den ewigen Frieden eintreten.

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Diese Rubrik 9. 4. 2009 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala