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Philosophisches Lesen > Theorie

Theorie

Notizen zum philosophischen Lesen

Die Philosophie, sie gibt es! — Wenn man mit den großen Geistern der Philosophiegeschichte in Verbindung tritt, fällt einem zunächst auf, dass sie großartige Leistungen erbracht haben. Gleich aber sieht man sich um und stellt verzweifelt fest, dass die Welt es nicht mitbekommen hat, dass sie weiter in ihrer Unwissenheit fortfährt, als hätte kein Mensch je diese Wahrheiten erblickt. Und so kommen wir immer wieder auf Irrwege, die uns — um es bildlich auszudrücken — allein mit der aufmerksamen Lektüre der passenden Stelle des passenden Werkes erspart geblieben wären. Natürlich ist es unmöglich, jeden einzelnen Gedanken im richtigen Augenblick der richtigen Person zur Verfügung zu stellen. Das beanspruchen wir auch nicht. Uns geht es darum, den Großteil des schon Gedachten in Wissenschaft und Bildung eindringen zu lassen. Allein damit wären unsere Anstrengungen in allen Bereichen zweckmäßiger und viel besser orientiert, als sie jetzt sind.

Nutzen der Philosophie — Es wird häufig behauptet, die Philosophie sei nicht von Nutzen. Ich stimme dem zu, die Philosophie nutzt uns heute überhaupt nicht. Daraus ist aber nicht zu schließen, dass wir keine Philosophie mehr brauchen. Ganz im Gegenteil: Was wir tun sollten, ist lernen, sie zu benutzen!

Selbstverständlich geht es auch nicht darum, die Philosophie aus ihren Nutzen zu rechtfertigen. Die Philosophie braucht keine Rechtfertigung außerhalb ihrer selbst. Für die Leute, die Ohren für die Musik haben, braucht die Musik überhaupt keine Rechtfertigung. Für die künstlerisch geprägten Seelen ist die Kunst allein deshalb wichtig, weil sie Schönheit schafft. Für die philosophisch gesinnten Menschen ist die Philosophie auch schon allein deswegen gerechtfertigt, weil sie Wahrheit hervorbringt. Das ist aber wieder kein Grund, sie nicht auch zweckmäßig einzusetzen.

Philosophie als Kunst — Die Philosophie sollte zu dem erhoben werden, was sie eigentlich ist, nämlich zur Kunst. Was Dichtung für die Sprache ist, ist Philosophie für das Denken. Jeder Philosoph sollte individuell behandelt, als eine eigene Welt angesehen, gepflegt und überliefert werden. Was Platon hervorgebracht hat, ist eine einmalige Leistung, die als solche anerkannt werden sollte. Das Gleiche gilt auch für Aristoteles, Kant, Hegel, Nietzsche oder Heidegger. Diese Herangehensweise wäre dann auch angemessener als die heute übliche. Wir sollten in jedem Werk das wahrnehmen, was einzigartig ist, und zwar in all seinem Reichtum. Philosophie ist doch keine Theorie!

Restauration der Philosophie — Es bedarf einer Restauration der Philosophie, und zwar sofort. Die Werke der Philosophiegeschichte stehen heute verfremdet da, unter Staubschichten verborgen, in den Farben verblichen, mit steifen Gelenken und ausgetrocknetem Fleisch — wir haben jeden Sinn für sie verloren. Es bedarf dringend einer massiven, gründlichen historischen Auslegungsarbeit, die zwar nur in kleinen Schritten vorankommen kann, groß aber in der Gesamtwirkung sein, ja das Antlitz der Philosophie überhaupt von Grund aus verändern wird. Denn das heutige Bild der Philosophie ist vor lauter Bodenlosigkeit im Ganzen wie im Detail völlig verkehrt.

Historisch-Systematische Auslegung als Infrastruktur — Was für eine Auslegung schwebt uns unter dem Namen Historisch-Systematische Auslegung vor? Es handelt sich, salopp ausgedrückt, um eine Beschreibung der philosophischen Werke dem Inhalt nach. Das, was wir terminologisch die historisch-systematische Spezifikation eines Werkes nennen, ist eine Darlegung der Ideen, die im Werk zum Ausdruck kommen, zusammen mit einer linguistischen Analyse der Quellen, die jene Darlegung stützt. Diese Spezifikation ist keine abgeschlossene Arbeit eines Einzelnen, sondern das Ergebnis einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die ständig verfeinert und weiterentwickelt wird. Doch die Spezifikationen der einzelnen Werke stehen nicht vereinzelt da: dadurch, dass 1. ein und dieselbe Systematik jede Einzelspezifikation strukturiert und 2. es viele gemeinsame Grundauffassungen wie auch Querverweise unter den Werken gibt, verfügen wir im Ganzen über eine einheitliche, universelle Großspezifikation, die die gesamte philosophische Landschaft — sämtliche philosophische Werke von allen Kulturen und allen Zeiten — erschließt. Eine solche Historisch-Systematische Auslegung stellt für die Gesellschaft überhaupt eine kulturelle Infrastruktur dar, eine richtige — mit dem von Habermas geprägten Ausdruck gesagt — Urbanisierung der philosophischen Provinz. Die Auswirkungen einer Historisch-Systematischen Auslegung sind heute überhaupt nicht abzusehen. Jeder noch so kleine Schritt, den wir in diese Richtung machen, wird für die Menschheit überhaupt von großem Vorteil sein. Klar ist schon einmal dies: Wir müssen tief in die Fundamente graben, wenn wir eine solide Infrastruktur anstreben, die diese Rolle erfüllen kann.

Warum eine historische Auslegung? — Das Adjektiv historisch wird hier als Gegensatz zu reduktiv und kreativ verstanden. Eine Auslegung ist dann reduktiv, wenn sie das Werk auf eine Begrifflichkeit zurückführt, die dem Werke selbst fremd ist. Paradigmatisch ist dabei etwa der Fall, die Werke eines Platons dem Raster der erst 2300 Jahre später entstandenen mathematischen Logik zu subsumieren. Vor einem solchen Gewaltakt gegen das ursprüngliche Werk fliehen wir — soweit wir es erkennen und vermeiden können, was einen ständigen, nie ganz erfolgreichen Kampf gegen das angeblich Selbstverständliche erfordert. Wir entfernen uns ebenso von einer kreativen Interpretation. Nicht, dass wir das Geringste gegen kreative Deutungen hätten, doch wir plädieren für eine vorgängige, eigenständige, rein aufnehmende Verdauung der philosophischen Werke, der gegebenenfalls andere Deutungen nachfolgen können. Solange wir ein philosophisches Werk für denkwürdig halten, liegt es uns erst einmal daran, es so zu verstehen, wie es der Autor geschaffen hat. Die gewünschte Auslegung ist insofern historisch, als sie das Werk aus seiner Zeit — und seinem Autor — heraus versteht. Das ist natürlich ein Ideal, dem wir uns zu nähern versuchen: Eine voll ausgebildete historische Auslegung ist grundsätzlich unerreichbar.

Warum eine systematische Auslegung? — Wenn wir unsere Auslegung nicht nur als historisch, sondern auch als systematisch bezeichnen, so vor allem deswegen, weil wir der formlosen laufenden Rede möglichst aus dem Wege gehen. Wir sind auf der Suche nach einer Struktur der Auslegung, die es uns erlaubt, das Werk in kleine Einheiten so zu zerstückeln, dass wir uns durch den Werkinhalt frei bewegen können, und zwar mit einer Effizienz, die in einem umfangreichen festen Diskurs — den man grundsätzlich nur fortlaufend lesen kann — undenkbar wäre. Deshalb legen wir Wert auf kleine Absätze und eine starke Struktur mit mannigfachen Verweisungen. Doch eine systematische Auslegung hat noch eine Eigenschaft: Die Sätze, aus denen sie besteht, sollten möglichst formal sein. Jede künstlerische, tiefsinnige, andeutende, usw. Neigung wird vermieden und man beschränkt sich auf wenige Bestimmungen, die deutlich, eindeutig und schnell erfasst werden können.

Tatsächlicher Verstehensakt als Ausgangspunkt der historischen Auslegung — Das Verstehen wird nie durch ein automatisches Verfahren entstehen. In der historisch-systematischen Auslegung leiten wir das Verstandene nicht vom Text ab. Wir gehen immer von einem Verstehensakt aus. Wenn er stattgefunden hat, so versuchen wir, das Verstandene zu formalisieren und damit, eine Brücke zwischen dem Text und dem Verstandenen zu schlagen. Der Ausgangspunkt liegt also oben, beim verstehenden Leser, und nicht unten, beim zu verstehenden Text.

Über die historische Deutung — Philosophie ist Deutung. Ein philosophisches Werk ist eine Deutung: der Welt, des Lebens, des Menschen. Ein philosophisches Werk zu lesen, bedeutet, die vom Autor aufgebaute Auslegung wiederherzustellen. Es ist schlicht falsch, mehrere philosophische Deutungen eines Textes zuzulassen. Es gibt nur eine richtige, und zwar die historische. Wenn wir vor dem bloßen Text stehen, bieten sich natürlich viele Deutungsmöglichkeiten an. Doch in der Philosophie geht es nicht um Texte, wie man häufig anzunehmen scheint, sondern primär um Ideen, für die der Text bloßes Mittel ist. Wenn wir den Text als zur Philosophie gehörend nehmen, gibt es nur den Weg, zu versuchen, den Text so zu verstehen, wie ihn der Autor auch verstanden hat. Alles andere ist Missbrauch des Textes.

Kein Philosophiebegriff! — Das erste Gebot eines philosophischen Lesers ist, auf einen eventuellen eigenen Philosophiebegriff gefälligst zu verzichten. Bedauerlich ist ganz gewiss das Spektakel derjenigen, die auf der eigenen Philosophieauffassung um jeden Preis beharren und den Namen Philosophie jeder anderen Unternehmung absprechen, und dies zudem lange bevor sie selbst etwas hervorgebracht haben und als ihre Vorstellungen noch bloßes Programm sind. Aber nicht um dies zu vermeiden, sollten wir als Leser auf einen eigenen Philosophiebegriff verzichten, sondern allein aus streng methodologischen Gründen: Jedes philosophische Werk trägt, ob ausdrücklich oder nicht, eine Philosophieauffassung mit sich, die das Werk mitkonstituiert, und nur aus dieser Auffassung heraus ist das Werk zu verstehen. Man sollte den eigenen Philosophiebegriff — falls vorhanden — ausziehen, bevor man die Buchdeckel aufklappt. Wir möchten schließlich nicht den Text als Anlass zu unseren eigenen Überlegungen nehmen, sondern die Ideen des Autors nachvollziehen.


Die Notizen 13. 5. 2005 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala