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Philosophisches Lesen > Vorstellung

Vorstellung

Ich will nur mit diesem und jenem Autor Zeit verbringen, ihn sich allmählich zeigen zu lassen, die Wärme der ideenmäßigen Nähe beim Lesen in mir fühlen, mit ihm träumen, mich mit ihm verfahren, begeistern, beschweren, mit ihm dieses sehen und keine Augen für jenes haben, seine Begriffe deutlich erfassen und mich auf seine tiefsten Intuitionen einlassen. Und ich wünsche mir, dass meine Mitmenschen sich auch mit den großen Helden der Vernunft beschäftigen, und dass sie auch deren Ideen hegen und pflegen und nicht weiterhin an die Scholle der persönlichen Denkentwürfe gebunden bleiben. Deswegen verabscheue ich alles, was man heute unter dem Namen der Philosophie tut. Mich ekelt das ganze Geschwätz um die in Anführungsstrichen Philosophie, das unerträglich laute Gerede über, das keinen Raum lässt für das Denken mit.

So sehne ich mich nach einer richtigen Philosophiewissenschaft, denn nur mit einer solchen ließe sich aus der philosophischen Fakultät einen gesellschaftlichen Raum machen, in dem nicht der Lärm des Marktplatzes, sondern die Ruhe der Bibliothek waltet. Nur durch eine strenge Wissenschaft kann aus dem philosophischen Fachbereich eine wirklich nützliche Institution werden, die für die Gesellschaft überhaupt das wertvolle Erbe der philosophischen Ideen erschließen d. h. urbar machen soll.


Ueber meiner Hausthür

Wenn das Denken zu Ende geht, indem es aus seinem Element weicht, ersetzt es diesen Verlust dadurch, daß es sich als τέχνη, als Instrument der Ausbildung und darum als Schulbetrieb und später als Kulturbetrieb eine Geltung verschafft. Die Philosophie wird allgemach zu einer Technik des Erklärens aus obersten Ursachen. Man denkt nicht mehr, sondern man beschäftigt sich mit »Philosophie«.
[Martin Heidegger zeigen ]

Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete.
[G. W. F. Hegel zeigen ]

Es ist für mich unbegreiflich, wie unser Jahrhundert so tief in die Schatten, in die dunkeln Werkstätten des Kunstmäßigen sich verlieren kann, ohne auch nicht einmal das weite, helle Licht der uneingekerkerten Natur erkennen zu wollen. Aus den größesten Heldentaten des menschlichen Geistes, die er nur im Zusammenstoß der lebendigen Welt tun und äußern konnte, sind Schulübungen im Staube unsrer Lehrkerker, aus den Meisterstücken menschlicher Dichtkunst und Beredsamkeit Kindereien geworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder Phrases lernen und Regeln klauben. Wir haschen ihre Formalitäten und haben ihren Geist verloren, wir lernen ihre Sprache und fühlen nicht die lebendige Welt ihrer Gedanken.
[Johann Gottfried Herder zeigen ]

Die Kantische Lehre also wird man vergeblich irgend wo anders suchen, als in Kants eigenen Werken: diese aber sind durchweg belehrend, selbst da wo er irrt, selbst da wo er fehlt. In Folge seiner Originalität gilt von ihm im höchsten Grade was eigentlich von allen ächten Philosophen gilt: nur aus ihren eigenen Schriften lernt man sie kennen; nicht aus den Berichten Anderer. Denn die Gedanken jener außerordentlichen Geister können die Filtration durch den gewöhnlichen Kopf hindurch nicht vertragen. Geboren hinter den breiten, hohen, schön gewölbten Stirnen, unter welchen strahlende Augen hervorleuchten, kommen sie, wenn versetzt in die enge Behausung und niedrige Bedachung der engen, gedrückten, dickwändigen Schädel, aus welchen stumpfe, auf persönliche Zwecke gerichtete Blicke hervorspähen, um alle Kraft und alles Leben, und sehen sich selber nicht mehr ähnlich. Ja, man kann sagen, diese Art Köpfe wirken wie unebene Spiegel, in denen Alles sich verrenkt, verzerrt, das Ebenmaaß seiner Schönheit verliert und eine Fratze darstellt. Nur von ihren Urhebern selbst kann man die philosophischen Gedanken empfangen: daher hat wer sich zur Philosophie getrieben fühlt, die unsterblichen Lehrer derselben im stillen Heiligthum ihrer Werke selbst aufzusuchen. Die Hauptkapitel eines jeden dieser ächten Philosophen werden in ihre Lehren hundert Mal mehr Einsicht verschaffen, als die schleppenden und schielenden Relationen darüber, welche Alltagsköpfe zu Stande bringen, die noch zudem meistens tief befangen sind in der jedesmaligen Modephilosophie, oder ihrer eigenen Herzensmeinung. Aber es ist zum Erstaunen, wie entschieden das Publikum vorzugsweise nach jenen Darstellungen aus zweiter Hand greift. Hiebei scheint in der That die Wahlverwandschaft zu wirken, vermöge welcher die gemeine Natur zu ihres Gleichen gezogen wird und demnach sogar was ein großer Geist gesagt hat lieber von ihres Gleichen vernehmen will. Vielleicht beruht Dies auf dem selben Princip mit dem System des wechselseitigen Unterrichts, nach welchem Kinder am besten von ihres Gleichen lernen.
[Arthur Schopenhauer zeigen ]

[Friedrich der Große an Voltaire, 4. 11. 1736] Weit davon entfernt, mich zum Richter Ihrer Werke aufzuschwingen, begnüge ich mich damit, sie zu bewundern; mich zu bilden heißt das Ziel meiner Lektüre. Wie die Bienen hole ich mir den Honig aus den Blumen und überlasse es den Spinnen, Gift daraus zu saugen.
[Quelle: zeigen ]

Ein kleiner Teil derer, die sich das Urteil über Werke des Geistes anmaßen, wirft kühne Blicke auf das Ganze eines Versuchs, und betrachtet vornehmlich die Beziehung, die die Hauptstücke desselben zu einem tüchtigen Bau haben könnten, wenn man gewisse Mängel ergänzte oder Fehler verbesserte. Diese Art Leser ist es, deren Urteil dem menschlichen Erkenntnis vornehmlich nutzbar ist. Was die übrige anlangt, welche, unvermögend, eine Verknüpfung im Großen zu übersehen, an einem oder andern kleinen Teile grüblerisch geheftet sein, unbekümmert, ob der Tadel, den es etwa verdiente, auch den Wert des Ganzen anfechte, und ob nicht Verbesserungen in einzelnen Stücken den Hauptplan, der nur in Teilen fehlerhaft ist, erhalten können, diese, die nur immer bestrebt sein, einen jeden angefangenen Bau in Trümmer zu verwandeln, können zwar um ihrer Menge willen zu fürchten sein, allein ihr Urteil ist, was die Entscheidung des wahren Wertes anlangt, bei Vernünftigen von wenig Bedeutung.
[Immanuel Kant zeigen ]

So unterhielten wir uns denn im Gehen über die Sache, und so ist sie mir, wie schon zu Anfang bemerkt, nicht fremd. Soll ich es also auch euch berichten, so darf ich mich dessen nicht weigern. Machen mir doch auch sonst philosophische Unterhaltungen, mag ich sie nun selbst führen oder anderen dabei zuhören, ganz außerordentliche Freude, abgesehen auch von dem Nutzen, den ich glaube von ihnen erwarten zu dürfen. Höre ich aber irgendwelche andere, besonders wie ihr Reichen und ihr Geschäftsleute sie führt, dann überkommt nicht nur mich selbst ein Unbehagen, sondern ich bedaure auch euch, ihr Freunde, daß ihr euch einbildet etwas zu schaffen, wo ihr doch nichts schafft. Vielleicht haltet auch ihr euerseits mich für ein unseliges Menschenkind, und ich glaube, ihr habt damit ganz recht. Aber was euch anlangt, so glaube ich das nicht, sondern weiß es ganz gewiß.
[Platon zeigen ]

Unsere Zeit ist offenbar so narzisshaft, so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie all das, was in vielen Jahrhunderten, in anderen kulturellen Zusammenhängen und in anderen Epochen, von den klügsten Köpfen ihrer Zeit gedacht und geschrieben worden ist, nicht erst einmal bei sich selbst belassen und um seiner selbst willen betrachten kann, dass sie vielmehr schon im ersten Zugriff nach dem Nutzen fragen zu müssen glaubt, der für sie dabei herausspringt.
[Manfred Fuhrmann zeigen ]


Diese Rubrik 7. 12. 2008 bearbeitet
© Francesc Hervada-Sala